Wahl-O-Mat und selbstbestimmte Wahlentscheidungen

Nach einer außergerichtlichen Einigung ist der Wahl-O-Mat wieder online. Unverändert, denn angeblich war der Programmcode so kurzfristig nicht mehr zu ändern. Das mag stimmen. Aber wenn es stimmt, dann war das Ding von Anfang an schlecht programmiert. Eine simple Limitierung aufzuheben, die keinerlei Funktion verändert, sollte mit einigen wenigen Änderungen im Programmcode zu bewerkstelligen sein. Ich kann mir schwer vorstellen, dass der Programmcode so konzipiert war, dass eine Veränderung der Limitierung nicht möglich ist.

Auf 8 Parteien zu begrenzen war ja offensichtlich willkürlich. Was wäre denn gewesen, wenn die Bundeszentrale für politische Bildung im Laufe des Entwicklungsprozesses oder nach den ersten Feldversuchen entschieden hätte, die Limitierung doch lieber auf 10 Parteien zu erhöhen? Ein guter Programmierer hätte diese Möglichkeit bedacht.

Zentrales Argument für die Beschränkung ist auch gar nichts Technisches, sondern die Übersichtlichkeit. Es ist allerdings schon ein großes Maß an Bevormundung, wenn die Bundeszentrale für politische Bildung meint für mich entscheiden zu müssen, ab wie vielen Parteien es für mich zu unübersichtlich wird. Das bekomme ich schon noch selbst hin.

Eine Übersicht über alle Parteien ist mit etwas Zeitaufwand natürlich trotzdem möglich, einfachste Methode ist momentan wohl die Ergebnisse in eine Excel-Tabelle zu übertragen. Bei mir kommt dann das raus:

euwahl

Wenn man das Bild anklickt, kann man es sogar lesen.

Überfordert mich das Ergebnis jetzt? Nicht wirklich. Die Bundeszentrale für politische Bildung betont ja selbst ausdrücklich, dass das keine Wahlempfehlung ist, sondern eine Orientierungshilfe.

Was uns allerdings alle zumindest zeitlich überfordern dürfte, ist das Wahlprogramm von 40 Parteien zu lesen. Von der Einschätzung, was davon nur Absichtserklärungen sind und was von der jeweiligen Partei dann im politischen Alltag tatsächlich zu erwarten ist, ganz zu schweigen. Stichwort: Demokratischer Sozialismus und die SPD.

Hilfreich ist es aber dennoch. So fragt man sich bei der Inflation an Tierschutzparteien beispielsweise nach den Unterschieden. Und da sieht man auf den ersten Blick: Bei Positionen abseits des Tierschutzes unterscheiden sich diese Parteien wie Tag und Nacht.

Es fällt allerdings auch auf, wie verzerrend das Ergebnis sein kann. Ich hatte im vorigen Beitrag ja geschrieben, dass ich das kurzzeitige Verbot des Wahl-O-Mat dafür genutzt habe mir Alternativangebote anzuschauen, bei denen ich – für mich überraschend – die meisten Übereinstimmungen mit der Tierschutzpartei hatte. Beim Wahl-O-Mat dagegen sind die Übereinstimmung zwar auch recht hoch, sie liegt aber dennoch nur auf Rang 8.

Woher diese Unterschiede im Ergebnis kommen, ist klar: Es wurden andere politische Themenfelder abgefragt. Diese hohe Varianz macht deutlich, wie fragwürdig diese Angebote abseits einer nur sehr groben Orientierung sind. Dass Menschen ihre Wahlentscheidung tatsächlich am Wahl-O-Mat ausrichten, ist bedenklich. Nicht berücksichtigt werden zum Beispiel politische Positionen, die nur eine einzelne Partei vertritt, die aber möglicherweise für einen persönlich absolute No-Gos sind. Andere Positionen sind in einer Partei vielleicht längst nicht ausdiskutiert, gegenüber der Bundeszentrale für politische Bildung wird aber dennoch eine Antwort gegeben, die dann im Ergebnis ein viel zu hohes Gewicht einnimmt.

Überhaupt, die Frage nach der Gewichtung: Mag ja sein, dass man mit einer bestimmten Partei die meisten Übereinstimmungen hat, aber je nach Auswahl der Fragen sind das vielleicht auch Punkte, die einem nicht sonderlich wichtig sind. Da werden im Ergebnis dann leicht Parteien nach oben gespült, von denen man sich am Ende dann doch nicht wirklich gut vertreten fühlt.

Der Wahl-O-Mat lässt zwar ein gewisses Maß an Gewichtung zu, die Methodik ist allerdings sehr unzureichend. Letztendlich kann man einzelne Fragen doppelt gewichten, aber es gibt weder No-Gos noch Positionen, die man zwingend vertreten haben will. Die Bundeszentrale für politische Bildung hält die Wähler auch hier offensichtlich für zu überfordert für weitere Abstufungsmöglichkeiten der Gewichtung.

Zu guter Letzt stecken hinter den gleichen Antworten manchmal völlig andere politische Konzepte. So ist die AfD beispielsweise gegen den Aufbau einer europäischen Armee. Mit Pazifismus hat das aber nichts zu tun, sondern neben dem unerträglichen Nationalismus der AfD vor allem mit dem Feststecken in einem überholten Weltbild. Man vertraut lieber der Nato. Ich bin auch gegen den Aufbau einer europäischen Armee, aber nicht um die Nato zu stärken, sondern weil ich der Meinung bin, dass wir Wege finden müssen Militär weltweit zu reduzieren statt zu vergrößern. Der Wahl-O-Mat gaukelt mir hier aber eine Übereinstimmung mit der AfD vor, obwohl die faktisch genau das Gegenteil von dem will wie ich.

Am Ende werde ich vermutlich bei der PARTEI bleiben, die beim Wahl-O-Mat bei mir gerade mal auf dem 6. Platz gelandet ist. Abgesehen von den relativ hohen inhaltlichen Übereinstimmungen, die natürlich Grundlage jeder Wahlentscheidung sein sollten, sind am Ende hauptsächlich 3 Punkte ausschlaggebend:

  • einige von Martin Sonneborns Beiträgen im EU-Parlament.
  • der Sea-Watch-Wahlwerbespot und
  • Nico Semsrotts Standpunkt, dass Demokratie Öffentlichkeit braucht und er diese eher erreichen kann als ein weiterer Grünen-Abgeordneter

Es fällt auf: Der Wahl-O-Mat ist da gar nicht dabei.

 

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