Revolution 1918

Das Echo schreibt heute über die Revolution 1918: https://www.echo-online.de/lokales/darmstadt/revolution-1918-in-darmstadt_19167789

Ich hatte ja selbst vor, etwas darüber zu schreiben, aber – die wenigen, die hier noch mitlesen, werden es gemerkt haben – ich habe ein wenig die Lust verloren.

Dabei hätte man das schon schöner machen können als das Echo. Ich bin ja ein großer Fan davon, historische Ereignisse mal unter anderen Blickwickeln neu zu betrachten statt immer nur das zusammenzufassen, was in der Vergangenheit darüber geschrieben wurde. Die Revolution in Darmstadt hatte ja beispielsweise auch einen bislang unbeachteten durchaus komischen Aspekt als unfreiwillige Satire auf die russische Revolution. Ludwig Prinz von Hessen und bei Rhein schreibt in seinen Erinnerungen:

Die Mauer entlang strichen verwegene Gestalten. Es waren sehr junge Burschen in langen Soldatenmänteln. Sie hatten sich alle eine Nummer größer besorgt irgendwie […] Sie schlenderten mit umgehängten Gewehren, die Mündung nach unten durch die Gegend. Das war alles sehr gut imitiert nach den Bildern, die wir auch von der russischen Revolution in den Illustrierten gesehen hatten, und die scheinbar große Mode gemacht hatte.

Man versuchte die russische Revolution in Darmstadt nachzustellen, schrie und ballerte wild auf dem Marienplatz herum, während man vom Großherzog:

… freundlich aufgenommen, ihnen ein Matratzenlager schon vorher gerichtet und ihnen Suppe und Kaffee angeboten [wurde]. Man hatte die Diener ferngehalten, die Hausmädchen ihnen nahegebracht und die waren nett und lustig mit den Leuten gewesen, die ja müde waren, wie auch eigentlich diese ganze Revolution viel Müdigkeit eines bis aufs Blut erschöpften Volkes ausdrückte, viel mehr als die aktive Wut einer entrechteten Masse.

Wenn man jetzt noch bedenkt, dass viele dieser Revolutionäre mutmaßlich vier Jahre zuvor bei Kriegsausbruch ähnlich triumphierend durch die Straßen gezogen sind und entsprechende Kriegspropaganda ebenso überzeugt gebrüllt haben dürften wie jetzt revolutionäre Slogans, dann hat das in meinen Augen viel von einem Monty-Python-Sketch.

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3 Responses to Revolution 1918

  1. spbrunner says:

    In der Tat wäre es besser möglich gewesen als beim ECHO, aber auch Dein Beitrag ist ergänzungswürdig. Ich habe schon vor fünf Jahren mal in meinem ganz stillgelegten privaten blog dazu geschrieben, und gerade nach den neuerdings auch bei „bürgerlichen Historikern“ deutlichen Hinweisen auf Eberts Schlingerkurs scheint mir Carl Ulrichs Haltung völlig unterschätzt:

    „Am Nachmittag des 10. November proklamiert Ulrich die Hessische Republik. Nachfragen der konservativen Mitglieder des „Staatsrates“ über die Legalität seines Tuns beantwortet er mit einem Wink zu den aufmarschierte Soldaten mit Kanonen und Maschinengewehren und den Worten: „Da unten steht das zur Zeit gültige Recht mit der dazu nötigen Macht“. Am 13. November wird die Regierung der großherzoglichen Minister offiziell in den Ruhestand geschickt, am 14. November das neue Staatsministerium gebildet.“ (https://saubereschweine.blogspot.com/2014/11/da-unten-steht-das-zur-zeit-gultige.html)

    Anders als in Berlin und anders als es sich Ernst Ludwig später zurechtträumte, hat es in Darmstadt einen so konsequenten Bruch gegeben, wie er der entstehenden Berliner Republik gut getan hätte. Ich bin gespannt, wie das in der angekündigten Ausstellung (übrigens auch in Marburg: https://landesarchiv.hessen.de/ausstellung_revolution_1918-1919) präsentiert wird.

  2. Reiner Wadel says:

    Ob wirklich 1918 so viele dabei gewesen sind, die bei Krigsausbruch triumphierend durch Darmstadt gelaufen sind? Viele werden 1918 schon tot gewesen sein, im Lazarett verwundet liegen oder allenfalls als Krüppel mitgehüpft sein. Mehr tragisch als komisch.

    • Jörg says:

      Das Stadtlexikon spricht seltsam genau von „2.121 Darmstädter Weltkriegstoten“ und gleichzeitig von „tausenden Zivilisten“, die während der Mobilmachung 1914 die Soldaten „geleitet und begrüßt“ hätten.

      Ich glaube, wir sollten soziale Gruppen nicht so homogen sehen. Ernst Ludwig selbst hatte ja durchaus Skepsis bei Kriegsbeginn zum Ausdruck gebracht. Und ähnlich wie nach dem 2. Weltkrieg dürften auch nach dem 1. Weltkrieg plötzlich mehr Leute von sich behauptet haben, dass sie schon immer Regierungsgegner waren als das vor und während der Kriege tatsächlich der Fall war.

      Mehr tragisch als komisch.

      Vielleicht ja tragikomisch. 😉

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