Zur Nachahmung nicht empfohlen

Aus Anlass des Besuchs einer Darmstädter Delegation in der neuen Partnerstadt San Antonio erwähnt das Echo die 1847 von Darmstädtern gegründete Siedlung am Llano River: https://www.echo-online.de/lokales/darmstadt/darmstadter-spurensuche-in-san-antonio-aus-der-geschichte-in-die-gegenwart_19980175

Leider nur sehr oberflächig und stellenweise falsch. So wird beispielsweise behauptet, dass sich die Auswanderer mit dem „Bürgerkrieg“ auseinandersetzen mussten. Die Darmstädter Siedlung am Llano River bestand aber lediglich 1847 und 1848, der Sezessionskrieg begann erst 1861, da hatten sich die Auswanderer längst zerstritten und in alle Winde zerstreut.

Ziemlich beschönigend ist es auch, wenn man z.B. einmal dieses hier herausnimmt:

„Es waren Intellektuelle, die keine Vorstellung von dem hatten, was sie erwartete. Aber am Ende waren sie erfolgreich.“ Bei diesem Satz ging mehr als nur ein Schmunzeln über die Gesichter der deutschen Zuhörer, wünscht man sich doch, dass es genau diese Geschichte ist, die sich wiederholt.

Tatsächlich war das Siedlungsprojekt ein einziges Desaster. Nichts war „am Ende erfolgreich“. Okay, zugegeben, Ferdinand von Herff und Gustav Schleicher starteten nach dem Scheitern des Siedlungsprojekts beide eine sehr erfolgreiche Karriere. Aber sonst? Dazu zitiere ich aus meinem eigenen Beitrag zu dem Thema:

Was wurde aus den Vierzigern?

Von einigen Mitgliedern der Vierziger kennen wir das weitere Schicksal. Peter Bub, ein Landwirt aus Heppenheim, starb am 21. August 1848 am Gelbfieber, Adolf Hahn, Kadett aus Darmstadt, am 17. Oktober 1848 an Typhus, knapp ein Jahr später Adam Koeppel, Apotheker aus Wörrstadt, an Malaria. Friedrich Louis, Forstkandidat aus Eulbach, wurde 1860 in einer Kneipe von einem betrunkenen Iren erschossen. Für den Iren ging es aber auch nicht gut aus. Er wurde von einem aufgebrachten Mob gelyncht.

Unbestätigten Gerüchten zufolge soll Otto Amelung, Ökonom aus Darmstadt, in Arizona mitsamt seiner Familie von Ureinwohnern getötet worden sein. Wilhelm Friedrich, Kameralist aus Griedel, wurde Vorsteher einer Munitionsfabrik in San Antonio und kam 1864 bei einer Explosion ums Leben. Hermann Spieß‘ politische Karriere war nach dem Nassau Farm-Zwischenfall am Ende. Er gründete eine Familie und zog 1867 nach Missouri, wo er 1878 starb. Jakob Küchler, Kameralist aus Schöllenbach, arbeitete im Vermessungswesen und scheiterte 1862 beim Versuch, mit einer Gruppe Deutscher während des Amerikanischen Bürgerkriegs aus Texas nach Mexiko zu fliehen. Er war einer der Überlebenden des heute als Kriegsverbrechen gewerteten Massakers am Nueces River. Er starb 1893 im Alter von 70 Jahren.

Weiß nicht, ob ich wollen würde, dass sich das wiederholt…

Die ganze Geschichte gibt es hier: Die Darmstädter Kolonie am Llano.

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2 Responses to Zur Nachahmung nicht empfohlen

  1. Ralf Arnemann says:

    Und niemand der Aufgeführten hat einen beruflichen Hintergrund, den man irgendwie als „Intellektueller“ bezeichnen könnte …

    • Jörg says:

      Dass es Intellektuelle gewesen sein sollen, kommt wohl daher, dass die Idee dieses Siedlungsprojekts auf sozialistische/kommunistische Träumereien des Führungskerns der Gruppe, der sich aus gemeinsamen Studientagen kannte, zurückgeht. Intellektuell im eigentlichen Sinn war aber niemand von ihnen. Das hier ist die Liste derer, die damals von Darmstadt aus aufbrachen:

      1. Otto Amelung, Ökonom aus Darmstadt
      2. Heinrich Backofen, Instrumentenmacher aus Darmstadt (1804-1872)
      3. Peter Bub, Landwirt aus Heppenheim (?-1848)
      4. Adam Deichert, Schmied aus Kronau
      5. Christoph Flach, Hüttenverwalter aus Michelstadt (1826-nach 1894)
      6. Wilhelm Friedrich, Kameralist aus Griedel (?-1864)
      7. Georg Gerlach, Sattler aus Darmstadt
      8. Adolf Hahn, Kadett aus Darmstadt (ca.1825-1848)
      9. Dr. Ferdinand von Herff, Arzt aus Darmstadt (1820-1912)
      10. Christian Hesse, stud.cam. aus Darmstadt (1825-1893)
      11. Johannes Hörner, Zimmermann aus Heppenheim (1830-1917)
      12. Louis Kappelhoff, Zimmermann aus Hamburg
      13. Dr. jur. Heinrich Kattmann, Jurist aus Frankfurt (1815-nach 1875)
      14. Adam Koeppel, Apotheker aus Wörrstadt (1801-1849)
      15. Jakob Küchler, Kameralist aus Schöllenbach (1823-1893)
      16. August Lerch, Architekt aus Darmstadt (?-1866)
      17. Friedrich Louis, Forstkandidat aus Eulbach (?-1860)
      18. Friedrich Christian Michel, Küfer und Bierbrauer aus Babenhausen
      19. Franz Mördes, stud. jur. aus Mannheim (1822-1866)
      20. Eduart Müller, Ökonom aus Staaden (?-1906)
      21. Peter Neff, Zimmermann aus Heppenheim
      22. Philipp Neff, Metzger aus Heppenheim
      23. Jakob Obert, Landwirt aus Sulzbach (?-nach 1894)
      24. Louis Reinhard, Gärtner aus Darmstadt (?-nach 1899)
      25. Friedrich Schenck, Förster aus Darmstadt (1820-1875)
      26. Gustav Schleicher, Ingenieur aus Darmstadt (1823-1879)
      27. Theodor Schleuning, stud. jur. aus Darmstadt (1826-1894)
      28. Leopold Schulz, Buchhändler aus Darmstadt
      29. Anton Schunk, Instrumentenmacher aus Darmstadt
      30. Hermann Spiess, Forstkandidat aus Sprendlingen (1818-1878)
      31. August Strauß, Maschinist aus Darmstadt (ca.1819-?)
      32. Adam Vogt, Forstkandidat aus Lehrbach (ca.1822-1883)
      33. Julius Wagner, Ökonom aus Aglasterhausen (ca.1817-1903)
      34. Karl Wund, Ökonom aus Laudenbach
      35. Franz Zentner, Gerber aus Heppenheim
      36. Philipp Zöller, Zimmermann aus Darmstadt (?-nach 1894)

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