Den Hindenburg machen

Die SPD hat diese Woche vorgeschlagen, die Hindenburgstraße in Mirjam-Pressler-Straße umzubenennen, nach der kürzlich verstorbenen, in Darmstadt geborenen Schriftstellerin.

Ein neuer Name, aber ein altes Thema, folglich gibt es auch die alten Ablehnungsreflexe, die schon großes „Die Ente bleibt draußen“-Potential haben. Mittlerweile ist es müßig zu wiederholen, dass das Thema seit Jahren gegessen wäre, hätte man die Umbenenunng 2006, als es der Magistrat beschlossen hatte, durchgeführt (zumal es damals wohl an gewissen Animositäten scheiterte, während die vorgebrachten Argumente eher vorgeschoben waren).

Vor allem wäre es aber schön, wenn man so manch unplausibles Argument in der Mottenkiste lassen würde. So liest man im Echo-Artikel dazu so was:

„Bislang hat die Stadt Darmstadt sich immer gegen eine Umbenennung des Straßenzuges ausgesprochen. Die Begründung: Hindenburg sei zwar mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler einer der Wegbereiter der NS-Diktatur, aber er sei eben auch demokratisch gewählter Reichspräsident der Weimarer Republik.“

Zu sagen, er sei ein Wegbereiter der NS-Diktatur, aber weil er durch eine demokratische Wahl an die Macht kam, ist das in Ordnung, ist wirr. Man könnte ähnliches über Hitler sagen.

Genau genommen ist hier sogar einer der Knackpunkte der ganzen Geschichte. Hindenburg ernannte Hitler auf Basis der Wahl vom November 1932, also vor der Diktatur. Genau deshalb war die Ernennung Hitlers ja eben nicht alternativlos, wie so manch Apologet es gerne behauptet. Die NSDAP blieb zwar stärkste Fraktion, hatte aber massiv an Stimmen verloren. Ein Verlust von etwa 2.000.000 Stimmen in nur 4 Monaten ist ein deutliches Zeichen, dass die gesellschaftliche Stimmung am Kippen war. Das aber verhinderte Hindenburg durch die Ernennung Hitlers. Auch deshalb ist seine Verantwortung so groß und nicht nur eine Ungeschicktheit.

Man kann hier sehen, dass die Debatte um Hindenburg nach wie vor notwendig ist und keineswegs schon alles dazu gesagt wäre, wie es Peter Engels einmal behauptet hat. Offenbar ist zu vielen die Problematik um seine Person immer noch nicht bewusst. Gerade seine Person ist ein erstklassiges Beispiel dafür, warum der Nationalsozialismus überhaupt möglich war, obwohl Hindenburg selbst gar kein Nationalsozialist war und auch wenig Sympathien dafür hatte.

Leider ist es nach wie vor so, dass Teil des Narrativs der Bundesrepublik nicht nur die kompromisslose Distanzierung vom Nationalsozialismus ist, sondern auch das Leugnen der historischen Verantwortlichkeit jener, die nicht dem Nationalsozialismus zuzurechnen sind.

Und das ist keine müßige historische Debatte über ein kleines Detail, denn der Aufstieg der AfD führt dazu, dass einige in der CDU über Koalitionen nachdenken. Die Bundes-CDU stellt sich dem noch vehement entgegen, aber in einigen Landesverbänden dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis die CDU den Hindenburg macht.

Die Idee dahinter, gemäßigte Kräfte in den politischen Prozess einzubinden, um die radikalen zu isolieren, ist genau die Strategie, mit der Hindenburg scheiterte. Die falsche Behauptung, dass er Hitler so lange wie irgend möglich zu verhindern versuchte, basiert auf seinen Versuchen, gemäßigtere Nationalsozialisten einzubinden. Als dies scheiterte, ernannte er Hitler. Gerade in einer Zeit, in der eine politische Entspannung absehbar war, gab er dem Nationalsozialismus den letzten Schub und ermöglichte die Diktatur. Sie wäre noch zu verhindern gewesen. Wir müssen aufhören so zu tun, als wären die Nationalsozialisten wie eine Naturkatastrophe über Deutschland hereingebrochen.

Eine Umbenennung der Hindenburgstraße wäre daher nicht nur ein Akt historischen Anstands, sondern auch ein Zeichen gegen eine weitere Radikalisierung unserer heutigen Gesellschaft.

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2 Responses to Den Hindenburg machen

  1. Erschwerend kommt hinzu, dass Hindenburg ja auch schon vorher durchaus kein lupenreiner Demokrat war, im Gegenteil, wir verdanken ihm die Dolchstoßlegende und damit eine der wesentlichen Schwächungen der jungen Republik.

  2. Pingback: Den Hindenburg machen (2) – Wider dem Narrativ |

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