Warum es wichtig ist…

„Haben die denn nichts Wichtigeres zu tun?“

Das war wohl die häufigste Reaktion auf die Nachricht, dass die Hindenburgstraße sowie 7 weitere Straßen in Darmstadt umbenannt werden sollen (oft allerdings in weniger neutraler Wortwahl). Vor allem in den sozialen Medien, so mein Eindruck, waren die Leute mit dieser Meinung klar in der Überzahl. Aber auch im Gespräch mit „echten Menschen“ fiel die Aussage des Öfteren. Lediglich in meinem engsten Freundeskreis gab es auch schon mal ein spontanes: „Das wurde aber auch Zeit!“

Es dürfte daher in der weiteren Debatte entscheidend sein, den Menschen zu vermitteln, warum das kein sinnloser Verwaltungsakt ist, sondern eine wirklich wichtige Entscheidung.

Bei diesen Leuten muss man um Akzeptanz werben. AfD-Mitglieder, die mit rechtsextremen Jargon auf die Meldung von der Umbenennung reagieren, wird man dagegen kaum mit Argumenten erreichen und sollte es daher dabei belassen, sie nur insoweit zu korrigieren, dass neutrale Personen die Chance haben, sich richtig zu informieren.

Ein Scheinargument

Die Floskel, ob es nichts Wichtigeres in der Stadt zu tun gäbe, ist auf den ersten Blick naheliegend und nachvollziehbar, sie rutscht wohl jedem von uns hin und wieder mal raus. Bei naher Betrachtung ist sie jedoch sehr problematisch. Tatsächlich ist sie nämlich ein Scheinargument.

Echte Argumente haben zum einen den Zweck jemanden zu überzeugen und zum anderen in einem Austausch von Argumenten eine Synthese zu finden. Das Wichtigkeitsargument dient aber dazu, die Diskussion ohne weiteren Austausch von Argumenten zu beenden, da es immer irgendetwas Wichtigeres gibt, auf das man verweisen kann.

Man stelle sich aber nur einmal die Szene auf einer Polizeiwache vor, wenn man einen Diebstahl zur Anzeige bringen will und von dem Beamten erwidert bekommt: „Ich habe hier einen Mord, zwei Vergewaltigungen und drei Raubüberfälle auf dem Tisch. Es gibt wirklich Wichtigeres als Ihren Diebstahl. Außerdem sollten Sie froh sein gesund zu sein. Das ist nicht jeder.“

Daran sieht man: ja, es gibt Wichtigeres, dadurch wird es aber nicht automatisch unwichtig. Das ist der Unterschied. Der Verweis auf Wichtigeres sediert eine Gesellschaft.

Zweck von Straßennamen

Straßennamen dienen nicht allein der Orientierung. Wäre dem so, würden wir es machen wie Mannheim oder viele Städte in den USA mit ihren mit Nummern und Buchstaben durchdefinierten Streets und Avenues. Die uneinheitliche Namensgebung bei uns verwirrt eher, als dass sie orientiert. Ich lebe mein ganzes Leben schon in Darmstadt und interessiere mich auch für die Geschichte des Ortes, einschließlich der Entstehung der einzelnen Stadtviertel, aber es kommt immer mal wieder vor, dass ich nach einem Straßennamen gefragt werde und alles, was ich darauf erwidern kann, ist: „Die gibt’s irgendwo.“

Der Orientierungszweck von Straßennamen ist nur einer von mehreren Aspekten und kann daher nicht allein ausschlaggebend sein. Der in den sozialen Medien in den letzten Tagen häufig zu lesende Einwand, dass die Straße dann in Navigationssystemen nicht mehr gefunden werden würde, verliert sich hier größtenteils. Abgesehen davon, dass es schon zeigt, wie schwach die Argumente gegen eine Umbenennung sind, wenn man solch ein Argument anbringen muss. Wer sein Navi nicht gelegentlich auf den neuesten Stand bringt, wird sich ohnehin früher oder später verfahren, da unser Straßensystem ja alles andere als statisch und unveränderlich ist.

Allerdings sieht man hier auch, welche Lebenswelten bei dem Thema aufeinander prallen: der einen Seite geht es um deutsche Geschichte, ihre Relevanz für uns heute und den Wunsch aus vergangenen Fehlern zu lernen, Anderen fällt dazu spontan nur „Scheiße, mein Navi geht nicht mehr“ ein. Wer da nicht merkt, dass er argumentativ auf der schwächeren Seite ist, ist vermutlich ohnehin immun gegen Argumente.

Identität und Repräsentation

Zwei weitere wichtige Funktionen von Straßennamen möchte ich noch aufführen, wobei ich eine dritte, nämlich eine verdiente Person damit zu ehren, in eine der beiden subsumieren würde. In welcher kann von Fall zu Fall wechseln.

Zum einen haben Straßen etwas mit der Identität einer Stadt zu tun. Deswegen werden Straßennamen nach regionalen Persönlichkeiten benannt, Namen aus der regionalen Tradition verwendet oder regionale Orts- und Flurnamen. Außerdem können Namen auch der lokalen Volkskultur entlehnt sein. Daher gibt es bei uns den Datterichweg, den Bennelbächerweg, den Benglerweg und den Spirwesweg – trotzdem Niebergalls wenige politische Werke vermuten lassen, dass er den Demokraten nicht unbedingt nahe stand.

Zum anderen repräsentieren Straßennamen eine Stadt. Wenn jemand mit genug historischer Bildung nach Darmstadt kommt und auf die Hindenburgstraße stößt, wird sich das in seinem Ersteindruck festsetzen. Von daher ist es durchaus legitim, sich alle paar Jahrzehnte ernsthaft die Frage zu stellen, von wem die eigene Stadt nach außen hin auf Straßenschildern repräsentiert werden soll und von wem nicht.

Das Ganze darf natürlich nicht zu etwas Tagespolitischem werden. Man kann nicht allein aufgrund sich verändernder Mehrheitsverhältnisse alle paar Jahre alle Straßen neu benennen. Gleichzeitig kann es aber auch kaum zweckdienlich sein, sich an eine Entscheidung aus dem Jahr 1915 (damals wurde die Hindenburgstraße benannt) auf alle Ewigkeit gebunden zu fühlen.

Zumal es ja gerade damals, mitten im 1. Weltkrieg und kurz nach der Schlacht bei Tannenberg, eher eine tagespolitische Entscheidung war in einer Zeit, in der in der Darmstädter Stadtverordnetenversammlung aufgrund eines undemokratischen, elitenbevorzugenden Wahlrechts nur 2 Sozialdemokraten saßen, obwohl die SPD zu dieser Zeit die Partei mit der meisten Zustimmung war. Diese Entscheidung soll für uns heute unantastbar sein? Eine falsche Entscheidung wird nicht dadurch richtig, dass sie schon vor über 100 Jahre getroffen wurde, und man kann sie nicht mit Argumenten legitimieren, die sie selbst nicht erfüllt hat.

Aktuell scheint mir allein das Kostenargument legitim. Als Argumente anzuführen, dass die wbg ihren Briefkopf ändern muss, Anwohner neue Ausweise brauchen und die Straßenschilder ausgetauscht werden müssen, um dann auf die mangelnde Wichtigkeit zu verweisen, ist jedoch widersinnig.

Trotzdem kann man natürlich der Meinung sein, dass das Thema an sich unwichtig ist. Ich bin anderer Meinung und die Reaktionen nach der Entscheidung des Magistrats stützen diese Meinung. Dazu möchte ich exemplarisch einen Kommentar herauspicken, der unter dem entsprechenden Artikel in der Onlineausgabe der Frankfurter Rundschau abgegeben wurde.

Meinung ohne Ahnung 

Ich habe diesen Beitrag gewählt, weil er zumindest noch Inhalt hatte und kein bloßes Gemecker war, weil er das meiner Meinung nach größte Problem an der ganzen Sache sehr deutlich zeigt und auch weil er bei Weitem nicht der extremste Beitrag war, sondern ziemlich durchschnittlich.

„Hindenburg war doch ein Gegner von Hilter. Er war aufgrund der Stimmenverhältnisse und der Koalitionen dazu verpflichtet, Hitler zum Reichskanzler zu ernennen.
Daher sehe ich das für unsinnig an. Da wird Geschichte verdreht.“

Hier zeigt sich sehr deutlich, wie schlecht informiert die Leute über die damaligen Verhältnisse sind. Hindenburg hatte keine Verpflichtung Hitler zum Reichskanzler zu ernennen. Die häufig vorgebrachte Behauptung, er hätte aufgrund der Tatsache, dass es im Reichstag eine rechnerische Mehrheit aus Nationalsozialisten und Kommunisten gab, sozusagen nur zwischen Pest und Cholera wählen können, ist historischer Nonsens. Hindenburg hatte keinerlei Hemmungen parlamentarische Verhältnisse zu ignorieren, wenn sie ihm nicht genehm waren. Er war auch nicht verpflichtet Hitler zum Reichskanzler zu ernennen. Wer das behauptet, irrt sich nachweislich.

Dass aber mit dieser Aussage behauptet wird, man würde die Geschichte verdrehen, zeigt, wie wichtig die Umbenennung ist, denn die historische Ahnungslosigkeit ist enorm. Als ich den Kommentar mehrere Tage nach der Veröffentlichung gelesen habe, gab es zwar einige Erwiderungen darauf, aber keine, die die Sache richtig stellte.

Das Positive ist, dass die Ausarbeitungen des Fachbeirats jetzt einige gute und konkrete Argumente an die Hand geben, auch gegen das gerne ins Feld geführte Wikipedia, das sich teilweise längst überholter Literatur bedient. Einige Zitate aus dem vorgelegten Bericht:

„Als Reichspräsident nutzte Hindenburg seine verfassungsgemäß starke Position und überging ab 1930 das Parlament, den Reichstag, über den Weg der Präsidialkabinette […]. In der Literatur werden Hindenburgs Grundauffassungen durchweg als antiparlamentarisch beschrieben.“

Am 30. Januar 1933 ernannte Hindenburg seinen Konkurrenten in der Präsidentschaftswahl von 1932, Adolf Hitler, zum Reichskanzler. Dem aktuellen Forschungsstand folgend, entschied Hindenburg ‚aus eigener Machtvollkommenheit und aus eigenem Entschluss‘ (Pyta, 68 S. 792). Kursierende Behauptungen, Hindenburg sei zur Ernennung Hitlers als Reichskanzler getrieben worden, ostelbische Großgrundbesitzer hätten vielmehr den Ausschlag für die Entscheidung gegeben, erwiesen sich demnach als ‚pure Spekulation‘.“

„Entgegen älterer Deutungen, die den Reichspräsidenten als leicht manipulierbaren Greis darstellten, geht die jüngere Forschung davon aus, dass Hindenburg bis kurz vor seinem Tod bei klarem Verstand und selbstbestimmt agierte. Er trug alle Eingriffe des Jahres 1933 zur Ausschaltung des Parlaments, zum Verbot der politischen Parteien sowie der Gewerkschaften, zur Errichtung einer Einparteien-Diktatur mit, darunter das „Ermächtigungsgesetz“, das ein Abweichen von der Reichsverfassung legitimierte, und das Gesetz „zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“. Im Februar 1933 erließ Hindenburg die „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze des deutschen Volkes“, die massive Eingriffe in die Presse und Versammlungsfreiheit ermöglichte. Innenpolitisch überließ er den Nationalsozialisten bewusst das Feld“

Man kann es auch deutlicher sagen: Hindenburg hätte die Diktatur verhindern können, hat sich aber bewusst dafür entschieden. Einziger Grund war der Wunsch nach nationaler Einheit. Und deshalb ist das Thema heute so wichtig in einer Zeit, in der überall in Europa die Nationalisten erstarken. Es muss mehr Menschen klar gemacht werden, wie zwangsläufig solche Ideologien in die Katastrophe führen. Es geht nicht nur um irgendwelche bösen Super-Nazis, sondern um die Mitte der Gesellschaft, die sich mit rechten Ideologen arrangiert.

Aktueller Bezug

Sich das klar zu machen, ist deshalb so wichtig, weil der Aufstieg der AfD für einen Rechtsruck quer durch alle etablierten Parteien gesorgt hat und die Zahl derer, die keine Probleme mit einer Zusammenarbeit mit der AfD haben, zumindest in der CDU/CSU kurz vor der kritischen Masse ist, die alles kippen lassen kann.

Wenn ein Kreistagsabgeordneter von Groß-Gerau, der zudem als Direktkandidat der AfD bei der letzten Bundestagswahl 12,5% der Stimmen geholt hat, auf die Umbenennung der Hindenburgstraße unwidersprochen mit dem Satz: „Die Novemberverbrecher am Werk!“ reagieren kann, dann wird sich nicht über einen teuren Verwaltungsakt mit fragwürdigem Nutzen mokiert, sondern ganz aktiv mit rechtsextremen Jargon die von Hindenburg wider besseren Wissens popularisierte Dolchstoßlegende propagiert, einer der zentralen Mythen, die dem Nationalsozialismus zum Aufstieg verholfen haben. Wer solche Sätze von sich gibt, kann für sich nicht in Anspruch nehmen Demokrat zu sein.

Wenn die Umbenennung der Hindenburgstraße jetzt dafür sorgt, dass sich zumindest ein paar Leute damit beschäftigen, wie der Nationalsozialismus in den Zwischenkriegsjahren entstehen konnte, statt wie bisher nur die Auswirkungen furchtbar zu finden, ist das schon genug, um die Sache als wichtig zu bewerten. Unabhängig davon, dass es für die Mehrheit der Bürger unwichtig bleiben wird.

Gegenargumente

Nicht unerwähnt bleiben darf allerdings, dass der Fachbeirat nicht einstimmig für eine Umbenennung gestimmt hat:

Eine Minderheit der Mitglieder trat für eine Beibehaltung des Straßennamens ein; zum einen falle Hindenburg, weil er nur am Anfang der NS-Zeit gelebt habe, formal aus dem Untersuchungsauftrag heraus, zum anderen habe er seine Entscheidung, Hitler zum Reichskanzler zu ernennen, nicht alleine, sondern auch auf Druck seiner Ratgeber getroffen.

Beide Argumente sind nicht falsch, aber denkbar schwach. Die Kriterien für die Bewertung der Biographien waren:

(1) aktive Förderung des Nationalsozialismus in führender Stellung (Multiplikator)
(2) aktive Mitarbeit in der NSDAP und/oder deren Massenorganisationen („ohne Not“)
(3) aktive Verbreitung der NS-Ideologie, u. a. aggressiver Antisemitismus und/oder
extremer Rassismus, Führerkult in Gedanken und/oder Wirken/Praxis
(4) Anbiederung an das NS-Regime zum persönlichen Fortkommen/Aufstieg/Karriere („Opportunismus“)
(5) gezielte Ausnutzung spezifisch nationalsozialistischer oder kriegsbedingter Vorteile zugunsten des Betriebs oder des Forschungsbereichs
(6) gravierende/signifikante Vertuschung bzw. Lügen zur NS-Vergangenheit nach Ende der NS-Herrschaft (z.B. im Entnazifizierungsverfahren) (zur Fortsetzung der „Karriere“ bzw. zum persönlichen und/oder beruflichen Fortkommen)
(7) unkritische Befürwortung des Krieges, auch seiner Fortsetzung/Verlängerung, z.B. durch Forschung zu Waffen, Massenvernichtungsmitteln

Man muss allerdings zwei Dinge beachten:

1. Die Einschränkungen sind schon sehr eng gewählt. Ein Grund hierfür dürfte gewesen sein, dass die schiere Anzahl der Biographien, die ansonsten zu untersuchen gewesen wären, jeden Rahmen gesprengt hätte. Schon so sind mehr als 5 Jahre vergangen zwischen dem Auftrag zu dieser Ausarbeitung und der Vorlage des Ergebnisses.

2. Es wäre eine Farce gewesen Hindenburg aufgrund dieser Kriterien auszuschließen, denn die Diskussion um die Hindenburgstraße hat ja überhaupt erst zu dieser Untersuchung geführt. Da aus rein formalen Gründen Hindenburg aus der Untersuchung zu nehmen, wäre eine politische Einflussnahme des Fachbeirats gewesen, die diesem nicht zugestanden hätte.

Auch das zweite Argument gegen die Umbenennung ist eher schwach. Dass er seine Entscheidung nicht allein, sondern auch auf Druck seiner Ratgeber getroffen hätte, widerspricht zum einen dem eigenen Bericht, demzufolge Hindenburg „bis kurz vor seinem Tod bei klarem Verstand und selbstbestimmt agierte“ und macht zum anderen auch nur wenig Unterschied in der Bewertung. An der Tatsache, dass er Hitler zum Reichskanzler ernannte, ändert sich nichts dadurch, dass es Menschen gab, die ihm dazu geraten haben. Es geht ja nicht um mildernde Umstände für ein Gerichtsurteil, da könnte man so etwas anführen, sondern darum, ob die Stadt Darmstadt in ihrem Straßenbild durch Hindenburg repräsentiert werden will. Dagegen nicht mehr vorbringen zu können, als dass er Ratgeber hatte, die ihn zu dieser Entscheidung drängten, zeigt auch hier wieder, wie schwach die Argumente gegen eine Umbenennung sind.

Alarich Weiss, Peter Grund und Robert Schneider

Beim Querlesen des Berichts des Fachbeirats sind mir noch einige Dinge aufgefallen.

Die Alarich-Weiss-Straße wurde erst 2013 benannt und ist wohl in erster Linie nur Studenten bekannt, und auch da wohl hauptsächlich nur jenen, die in Fachbereichen an der Lichtwiese studieren. Ich zumindest musste mir bei Google Maps erst mal anschauen, wo die überhaupt ist. Von daher wird die Umbenennung wohl kaum jemand sonderlich zur Kenntnis nehmen oder gar sich darüber beschweren. Ähnliches dürfte für den Georgiiplatz gelten.

Dass man 2013 bei Alarich Weiss nicht genauer hingeschaut hat, bevor man eine Straße nach ihm benannte, war angesichts der da ja schon lange leidenschaftlich geführten Debatte um die Hindenburgstraße aber doch etwas fahrlässig. Eine Straße nach ein paar Jahren wieder umbenennen zu müssen, darf eigentlich nicht passieren. Von daher sollte man sich jetzt sehr genau überlegen, welche Namen für die Umbenennungen infrage kommen.

Auf der anderen Seite zeigt sich aber auch hier, warum die ganze Sache wichtiger ist als eine Handvoll Unkosten, denn Alarich Weiss‘ Verstrickungen waren bislang unbekannt.

Bei Peter Grund irritiert, dass regionale Seilschaften in der Nachkriegszeit offenbar ein deutlich größeres Gewicht hatten als das Verhalten von Personen in der nationalsozialistischen Zeit. Etwas, das vor allem von Kommunisten in der Nachkriegszeit immer sehr kritisiert, aber selten ernst genommen wurde. War ja nur die Ansicht von Kommunisten. Offenbar hatten sie aber oft recht.

Es wirft auch ein fragliches Bild auf andere Personen, hier namentlich vor allem Ludwig Engel, aber auch Ludwig Metzger und – für mich persönlich etwas erschreckend – sogar Artur Bratu, die für eine vollständige Entlastung Grunds sorgten, obwohl die Militärregierung aufgrund der Faktenlage eher für eine Anklage in Kategorie I (i.e. Hauptschuldige!) plädierte.

Auch dies sei ausdrücklich noch einmal an jene gerichtet, die meinen, die Stadt hätte doch Wichtigeres zu tun.

Was Robert Schneider betrifft, ist es bedauerlich, dass der Fachbeirat hierzu keine neuen Erkenntnisse liefern konnte. Es werden lediglich die bekannten Fürs und Widers aufgeführt. Seine Hindenburg-Hitler-Schwärmerei in einem Mundartgedicht kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, sein zumindest vorsichtig positiv dem Nationalsozialismus gegenüber zu deutendes Gedicht „Deitscher Frühling“ von 1940 (also nach Kriegsbeginn!) sowie sein Suizid nur 10 Tage nach der deutschen Kapitulation stehen mangelnde konkrete Belege und die widersprüchlichen Einschätzungen seiner „politischen Zuverlässigkeit“ durch die Nationalsozialisten selbst entgegen.

Leider wird er daher ein Streitpunkt bleiben und auch wenn die Indizien für eine Nähe zum Nationalsozialismus meiner Meinung nach deutlicher sind als jene, die dagegen sprechen, sind die wirklich konkret vorliegenden Belege wohl nicht ausreichend genug. Unverständlich allerdings, weshalb der Fachbeirat ihn nicht zumindest unter der Rubrik „Beibehaltung unter Vorbehalten“ aufgeführt hat. Wo der qualitative Unterschied zu einigen anderen dort aufgeführten Personen liegt, erschließt sich mir nicht.

Mit aller Härte des Gesetzes 

Was die Anklage gegen die drei AktivistInnen betrifft, die vor über einem Jahr beim Überkleben der Straßenschilder erwischt worden waren, stellt sich mir die Frage, wer die Anweisung zur Erneuerung der Straßenschilder erteilt hat? Und warum? Wie ich bereits im vorletzten Beitrag bemerkt habe, war der Straßenname gut zu lesen.

Selbst wenn es Reste von Kleber gab, die nicht mehr vollständig entfernt werden konnten (was ich aufgrund der Fotos, die von den beklebten Schildern bekannt sind, allerdings stark anzweifle), war angesichts des nahenden Berichts des Fachbeirats ein vollständiges Ersetzen aller Schilder (inkl. des einen Schildes, das gar nicht überklebt worden war!) übereilt. Es bestand dazu überhaupt keine Notwendigkeit.

Der Eindruck, dass hier ein Exempel statuiert werden soll, liegt schon sehr nahe. Da sind 4 Polizeiautos und 9 Polizeibeamte für drei Leute mit einer Leiter und einem Packen Aufkleber ausgerückt. Wieso eine Streife nicht ausgereicht hat, hat die Polizei bislang nicht befriedigend erklären können.

Allerdings brachte die Polizei eine Pressemitteilung heraus, in der despektierlich von drei „Senioren“ die Rede war. Der darin mitschwingende Unterton von drei leicht senilen Tattergreisen mit zu viel Zeit zieht sich bis heute durch alle Kommentare und Berichte darüber. Das war von der Polizei auch durchaus so beabsichtigt.

Tatsächlich sind alle drei aber schon seit Jahrzehnten politisch engagiert, bei einer der Beschuldigten reicht dieses Engagement bis in gemeinsame AStA-Zeiten mit unserem aktuellen Bundespräsidenten zurück. Es sind Leute, die im Gegensatz zu manch anderem seit Jahrzehnten Haltung gegen Rechte und deren Apologeten zeigen. Solche Leute zu gelangweilten Rentnern herunter zu stilisieren, ist unangebracht und dass das ursprünglich von der Polizei ausging, empfinde ich als beunruhigend.

Die Polizei stellte Anzeige wegen Amtsanmaßung und gemeinschädlicher Sachbeschädigung, was angesichts einer politischen Protestaktion mit konkretem Bezug (Jahrestag der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler) nicht nur völlig überzogen war, sondern auch stark konstruiert werden musste. Die Amtsanmaßung erreicht man nur dadurch, dass die Klebefolie genau den Maßen der Straßenschilder entsprach, ein simpler Aufkleber wäre dafür nicht ausreichend gewesen. Die gemeinschädliche Sachbeschädigung klappt nur, weil man behauptet, dass der Klebstoff nicht rückstandslos entfernt werden konnte. Ansonsten würde eine Einschränkung im entsprechenden Paragraphen die Strafbarkeit ausschließen. Die Behauptung, dass die Klebefolie nicht mehr rückstandslos entfernbar war, ist anzuzweifeln, nach dem Austausch der Schilder aber auch nicht mehr zu widerlegen.

Man muss das betonen: das war kein Vandalismus, es war eine konzentrierte, politische Protestaktion im direkten Zusammenhang mit dem Jahrestag der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler. Wenn man für politische Protestaktionen dieser Art, deren Aussage nach dem Magistratsbeschluss jetzt politischer Konsens geworden ist, alle juristischen Möglichkeiten in voller Härte ausschöpft, härtere Straftatbestände herbeiargumentieren muss (warum hat man es beispielsweise nicht bei einfacher Sachbeschädigung belassen?), dann erzeugen wir eine restriktive, autoritäre Atmosphäre, in der ich nicht leben möchte. Und auch deshalb, liebe „Haben-die-nichts-Wichtigeres-zu-tun“-Fraktion, ist es wichtig.

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