Stadtarchivar zu den Straßenumbenennungen

Stadtarchivar Peter Engels hat diese Woche dem Echo ein Interview bzgl. der Straßenumbenennung gegeben:

https://www.echo-online.de/lokales/darmstadt/die-burgerschaft-muss-es-wollen_20284108 (Achtung, Bezahlschranke! Hier aber zumindest mit journalistischen Mehrwert.)

Bemerkenswert ist, dass die beauftragten Historiker nicht nur scharfer Kritik, sondern auch Bedrohungen ausgesetzt sind. Es wird nicht näher darauf eingegangen welcher Art von Bedrohungen, deswegen will ich da jetzt nicht weiter drüber spekulieren, aber dass überhaupt Bedrohungen gegenüber Historikern stattfinden, sollte zu denken geben.

Des Weiteren wird erwähnt, dass Holger Köhn für den Bericht bundesweit in 20 Archiven geforscht hat. Außerdem weist Engels darauf hin, dass die Entnazifizierungsakten erst seit etwa 15 Jahren für die Öffentlichkeit einsehbar sind. Vorher war eine Sondergenehmigung nötig, um die sich bei so relativ unbekannten Personen wie Peter Grund wohl nur wenige Forscher bemüht haben dürften. Es stimmt also nicht, dass alles im Prinzip schon bekannt war und die Entscheidung nicht auf Basis neuer historischer Erkenntnisse getroffen worden wäre.

Es ist eine erstaunliche Entwicklung. Ursprünglich ging es nur um Hindenburg. Hätte man die Hindenburgstraße 2006 – wie vom Magistrat beschlossen – umbenannt, die anderen Namen wären gar nicht diskutiert worden. Jetzt aber thematisieren wir gar nicht so sehr den Nationalsozialismus, sondern den Umgang damit in der Nachkriegszeit. Es ist nicht unbekannt, aber im allgemeinen öffentlichen Bewusstsein wenig präsent, wie sehr Nationalsozialisten und Mitläufer nach dem Krieg in der Demokratie Karriere machten.

Es gab eine Konstanz im Beamtentum und einflussreichen Berufen. Das klingt erst mal nicht dramatisch, aber nur ein Beispiel, was das bedeutete: Hessen weigerte sich anzuerkennen, dass Roma als Gruppe verfolgt wurden. Das führte dazu, dass jeder Roma Ansprüche auf Entschädigung als Individuum geltend machen und auch belegen musste. Und dann saßen da nicht selten gerichtliche Gutachter, die während der Nazi-Zeit selbst bei der Verfolgung und Deportation von Roma geholfen hatten. Was man da als Betroffener wohl gedacht hat?

Wir vergessen auch gerne, dass Ludwig Metzger von den Amerikanern kurzzeitig des Amtes enthoben wurde, weil er sich weigerte, ins nationalsozialistische System verstrickte Beamte zu entlassen. So viel zum Wert seines Engagement für die Entlastung Peter Grunds. Metzger brauchte ihn dringend als Baudirektor.

Man kann argumentieren, dass das vielleicht nicht im Detail, aber doch im Prinzip längst bekannt war, aber es ist ja nie in das Bewusstsein der Bevölkerung gedrungen. Die Umbenennungen der Straßen sind ein Anfang, um den Leuten überhaupt zu vermitteln, dass da was falsch lief. Dass es da auch heftigen Widerspruch gibt, ist klar. So ist das eben, wenn man mit Wahrheiten konfrontiert wird, die man nicht wahrhaben will.

Interessant auch Engels Aussage zu der Frage, ob weitere Straßennamen bzw. die Personen dahinter untersucht werden. Das verneint er vorerst. Er weist aber darauf hin, dass man sich vielleicht „irgendwann“ die Straßen anschauen wird, die nach absolutistischen Herrschern benannt wurden. Und er erwähnt explizit in diesem Zusammenhang, dass Landgraf Georg I. Hexen verbrennen ließ.

Zwar wird auch klar, dass es in absehbarer Zeit keine Debatte darum geben wird, aber dass er die Frage überhaupt in den Raum stellt, ist eine völlig neue Dimension. Das gab es in Darmstadt noch nie, dass die ehemaligen Fürsten von jemanden, der bei solch Entscheidungen einen erheblichen Einfluss haben dürfte, infrage gestellt werden.

Auch erwähnt Engels Georgs Kanzler Johann Kleinschmidt, nach dem der Kleinschmidt-Steg benannt ist. Das ist ein Name, den kaum ein Darmstädter zuordnen kann. Kleinschmidt war Darmstädter Kanzler in der Zeit von 1573 bis 1587. Kanzler bedeutete damals, dass man die ausführende Hand des Landgrafen war.

Kleinschmidt ist eine blasse, nahezu unbekannte Person aus dem 16. Jahrhundert. Wie kam man im Jahr 1980 darauf, einen Fußgängerüberweg nach ihm zu benennen? Das ist ja keine Figur der Stadtgeschichte wie die Landgrafen und Großherzöge, die man halt so oder so kannte. Da muss man bewusst nach jemanden Ausschau gehalten haben und kommt dann ausgerechnet auf Johann Kleinschmidt? Man hat nichts besseres gefunden als den Handlanger des ersten Darmstädter Landgrafen?

Wenn man jetzt noch bedenkt, dass nur einige Jahre zuvor zumindest teilweise dieselben Leute auf die Idee kamen, eine Straße nach dem überzeugten Nationalsozialisten Adolf Beyer zu benennen, dann darf man die Urteilsfähigkeit der damaligen Entscheider mit gutem Gewissen infrage stellen. Es ist an der Zeit, dass wir uns von den Entscheidungen dieser Leute emanzipieren.

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6 Responses to Stadtarchivar zu den Straßenumbenennungen

  1. Ralf Arnemann says:

    „Es stimmt also nicht, dass alles im Prinzip schon bekannt war “
    Nur weil Informationen über eine gewisse Zeit nicht-öffentlich waren, sind sie nicht historisch neu. Sie waren den damaligen Entscheidern bekannt, sehr viel ausführlicher als in den noch verbliebenen Aktenvermerken – und in Kenntnis aller dieser Informationen wurde Grund damals freigesprochen.
    Und jetzt kommen Engels und Co. und kommen mit deutlich weniger Informationen zum Schuldspruch.

    Da kann man schon zum Schluß kommen, daß die Entscheidung von Bratu und Kollegen substanzvoller und glaubwürdiger ist als die der Kommission.

    Völlig richtig ist: Bei der ganzen Umbenennungskiste geht es nur noch am Rande um Hindenburg und eigentlich auch nicht über die Nazizeit.

    Sondern es geht zentral um die Nachkriegszeit und die Entnazifizierung. Und das ist natürlich ein Thema, das man historisch kritisch sehen kann und das vielleicht auch stärker öffentlich aufgearbeitet werden sollte. Am Ende einer solchen Diskussion könnte dann auch ein anderer Umgang mit öffentlichem Gedenken stehen.

    So aber ist das Pferd völlig von hinten aufgezäumt worden. Letztlich ein riesiger Etikettenschwindel – ein seriöser Umgang mit der Nachkriegszeit und damaligen Fehlern ist in dieser Form nicht möglich.

  2. Jörg says:

    Sie waren den damaligen Entscheidern bekannt, sehr viel ausführlicher als in den noch verbliebenen Aktenvermerken – und in Kenntnis aller dieser Informationen wurde Grund damals freigesprochen.

    Nur die Darmstädter Spruchkammer sah das so. Die Militärregierung und das Hessische Staatsministerium sahen es völlig anders. Die Spruchkammer müsste also Informationen gehabt haben, die weder Militärregierung noch Hessisches Staatsministerium hatten, die sie nicht in den Akten vermerkten und überhaupt niemanden verraten haben. Das erscheint mir etwas weit hergeholt. Natürlich ist es möglich, dass die Spruchkammer völlig unvoreingenommen zu einer anderen Bewertung der Fakten kam als Militärregierung und Staatsministerium, aber das sind die Fakten, die uns heute immer noch vorliegen und die wir daher auch heute bewerten können. Sicher bleibt es spekulativ, ob es da irgendwelche Seilschaften gab oder ob Metzger im Hinterzimmerchen seinen Baudirektor rausgehauen hat, weil er nicht auf ihn verzichten konnte, es ist aber sicher auch nicht so, dass uns heute die Informationen fehlen würden, um zu beurteilen, ob die Entscheidung richtig war oder nicht.

    So aber ist das Pferd völlig von hinten aufgezäumt worden.

    Das stimmt, die Diskussion mit den Bürgern ist versäumt worden. Allerdings fehlen m.E. da auch die richtigen Instrumente. Die Kommunikation zwischen Bürger und Politik, aber auch Historikern braucht auf kommunaler Ebene dringend neue Konzepte.

  3. R.A. says:

    „Die Spruchkammer müsste also Informationen gehabt haben, die weder Militärregierung noch Hessisches Staatsministerium hatten“
    Davon kann man sicher ausgehen.
    Wer ein bißchen Erfahrung mit Gerichtsprozessen hat der weiß, daß in einer mündlichen Verhandlung viel mehr Details und Facetten zum Vorschein kommen als später im Protokoll auftauchen können. Insbesondere zum Thema „Glaubwürdigkeit“ von Zeugen bzw. Angeklagten ist das oft ausschlaggebend.

    Im konkreten Fall ist zusätzlich zu vermuten, daß sich US-Militär und hessische Landesregierung nur ganz oberflächlich informiert haben – woher hätten die die Zeit nehmen sollen um sich in solche lokalen Verfahren im Detail einzuarbeiten. Gehörte ja auch nicht zu ihren Aufgaben.

    • Jörg says:

      Ich fürchte, da kommen wir nicht zusammen. Ich kann nicht sehen, dass Spekulationen über was auch immer in der mündlichen Verhandlung gesagt, aber nicht protokolliert worden sein mag mehr Substanz haben als Spekulationen über das Wirken irgendwelcher hypothetischer Seilschaften. Ich hab’s auch nicht so mit blindem Vertrauen. Selbst die klügsten Menschen treffen manchmal Fehlentscheidungen oder ziehen die falschen Schlussfolgerung. Ohne irgendeine Grundlage anzunehmen, dass das in diesem Fall nicht so gewesen sein könnte, halte ich für wenig zufriedenstellend.

  4. Marc says:

    Vielleicht heißt der Kleinschmidt-Stegdeswegen so, weil er parallel zur Landgraf-Georg-Straße verläuft. Andererseits, warum brauchte die Brücke überhaupt einen Namen?

    Wehe, es guckt jetzt einer in die Archive, dann kann man ja gar nicht mehr spekulieren. 😉

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