Verteilung der -Stat-Orte

Als kleinen Nachtrag zum vorherigen Beitrag habe ich mir mal die Mühe gemacht und markiert, wo und in welcher Häufung in Deutschland Ortsnamen auftauchen, die ursprünglich auf das Suffix -stat endeten. Das Ganze war ein bisschen mühselig, weil wie findet man die Orte überhaupt? Wikipedia ist recht hilfreich, da es dort Listen von Städten und Gemeinden nach Bundesländern sortiert gibt. Da kann man schnell mal durchsuchen, wo der Ortsname passt. Es ist aber schon schwierig, eingemeindete Orte zu finden, manchmal gibt’s dazu Listen, manchmal nicht. Und Wüstungen fallen ohnehin ganz raus. Somit ist diese Übersicht selbstverständlich unvollständig. Außerdem könnten kleinere Lücken und kleinere Anhäufungen auch durch diese ungenaue Arbeitsweise entstanden sein (mal mit Ortsteilen, mal ohne, mancherorts wurde mehr eingemeindet, anderenorts weniger, etc.).

Hinzu kommt, dass das Suffix zwar nur eine kurze Zeit sehr exzessiv benutzt wurde, aber auch nie ganz verschwand. Orte wie Cannstatt entstanden wahrscheinlich unmittelbar nach dem Rückzug der Römer und lehnten sich an deren Siedlungen an. Nach dem Einfall der Franken dürften Neugründungen vermutlich hauptsächlich typisch fränkische Suffixe gehabt haben wie -heim, -hausen oder -dorf. Gelegentlich fand aber auch -stat noch Verwendung, wie wir z.B. bei Seligenstadt nachweisen können, ursprünglich eine fränkische Gründung auf -heim, die später umbenannt wurde. In Richtung des sorbischen Siedlungsgebiets könnten es auch nach der Eroberung umbenannte sorbische Gründungen sein. Auch der Schwabengau und die Umsiedlung von Sachsen nach den Eroberungen Karls des Großen können eine Rolle gespielt haben.

Als dann der Begriff Stadt die moderne Bedeutung annahm, erhielten sowohl Planstädte das Suffix -Stadt als auch Dörfer, die Stadtrechte verliehen bekamen. Diese änderten gelegentlich ihren Namen, vor allem wenn der Name bislang auf -dorf endete.

Und heute schließlich wird das Suffix bei Neugründung auch noch gerne verwendet, nur dass eben selten völlig neue Städte gegründet werden. Meistens sind das dann Zusammenschlüsse von Gemeinden wie z.B. Riedstadt.

Alles also eine sehr ungenaue Geschichte, dennoch finde ich das Bild, das sich ergibt, recht interessant (Bildquelle: Google Earth):

Stat

Ganz wichtig: ganz oben in Schleswig-Holstein hatte ich irgendwann aufgehört, weil ich keine Lust mehr hatte, da sind eigentlich durchgehend kleinparzellig -Stat-Orte!

Im Norden (Sachsen/Angeln) verteilen sich die Orte einigermaßen gleichmäßig mit gelegentlichen Konzentrationen. Im Süden (Alemannen/Bajuwaren) ist das ähnlich, aber dünnmaschiger. Es konzentriert sich im Grenzgebiet zwischen den Franken und den Alemannen, wobei es auf fränkischer Seite sofort ausdünnt und im Kerngebiet abbricht.

Dann gibt es noch eine starke Konzentration im östlichen Teil des historischen Thüringen, also Richtung Grenze zu den Sorben. Mit ein bisschen Fantasie kann man sogar ansatzweise den Verlauf der Saale wiedererkennen, zumindest zeitweise wohl Grenze zwischen Sorben und Thüringern, später Franken. Außerdem scheint man erkennen zu können, dass die Mittelgebirge eher gemieden wurden. Am Auffälligsten ist aber das Fehlen von -Stat-Orten in NRW, Teil des Kerngebiets der Franken.

Sieht man also von den oben angedeuteten Möglichkeiten späterer Gründungen ab, sind die -Stadt-Orte allem Anschein nach keine fränkischen Gründungen. In unserer Gegend daher wohl Alemannen. Theoretisch wären Siedler aus Sachsen oder Thüringen denkbar, aber nicht in dieser Häufigkeit.

Nachtrag vom 29.07.2018

Ich habe das Ganze noch einmal überarbeitet, da es zu ungenau war. Warum und was das bedeutet, kann man bei meinem Kommentar unten vom 29. Juli 2018 um 14:39 nachlesen.

statupdate

Das wirkt jetzt in NRW mehr, als es eigentlich ist. Zum einen sind bei Weitem nicht alle markierten Orte 100%-ig „Stat-Orte“ (siehe meinen Kommentar unten), zum anderen verzerren diese virtuellen Pinnwandstecker von Google Earth den Blick etwas, da wo die sich überlappen, werden sie zur besseren Sicht transparent, dadurch wirkt es weniger. In NRW sind das einige wenige, zum Teil weit auseinander, an manch anderen Stellen sind das ganze Trauben. Und NRW ist dicht besiedelt, 525 Einwohner pro km², zum Vergleich: Sachsen-Anhalt hat da einen Wert von 109, Thüringen 133, Niedersachsen 167 und selbst Hessen nur 294. Das prinzipielle Bild ändert sich also nicht, die Franken nutzten zumindest ursprünglich das -Stat-Suffix nicht.

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6 Responses to Verteilung der -Stat-Orte

  1. R.A. says:

    Erst einmal recht herzlichen Dank für diese Fleißarbeit. Das ist wirklich ein interessantes Ergebnis.
    Die Verteilung ist schon eigentümlich und schreit nach einer Erklärung – aber in mehreren Tagen Nachdenken ist mir keine eingefallen. Die Hypothese für den Glauberg halte ich allerdings für widerlegt, für die meisten dieser -stat-Orte ist kaum eine Zweckbestimmung wie bei den vermuteten Glauberg-Vorwerken plausibel.

    Es ist natürlich gut möglich, daß es verschiedene Varianten gibt mit unterschiedlichen Bedeutungen gibt. Und trotzdem: Alleine schon die Verteilung auf eigentlich alle Sprach- und Stammesgebiete läßt da nicht viele Möglichkeiten zu.
    Umgekehrt ist die Lücke auffällig, außer Nordhessen ist das witzigerweise im wesentlichen das heutige NRW mit seinem fränkischen und sächsischen Teil. Bizarr.

    • Jörg says:

      „Es ist natürlich gut möglich, daß es verschiedene Varianten gibt mit unterschiedlichen Bedeutungen gibt. “

      Davon ist auszugehen, wir reden hier ja definitiv von einem bei mehreren Stämmen gebräuchlichen Suffix. Es ist nicht zwingend, dass die alle das im gleichen Zusammenhang verwendet haben.

      „Umgekehrt ist die Lücke auffällig, außer Nordhessen ist das witzigerweise im wesentlichen das heutige NRW mit seinem fränkischen und sächsischen Teil. Bizarr.“

      Der Befund in NRW hat mir von Anfang an keine Ruhe gelassen, weil er keinen Sinn ergibt. Ich hatte zwar ungefähr ein solches Bild erwartet, allerdings keinen völligen Nullbefund. Das Suffix war ja nicht irgendwann vergessen, sondern entwickelte sich zum modernen Stadtbegriff weiter, während zwischenzeitlich auch Orte, die keine Siedlungen waren, oft als „Stätte“ bezeichnet wurden. Gruppen von Sachsen und wohl auch von anderen Stämmen wurden teilweise umgesiedelt, da soll kein sprachlicher Austausch stattgefunden haben? Das gibt absolut keinen Sinn. Dass es zudem gerade an der Grenze eines heutigen Bundeslandes abbricht, sprach eher für einen Fehler in der Methodik.

      Hatte sich vielleicht das Stat dort anders verschliffen als bei uns, in Thüringen und in Niedersachsen/Schleswig-Holstein? Immerhin heißt es heute mal Stadt, mal Stetten, mal Städten, und in England Stead.

      Es gibt in NRW bspw. Orte wie Hopsten, das in der Ersterwähnung „Hop seten“ heißt. Könnte das eigentlich „Hohe Stätte“ heißen? Auch ein Ort wie Ergste, Ersterwähnung „Argeste“ könnte ein Name sein, bei dem das letzte t hinten runtergefallen ist. Orte auf -sten gibt es zumindest einige. Ich vermute allerdings, dass die eher mit -stein zusammenhängen, aber vielleicht war es hier und da auch ein -stat.

      Trotzdem machte es so keinen Sinn, also habe ich noch mal genauer geschaut. Wikipedia listet bei vielen Bundesländern nicht nur Gemeinden auf, sondern auch Ortsteile, sprich u.a. eingemeindete Orte. Für NRW gibt es das nicht. Ich habe jetzt noch mal genauer hingeschaut und weiß jetzt auch, warum das so ist. Es sind einfach viel zu viele. Die Liste wäre unbrauchbar lang.

      Wenn man aber genauer hinschaut, findet man tatsächlich ein paar Orte, 17 um genau zu sein (plus 2-3, die ich jetzt vielleicht schlicht übersehen habe). Das klingt erst mal viel, ist für ganz NRW verglichen mit anderen Suffixen aber immer noch sehr, sehr wenig, zumal ein Teil davon durch die Grenznähe zu Niedersachsen erklärbar ist und ein anderer Teil später entstandene Orte sein könnten, die nicht -Stat im Sinne von Siedlung bedeuten, sondern Stätte.

      Ich habe versucht, sie bereits ein bisschen zu ordnen (eine Übersicht füge ich oben in den Artikel gleich noch ein):

      1) Ovenstädt, Fabbenstedt, Isenstedt, Nettelstedt, Häverstädt, Bustedt liegen alle dicht beieinander. Über die braucht man eigentlich nicht viele Worte verlieren, sie liegen alle maximal 10 km von der Grenze zu Niedersachsen entfernt. Das passt also nahtlos ins Bild, Nienstädt in Niedersachsen liegt etwas 20 km von Ovenstädt und Häverstädt entfernt. Die Orte gehören historisch wohl alle irgendwie zusammen.

      2) Kohlstädt liegt ziemlich einsam südlich von Detmold. 1036 wird es als Colstidi erwähnt. Hier würde ich nicht von einem Siedlungsnamen ausgehen, sondern im Sinne von „Stätte“. Wikipedia verrät mir, dass noch bis in die 1930er Jahre dort Kohle abgebaut wurde.

      3) Hofstadt bei Herzogenrath und Hofstede, Stadtteil von Bochum. Diese dürften beide späteren Datums sein im Sinne von Hofstätte, nicht Siedlung bei einem Hof oder so.

      4) Alstaden, Stadtteil von Oberhausen, und Alstedde, ehemalige Bauernschaft von Altlünen. Vermutlich bedeutet der Name „Alte Stätte“, ähnlich Orte wie Altenstadt, etc. habe ich eigentlich immer weggelassen, weil das wohl keine ursprünglichen Bezeichnungen sind. Ich würde sie daher auch hier nicht unbedingt mit einrechnen. Wenn man etwas den „alten Ort“ nennt, dann hieß der ursprünglich höchstwahrscheinlich anders.

      5) Twisteden im Kreis Kleve. Liegt irgendwie abseits von allem, der Name könnte „Zwei Stätten“ bedeuten, also der Zusammenschluss zweier Dörfer oder zumindest Höfe, war in dem Fall dann auch kein ursprünglicher Name.

      6) Diestede und Nettelstädt, liegen in der Nähe von Lippstadt (eine 1185 entstandene Planstadt, kein -Stat-Ort!), Diestede soll von Thing-Stätte abgeleitet sein, die Stelle soll auch identifiziert sein. Halte ich für spekulativ.

      7) Manstedten, Sinsteden und Fliesteden, liegen zwischen Grevenbroich und Köln. Für diese 3 Orte habe ich keine andere Erklärung, das sieht aus wie jeder andere -Stat-Ort im übrigen Deutschland. Aber warum gerade da, so weit abseits vergleichbarer Orte?

  2. R.A. says:

    > Hatte sich vielleicht das Stat dort anders verschliffen als bei uns,
    Das ist sehr plausibel. Dann müßte man alle in irgendwelchen Dialekten vorkommenden „-stadt“-Ableitungen kennen und suchen, erst dann hätte man ein aussagekräftiges Bild.

    > Es gibt in NRW bspw. Orte wie Hopsten, das in der Ersterwähnung
    > „Hop seten“ heißt. Könnte das eigentlich „Hohe Stätte“ heißen?
    Gut denkbar – und das zeigt, daß „alle vorkommenden Ableitungen“ ziemlich viel bedeutet. Man müßte eigentlich alle in Deutschland bekannten Ortsnamen durchgehen und bei jedem prüfen, ob das von einer „-stadt“-Variante abgeleitet wurde. Da reicht Wikipedia schlicht nicht, da muß man in die Regionalforschung und die dortigen Ergebnisse durchforsten.

    • Jörg says:

      Auch da muss man aber vorsichtig sein, denn da musst du eigentlich immer die Ersterwähnungen raussuchen, und auch das ist nicht eindeutig, denn viele Ersterwähnungen sind so spät, dass sich der Ortsname da schon verschliffen hat. Dann kann ich auch da wieder nur spekulieren und habe am Ende mehrere Möglichkeiten.

      Auf Regionalforschung zurückgreifen, ist sicher richtig, für Südhessen habe ich das auch mal gemacht und zwar inklusive allem, Ortsnamen, Ersterwähnungen, Wüstungen, etc., aber das ist so aufwendig, dass das für ganz Deutschland und vielleicht auch noch Frankreich, Belgien, Niederlande, England, Dänemark etc. kaum praktikabel ist, erst recht, wenn man das nur in seiner Freizeit machen kann (auch jetzt konnte ich das nur machen, weil ich ein paar Tage frei habe und es mir nachmittags stellenweise doch zu heiß war, um irgendwas zu unternehmen, nächste Jahr fahr ich im Sommer auf jeden Fall wieder irgendwo auf die Britischen Insel, da ist es angenehmer 😉 ).

      Hinzu kommt, dass ich gerade in Südhessen festgestellt habe, dass man nicht einfach auf die Ergebnisse der Regionalforschung zurückgreifen kann. Oft muss man sich auch die Methodik mal genauer ansehen, weil die nicht immer stichhaltig ist. Manchmal muss man 3 Quellen zurückgehen, also von einem Autoren zum anderen, um festzustellen, dass da nur wild spekuliert wurde, was später dann aber als Quasi-Fakt vorausgesetzt wird.

      Manches passt da aber einfach nicht bzw. ist nicht schlüssig. Oft widersprechen sich die Autoren auch. Und häufig geht in einer Region alles auf nur einen Autoren zurück, und da ist es dann sehr davon abhängig wie seriös und genau der gearbeitet hat. Nimm zB die Behauptung Arheilgen ginge auf einen Franken oder Alemannen namens Araheil zurück. So weit ich das bislang rekonstruieren konnte, geht die Behauptung auf Alfred Götze zurück. Der hatte dafür aber keinerlei Grundlage und war wohl von einer nationalistischen Ideologie (alles muss germanisch sein!) geprägt. Wenn du heute mit Historikern sprichst, die sich damit beschäftigt haben, sagen die, dass das eindeutig kein Personenname ist und der Ort erst irgendwann nach der iro-schottischen Mission entstanden sein kann. Trotzdem liest du das immer noch, weil man halt entweder auf Götze direkt oder auf jemanden, der ihn als Quelle benutzt hat, zurückgreift.

      Kurz: an sich müsste man mit ALLEN bekannten Ersterwähnung anfangen und die nach Suffix und Region strukturieren, für ganz Deutschland plus einiger angrenzender Staaten, bei aller Liebe, ich glaube nicht, dass ich dazu Zeit & Lust habe 😉

      Trotzdem halte ich die Aussage, dass – zumindest mit großer Wahrscheinlichkeit – -stat-Orte nicht originär fränkisch sind, für richtig. Das Problem, wenn wir uns mit dieser Zeit beschäftigen, ist aber, dass die Quellenlage schlicht zu schlecht ist. (wobei man das natürlich auch positiv sehen kann, denn dadurch werden auch gewagtere Spekulationen legitim 😉 ).

  3. Kai says:

    Hiermit kann man eine Karte automatisch erstellen:
    Sie markiert jeden Ort, der auf „stadt“ endet.

    Auf der Seite
    http://overpass-turbo.eu/

    Wählst du das Untersuchungsgebiet aus (zoome z.B. auf das Rhein-Main Gebiet. Nicht zu gross, dann geht es nicht),
    und kopiere folgendes auf die linke Seite:

    node [~“name“~“stadt$“][„place“]({{bbox}});
    out body;

    Jetzt auf „Ausführen“ klicken und die Stadt-Orte sollten markiert sein.

    • Jörg says:

      Danke für den Link. Ist durchaus hilfreich, tatsächlich auch für die Erkenntnis, dass schon eine andere grafische Darstellung für einen etwas anderen Eindruck sorgen kann. Allerdings ist es gerade bei Orten, die auf -Stadt enden, auch etwas problematisch, weil auch jede „Altstadt“ und „Innenstadt“ angezeigt wird.

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