Imaginierte AfD-Dystopie

Nach meiner ausführlichen Beschäftigung mit dem Wahlprogramm der AfD Hessen (hier und hier) noch ein allerdings deutlich kürzerer Beitrag speziell auf Darmstadt bezogen.

Kay Salawa, der Direktkandidat der AfD im Wahlkreis 50 (Darmstadt Stadt II, das ist der Süden der Stadt sowie Modautal, Mühltal, Ober-Ramstadt und Roßdorf), wurde vor ca. 2 Wochen vom Darmstädter Echo vorgestellt. Unter anderem liest man dort diese Aussage:

Bei seiner Kür zum Kandidaten hatte Salawa angekündigt, er wolle für ein Hessen eintreten, „so wie ich es als Kind erlebt habe“. Was heißt das? „Früher konnte ich abends durch die Stadt gehen, ohne gleich darauf angesprochen zu werden, ob ich Drogen kaufen will“, entgegnet er.

Kay Salawa ist 43 Jahre alt und in Darmstadt geboren, wohnt heute in Modautal. Ich bin 41 Jahre alt, in Darmstadt geboren und lebe bis heute hier. Herr Salawa und ich sollten in unserer Jugend eigentlich ähnliche Erfahrungen in der Darmstädter Innenstadt gemacht haben.

Haben wir aber nicht. Sowohl als Schüler als auch als junger Student war es keineswegs ungewöhnlich, am Luisenplatz oder im Herrngarten auf Drogen angesprochen zu werden. Heute passiert mir so was nicht mehr, was natürlich weniger daran liegt, dass der Drogenhandel zurückgegangen wäre, sondern damit, dass ich der Zielgruppe entwachsen bin.

Trotzdem muss ich mich fragen, wieso eine nahezu gleichaltrige Person diese Erfahrungen in seiner Jugend nicht gemacht haben will, dafür aber heute macht! Die Vermutung, dass hier eine völlig übersteigerte selektive Wahrnehmung gepaart mit einer Verklärung der Vergangenheit am Werk ist, liegt mehr als nahe. Was dann zur AfD passt, weil deren ganzes Wahlprogramm ist eine unrealistische, weltfremde Verklärung der Vergangenheit gepaart mit extrem selektiver Wahrnehmung der Gegenwart (plus einiges, was komplett herbeifantasiert ist).

Herr Salawa möchte ein Hessen „so wie ich es als Kind erlebt habe“. Was meint er? Die 80er Jahre? Da war der kalte Krieg noch im Gange! Wir in Darmstadt lebten keine 150 km von der Grenze zwischen Ost und West, wo im Konfliktfall die Hölle losgewesen wäre. Amerikanische Soldaten joggten in voller Montur durch die Straßen und erinnerten uns dadurch ständig an die drohende Gefahr. Was habe ich mich alt gefühlt, als neulich zwei Düsenjets der Bundeswehr für Aufregung in Hessen sorgten, weil ihr Überschallknall die Leute erschreckt hat. Als ich ein Kind war, war das nichts außergewöhnliches.

Oder meint Herr Salawa vielleicht die 90er mit Massenarbeitslosigkeit und deutlich höherer Kriminalitätsrate?

Das Problem ist nun nicht, dass ein Politiker und seine Partei für mehr Sicherheit eintreten. Dagegen ist nichts zu sagen, doch wer so eine verzerrte Wahrnehmung der Realität hat, wird immer ein Schreckensszenario brauchen, um sich selbst zu rechtfertigen. Und wer weiß, was er bedrohlich findet, wenn er in der Stadt nicht mehr auf Drogen angesprochen wird?

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2 Responses to Imaginierte AfD-Dystopie

  1. Auf der anderen Seite ist der Georg-Büchner-Platz vor dem Hessischen Staatstheater nicht nur abends geschwängert von durch die Kifferei produzierten Feinstaub. Was mir nur Sorgen dabei macht ist, wie die städtische Politik die Messwerte der Luftmessung-Station in der Hügelstraße bezüglich des politischen Zieles, Autos aus der Stadt durch (Diesel-) Verbote und Anliegerparkgebühren zu verbannen, instrumentalisiert wird. Das wäre Grund, politisch aktiv zu werden, damit die Wissenschaft und Forschung endlich wieder einmal die Oberhand bekommt in einer Wissenschaftsstadt und nicht unternehmerische Gefälligkeitsstudien die der Darmstädter Steuerzahler dem Magistrat finanziert. Die Drogengelder werden mit dem Handel von Luxuslimosinen, in der Sandstraße, Elisabethenstraße und Grafenstraße sichtbar, gewaschen. Ob ich da aber eine AfD wählen würde, mag ich stark zu bezweifeln. Früher war die SPD für den Drogenhandel im Herrengarten zuständig, jetzt merkt es vielleicht der Ordnungsdezernent der CDU, oder auch nicht. Es kann mir egal sein. Das Argument, wenn es dir nicht paßt, kannst Du ja aufs Land ziehen. Ins Modautal zum Beispiel. Ansonsten muß ich erst mal meinen Dealer fragen, ob das alles in Ordnung geht…

  2. Pingback: Die AfD darf das Grundgesetz nicht ändern |

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