Den Hindenburg machen (2) – Wider dem Narrativ

Tatsächlich gibt es einmal fast so etwas wie Neuigkeiten. Wie dem Echo mit Berufung auf Oberbürgermeister Partsch zu entnehmen ist, werden in etwa zwei Monaten die Empfehlungen des „Fachbeirats für die Prüfung der Darmstädter Straßennamen“ bekannt gegeben.

„Geprüft wurden vor allem mögliche Verflechtungen von Namenspaten während der Nazizeit. Man kann aber nicht immer die Lebensleistung von Menschen auf die NS-Zeit reduzieren.“


Der zweite Satz klingt für mich wie eine vorab gebaute Hintertür, um Robert Schneider unangetastet zu lassen. Es wird dennoch spannend zu sehen, ob der Fachbeirat diesbezüglich neue Fakten entdeckt hat.

Davon aber mal abgesehen: ich will ja nicht kleinlich sein, doch war seinerzeit, als diese Überprüfung beschlossen wurde, nicht die Rede davon, dass „insgesamt [zu] überprüfen und heraus[zu]arbeiten [ist], ob darunter [den Straßennamen] Personen sind, deren Leben oder politische Einstellung sich nicht mit den Werten einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft vereinbaren lassen“?

Scheinbar kann man politische Einstellungen, die sich mit der freiheitlich-demokratischen Gesellschaft nicht vereinbaren lassen, nur gehabt haben, wenn man die Nazi-Zeit miterlebt hat.

Ich kann das natürlich verstehen. Würde man das ernsthaft und ehrlich mit wirklich allen Straßennamen machen, müsste man Dutzende von Straßen und Plätzen umbenennen, allein die ganzen nach Landgrafen benannten zum Beispiel. Das wäre niemanden vermittelbar.

Allerdings offenbart sich genau hier die eigentliche Problematik, die ich schon im vorigen Beitrag angedeutet hatte. Es ist das Narrativ der Bundesrepublik, dass das eigentlich gute deutsche Volk von den Nationalsozialisten wie die Schlange im Paradies verführt wurde und selbst unschuldig ist.

Hindenburg war kein Nationalsozialist. Mit einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft hatte er aber auch herzlich wenig zu tun. Von daher sollte es da eigentlich keine große Debatte geben. Wir müssen aufhören so zu tun, als sei Hindenburgs Rolle beim Aufstieg Hitlers eine immer noch offene historische Frage. Wir haben wirklich ein Problem, wenn einige Leute nicht eingestehen können, dass Hitler ohne Hindenburg nicht an die Macht gekommen wäre – zumindest nicht legal. Natürlich haben da noch andere Leute wie von Papen und die auch unter anderen Parteien verbreitete Skepsis gegenüber der Demokratie eine Rolle gespielt, aber dass Hindenburg nicht der einzige Schuldige ist, nimmt ihn sicher nicht aus der Verantwortung. Auch wenn man den politischen Druck, unter dem er stand, mildernd anführen kann, er ist kein Unschuldiger, das steht völlig außer Frage.

Das Echo vermittelt dagegen erneut den Eindruck, dass diese Beurteilung Hindenburgs lediglich eine Meinung einer kleinen Gruppe „Kritiker“ wäre, die zudem „vor allem aus dem linken politischen Spektrum“ kämen, das Ganze also ideologisch motiviert wäre und nicht auf Basis der historischen Fakten. Dieser „Meinung“ der „Kritiker“ wird der „gefeierte Feldmarschall“ und mit einem Bezug zur sogenannten „Schlacht von Tannenberg“ sogar die alte, von Hindenburg selbst inszenierte Kriegspropaganda entgegen gestellt. Dass er Miturheber der Dolchstosslegende ist, wird dagegen gar nicht erwähnt. Dabei war das zweifelsfrei einer der Mythen, die den Aufstieg des Nationalsozialismus begünstigt haben.

Ich habe da schon mal kurz schlucken müssen. Ich glaube allerdings nicht, dass Harald Pleines das in seinem Artikel so gemeint hat, immerhin zitiert er in dem dem Artikel beigelegten Info-Kasten auch recht eindeutig aus Hindenburgs politischem Testament, aber dass er solche Formulierungen wählt, ist eigentlich nur mit dem öffentlichen Druck von Seiten jener zu erklären, die gegen eine Umbenennung sind. Da hat sich das Narrativ so festgesetzt, dass einem selbst gar nicht mehr auffällt, dass man aus dem Wunsch, neutral und fair zu formulieren, das genaue Gegenteil macht.

Und auch deshalb sollte man ein Zeichen setzen und die Straße endlich umbenennen.

Ich habe allerdings nicht den Eindruck, dass dies durchsetzbar ist, auch das wird aus dem Artikel deutlich. Von daher wäre es schon ein Erfolg, wenn die Debatte zumindest dazu führen würde, dass die Schuld Hindenburgs in Darmstadt nicht mehr relativiert wird.

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