Total unseriöse Wahlprognose … oder -tipp? … -gerate? … -prophezeiung?

Was sollte man vor Wahlen nie machen, wenn man sich nicht blamieren will? Richtig, allzu genaue Prognosen. Selbst seriöse Umfrageinstitute mit jeder Menge Datenmaterial im Rücken liegen oft grandios daneben. Wobei ich mich frage, wie seriös bspw. Civey wirklich ist, die Projektionen mit einer Nachkommastelle angeben und Interpretationen zu Veränderungen im 1-Prozent-Bereich zum Besten geben. Interpretationen zu veränderter Stimmung bei Schwankungen unterhalb der Fehlertoleranz? Das ist keine Veränderung, sondern statistisches Rauschen.

Und wie seriös ist überhaupt die Angabe zur Fehlertoleranz, wenn es durchaus vorkommt, dass zwei Institute weiter als ihre Fehlertoleranzen auseinander liegen?

So hatte INSA die AfD sowohl am 11. als auch am 17.9. diesen Jahres stabil bei 17,5% gesehen. Forsa sah sie am 15.9. dagegen bei 13%. 4,5% Unterschied! Das ist mehr als ihre Fehlertoleranzen.

Aber was will man dagegen machen? Wäre jemand so ehrlich und würde eine Fehlertoleranz von 5% oder gar mehr angeben, bekäme er keine Aufträge mehr. (Die Möglichkeit, dass die Fehlertoleranz bewusst genutzt wird, um politische Stimmung zu machen, wie man es früher vor allem Forsa, heute eher INSA vorwirft, lasse ich dabei mal als Verschwörungstheorie ungeachtet).

Wenn also schon die Institute so schlecht liegen, ist es nicht nur blindes Raten, wenn ich da auch eine Prognose mache?

Ja, ist es! Warum ich es trotzdem mache? Aus demselben Grund, warum man auch Fußballergebnisse tippt. Da liege ich übrigens auch immer grandios falsch.

So, meine Vorhersage für die Landtagswahl in Hessen ist daher:

CDU: 28%
SPD: 18%
Grüne: 22%
FDP: 7%
Linke: 8%
AfD: 11%
FW: 3%
Piraten: 2%
Sonst: 1%

Ganz ohne grundlegende Überlegungen komme ich natürlich trotzdem nicht auf diese Zahlen:

Die CDU leidet an einem allgemein schlechten Trend, andererseits sind die Hessen im Großen und Ganzen mit der Regierungsarbeit zufrieden, was den Absturz etwas weniger groß sein lassen könnte, als die Institute zur Zeit annehmen. Für Schwarz-Gelb reicht es nicht und die FDP wird sich schwertun, Mehrheitsbeschaffer für ein abgewähltes Schwarz-Grün zu spielen. Das machen die nur, wenn für sie mehr drin ist, als ihnen nach ihrem Stimmanteil zusteht. Die Grünen werden bei dem zu erwartenden Stimmenzuwachs auch eher mehr als bisher verlangen, die CDU müsste bei einer Jamaika-Koalition also verdammt viele Zugeständnisse machen. Das wissen auch jene konservativen Wähler, die vielleicht zögern, die CDU zu wählen. Angesichts dessen, dass Schwarz-Grün gut zusammengearbeitet hat, könnte die Abwanderung von der CDU zu FDP, AfD oder die Nichtwähler daher geringer sein als erwartet.

Die SPD leidet an der extrem schlechten Performance im Bund. Machtoptionen wären Ampel und Rot-Rot-Grün. Konservative SPD-Wähler könnten zur FDP neigen, um ihre Präferenz gegen eine Linksregierung deutlich zu machen. Linke SPD-Wähler werden aus demselben Grund zur Linken gehen. Und angesichts des Kopf-an-Kopf-Rennens zwischen SPD und Grünen dürften Al-Wazirs hohe Sympathiewerte der SPD auch nicht helfen. In keiner Umfrage war die SPD bislang unter 20%. Ich würde mich darüber allerdings nicht wundern.

Die Grünen haben das Momentum auf ihrer Seite. Dass Al-Wazir sogar Ministerpräsident werden könnte, könnte sogar noch mehr Aufschwung bringen. Die Grünen dürften am Ende diejenigen sein, die darüber entscheiden, welche Regierung es geben wird. Jamaika, Ampel, Rot-Rot-Grün oder Schwarz-Grün, nur die Grünen sind überall dabei.

Das Problem der FDP ist, dass sie von der Schwäche der CDU kaum profitiert. Die Grünen sprechen das liberale Bürgertum an, die AfD die radikalen Neoliberalen. Die Option, die Lücke, in die die Piraten während ihrer kurzen Hochphase gestoßen waren, zu füllen, scheint nicht mehrheitsfähig in der Partei zu sein. Das Ergebnis ist ein Mangel an Profil. Was bekommt man, wenn man FDP wählt? Das ist nicht so recht klar. Die Machtoptionen für die FDP sind Jamaika und Ampel, die Grünen sind aber nach wie vor ein Feindbild.

Die Linke in Hessen ist in der öffentlichen Debatte zu wenig präsent. Tendenziell wären soziale Themen zurzeit hoch im Kurs. Auch was die teuren Mieten betrifft, ist der Linken am ehesten zuzutrauen, dass sie am Ende auf der Seite der Mieter steht und nicht auf der der Vermieter. Themen setzen konnte sie jedoch nicht, und die Bundespartei mit der irrlichternden Sarah Wagenknecht hilft auch wenig.

Die AfD scheint auch insofern ein Sonderfall zu sein, dass Pannen, Widersprüche und Streit anders als bei den anderen Parteien wenig Auswirkungen zumindest auf Umfrageergebnisse haben. Gegen die AfD-Direktkandidatin in Offenbach läuft ein Ausschlussverfahren, der Spitzenkandidat flieht vor Debatten mit dem Wähler, die Bundespartei zeigt immer weniger Hemmungen, sich von der Radikal-Rechten abzugrenzen. Wahlkampfhelfer fuchteln mit Schusswaffen herum, in jeder anderen Partei wäre diese Performance katastrophal. Die AfD bleibt in den Umfragen aber stabil.

Dennoch gibt es auch Indizien für ein Wahlergebnis, das deutlich unter den vom Landesvorsitzenden als Wahlziel ausgegebenen 15%+ liegt. Die Empörungsmaschinerie funktioniert nicht mehr ganz so gut, der Versuch gemäßigter zu erscheinen als im Bund, um mehr bürgerliche als rechte Wähler anzusprechen, zündet nicht so richtig, die Mobilisierung zu Anti-AfD-Protesten funktioniert in Hessen auch im kleinen Rahmen quer durch alle politischen Milieus überraschend gut, die Mobilisierung von AfD-Anhängern dagegen nur mäßig, wie man beispielsweise jetzt an der kleinlaut abgesagten Anti-Merkel-Demo in Dieburg sehen kann. Ich denke, die AfD wird deutlich schlechter abschneiden, als sie hofft.

Eine Frage bleibt noch: gibt es durch die Bayernwahl einen Schub für die Freien Wähler? Die Möglichkeit ist gar nicht so abwegig, denn vielen unzufriedenen Konservativen wird es dadurch vielleicht erst bewusst geworden sein, dass es zwischen CDU und AfD noch eine Alternative gibt. Die 5%-Hürde dürfte zwar eine Utopie sein, 3% könnten aber drin sein.

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