Tausendjähriger Vogelschiss

„Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“

„Wir haben eine ruhmreiche Geschichte. Und die, liebe Freunde, dauerte länger als die verdammten zwölf Jahre.“

Das sind die Worte von Alexander Gauland (AfD), die zurzeit Empörung hervorrufen. Damian Lohr, der Vorsitzende der in Darmstadt gegründeten JA, der Jugendorganisation der AfD, packte sogar noch eines drauf und sprach von „12 von 2000 Jahren“, die ein „verschwindend geringer Anteil wären“.

1.000 Jahre? 2.000 Jahre? Wer bietet mehr? War vielleicht sogar Ötzi Deutscher? Um die Frage zu beantworten, ob die deutsche Geschichte erfolgreich oder „ruhmreich“ war, muss man erst mal klären, was denn zur deutschen Geschichte gehört?

Deutschland als Nationalstaat entsteht erst 1871. Sehr erfolgreich war der nicht, denn gerade mal 74 Jahre nach der Gründung des Staates hatte man zwei selbst verschuldete Weltkriege und große Teile des eigenen Territoriums sowie die politische Eigenständigkeit verloren.

Gauland spricht allerdings von 1.000 Jahren, geht also deutlich weiter zurück. Das Problem dabei ist: vor dem 19. Jahrhundert war das, was heute Deutschland ist, von der Reichsidee geprägt und die war ausdrücklich „übernational“.

Wenn man also von einer „tausendjährigen deutschen Geschichte“ spricht, dann kann man damit nicht Deutschland im heutigen Sinne meinen, sondern allenfalls eine nur sehr grob definierte, sehr veränderliche Region, in der zu unterschiedlichen Zeitpunkten überwiegend ein deutscher Dialekt gesprochen wurde.

Daran sieht man, wie unsinnig es ist, von einer tausendjährigen deutschen Geschichte als Grundlage eines Nationalstaates oder eines Volkes zu sprechen. Das gab es nicht, Deutschland ist ein langer Entwicklungsprozess mit fließenden Übergängen. Trotzdem spricht Herr Gauland von „über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“. Was genau meint er damit?

Nun, zunächst einmal könnte man ihm unterstellen, dass er sich damit Nazi-Jargon bedient. Der Begriff des „tausendjährigen Reichs“ war ein wichtiger Teil der Nazi-Propaganda. Allerdings wird Gauland, wenn er denn tatsächlich auch nur einen Funken Ahnung von dem, was er da erzählt, hat, zurecht darauf hinweisen, dass das bei den Nazis in die Zukunft und nicht in die Vergangenheit gerichtet war.

Allerdings muss ihm auch klar sein, dass diese Assoziation entstehen kann. Gibt es also einen anderen Grund, warum man ausgerechnet von einer 1.000-jährigen deutschen Geschichte ausgeht?

Als 2008 unter der Leitung von Guido Knopp die Dokumentationsreihe „Die Deutschen“ einen Gesamtüberblick über die deutsche Geschichte bieten wollte, begann man mit Otto dem Großen und der Schlacht auf dem Lechfeld im Jahre 955 als Startpunkt. Wie sogar Wikipedia weiß, wurde und wird diese Schlacht oftmals als „Geburt der deutschen Nation“ bezeichnet. Politisch wie historisch ist das allerdings Unsinn. Eine deutsche Nation gibt es, wie gesagt, erst seit 1871.

Gut 100 Jahre nach der Schlacht auf dem Lechfeld taucht der Begriff „Regnum Teutonicum“, also deutsches Königreich, auf. Gab es also ab da Deutschland? Auch das ist kaum vertretbar, denn diese Bezeichnung war ein päpstlicher Kampfbegriff während des Investiturstreits. Damit sollte der Machtanspruch des römisch-deutschen Königs/Kaisers unterminiert werden. Mit der Realität hatte das nichts zu tun. Die Macht der römisch-deutschen Könige/Kaiser reichte an manchen Stellen über das, was heute Deutschland ist, hinaus, an anderen Stellen endete das Reich aber mitten in „Deutschland“.

Der übernationale Charakter des Reichs ist unbestreitbar. Lässt man das Regierungssystem mal außen vor, war das Reich aus heutiger Sicht eher wie die EU als wie Deutschland. Eine Argumentation, die auf dem politischen System des „römisch-deutschen Kaiserreichs“ (schon dieser historisierende Begriff ist ja fragwürdig) fußt, funktioniert daher nicht bei der Frage, was Deutschland ist und wann es entstand. Deutschland, so wie wir es heute verstehen, ist eine Idee des 19. Jahrhunderts.

Die oft bemühte „gemeinsame Geschichte“ ist so auch nicht gegeben. Gehen wir so weit zurück, wie es historisch noch irgendwie fassbar ist, müssen wir uns mit den Germanen und den Kelten beschäftigen. Das waren allerdings Sammelbegriffe für eine Vielzahl von Stämmen, die gewisse Gemeinsamkeiten hatten, sich in anderen Punkten aber auch stark voneinander unterschieden.

Ein Grund für die harte Trennung in Kelten und Germanen war ein rein politischer. Cäsar brauchte für seine weitere Karriere in Rom den Erfolg, dass er (wie wir aus Asterix wissen) „ganz Gallien unterworfen“ hatte. Weil er aber jenseits des Rheins kaum einen Fuß auf die Erde bekam, erklärte er alle Stämme dort kurzerhand zu Germanen. Schon hatte er „ganz Gallien“ unterworfen.

Ethnologisch ist das Unsinn. Kelten und Germanen gab es beiderseits des Rheins. Und die Übergänge waren fließend. Die Kelten, die in unserer Gegend lebten, waren den hier lebenden Germanen ähnlicher als ihren Verwandten auf den britischen Inseln. Es macht daher auch heute nur bedingt Sinn, in Kelten und Germanen zu unterscheiden. Eigentlich waren beide „Völker“ schon damals multikulturell.

Und daran änderte sich auch später nichts. Unter den Franken wurden Teile des heutigen Deutschlands erstmals unter einem Herrscher zusammengefasst. Allerdings fehlten noch große Teile Ostdeutschlands, von den ehemaligen Ostgebieten, die so manch deutscher Nationalist auch gerne wieder hätte, ganz zu schweigen. Dafür gehörten neben den Benelux-Ländern auch der größte Teil Frankreichs und Teile Spaniens und Italiens zum Fränkischen Reich. Mit Deutschland, wie es Nationalisten heute verstehen, hatte das Fränkische Reich also rein gar nichts zu tun.

Was allerdings unter den Franken geschah, war eine ordentliche multikulturelle Durchmischung. Angefangen bei den Franken selbst, die reihenweise aus ihren angestammten Gebieten im Westen und Nordwesten Deutschlands sowie dem Norden Frankreichs nach Südwest- und Süddeutschland zogen und die dort lebenden Alemannen und Baiern offenbar so übervölkerten, dass eine ganze Region heute nach den Franken benannt ist. Bis hin zu den Sachsen, die nach der blutigen Unterwerfung durch Karl dem Großen vor allem an die Ostgrenze des Reiches, aber beispielsweise auch in unsere Gegend (Stichwort Sachsenhausen) zwangsumgesiedelt wurden. Wenn wir den Ursprung Deutschlands also bereits im Fränkischen Reich sehen, entstand unser Land aus einer wirklich umfangreichen multikulturellen Durchmischung!

Ich habe nicht den Eindruck, dass Gauland Frankreich als Teil Deutschlands sieht. Folglich muss er, wenn er „von mehr als 1000 Jahren Geschichte“ spricht, allenfalls das Ostfränkische Reich meinen, das nach dem Zerfall des Fränkischen Reichs entstand. Kein sehr heroischer Start, auf den man sonderlich stolz sein kann, immerhin wäre Deutschland dann das Produkt politischem Versagens. Außerdem fehlten auch hier noch große Teile des heutigen Ostens Deutschlands.

Das Fränkische und Ostfränkische Reich sind zwar historische Gründe für die Entstehung Deutschlands, waren aber keineswegs bereits das Land des deutschen Volkes. Das für den deutschen Nationalstaat politisch wie kulturell so prägende Preußen beispielsweise existierte noch gar nicht, und als es existierte, lebten dort überwiegend Balten, keine „Deutschen“.

Auch das Reich seit Otto dem Großen kannte kein deutsches Volk im eigentlichen Sinn, es war ein übernationales Gebilde unzähliger Territorien, die mal mehr, mal weniger vom römisch-deutschen Kaiser abhängig waren. Dieses aus politikwissenschaftlicher Sicht gesehene Monstrum zu einem einheitlichen Staatsgebilde zusammenfassen zu wollen, wie dies beispielsweise mit der Goldenen Bulle, dem Ewigen Landfrieden oder der Carolina versucht wurde, hatte immer nur bedingten Erfolg und war sehr von der je nach Kaiser sehr unterschiedlichen faktischen Macht desselbigen abhängig.

Angesichts des langen historischen Zeitraums, in dem das Reich bestand, könnte man etwas überspitzt sagen, dass es der erfolgreichste failed state aller Zeiten war. Ein deutsches Volk aber lebte nicht dort, sondern Völker, die teilweise einen deutschen Dialekt sprachen bzw. etwas, das man zu einem deutschen Dialekt erklärte, denn auch hier waren die Übergänge zu anderen Sprachen selbstverständlich fließend. Deutschland entstand als Idee, einen multikulturellen Flickenteppich zu einem Volk zu vereinen. Politiker, die heute gegen Zuwanderung und Integration wettern, sind eigentlich also ziemlich undeutsche Gesellen.

Und wir alle haben multikulturelle Ursprünge. Ich nehme der Einfachheit halber einmal mich selbst als Beispiel. Väterlicherseits stamme ich von Waldensern ab, die Ende des 17. Jahrhunderts aus dem damaligen Frankreich (heute gehört die Region zu Italien) nach Hessen flohen. Sie wurden von Landgraf Ernst Ludwig im tiefsten Odenwald angesiedelt, weil das einflussreiche Bürgertum in Darmstadt nichts mit ihnen zu tun haben wollte. Sie blieben lange Zeit eine Parallelgesellschaft, die, wenn überhaupt, nur sehr gebrochen Deutsch sprach.

Mütterlicherseits stamme ich von Sudetendeutschen ab. Nach Ende des 2. Weltkrieges wurden meine Mutter, Großmutter und deren Familie im tiefsten Odenwald angesiedelt, weil das einflussreiche Bürgertum in Darmstadt nichts mit ihnen zu tun haben wollte. Mein Großvater war gelernter Konditor und arbeitete für den Rest seines Lebens im Lager bei Merck. Meine Großmutter putzte bei einer reichen Chemikerfamilie. Auch heute typische Jobs für Zugewanderte.

Ich bin also Nachfahre von Menschen aus italienisch-französischem Grenzgebiet und aus sudetendeutschem-tschechischem Grenzgebiet (meine Großmutter betonte immer, dass sie Grenzlandbewohnerin wäre). Grenzen, das sind aus Sicht solcher Menschen wie Gauland, die Linien, an denen ein Volk auf ein anderes trifft. Trotzdem hätten selbst die Nazis mich als Deutschen anerkannt.

Wenn Herr Gauland die tausendjährige deutsche Geschichte betont und den Nationalsozialismus als Vogelschiss ansieht, verlangt er von mir daher auch, dass ich mich beispielsweise mit der Reformation im 16. Jahrhundert mindestens genauso identifiziere. Meine Vorfahren väterlicherseits haben da aber noch gar nicht im Gebiet des heutigen Deutschlands gelebt und, macht euch nichts vor, nahezu jeder hat Vorfahren, die in dieser Zeit noch nicht in dieser Region gelebt haben. Es gab im Laufe der Jahrhunderte einfach zu viele Gründe, warum man seine Heimat verließ, so dass die Wahrscheinlichkeit, dass alle eigenen Vorfahren das nicht taten, viel zu gering ist.

Wenn Gauland von „über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“ spricht, dann wählt er diesen Zeitraum auch, weil dadurch die 12 Jahre Nationalsozialismus eben klein wie ein „Vogelschiss“ erscheinen, rein rechnerisch nur wenig mehr als 1%. Würde man dagegen erst die Gründung des Nationalstaates Deutschland nehmen, würden die 12 Jahre deutlich stärker ins Gewicht fallen. Der Zeitraum muss also möglichst lange sein, um den Nationalsozialismus zu marginalisieren.

Besonders kritisch wird es, wenn man mal genauer in diese 1.000 Jahre schaut. Der Satz von der „erfolgreichen Geschichte“ setzt ja voraus, dass zumindest das meiste in dieser Zeit toll war. Eine kleine Liste, der Dinge, die ebenfalls in diesen tausend Jahren Teil unserer Geschichte waren: Kreuzzüge, Leibeigenschaft, Hexenverfolgungen, Judenverfolgungen, Verfolgungen von Roma, der 30-jährige Krieg, der Bauernkrieg, der Schmalkaldische Krieg, der 7-jährige Krieg, der Absolutismus, der Deutsche Krieg, der Deutsch-Französische Krieg, der 1. Weltkrieg, man weiß vor lauter Krieg und Unterdrückung gar nicht, wo man anfangen und wo man aufhören soll. Nimmt man das alles mit in die Rechnung hinein, haben wir eine ganze Flut von „Vogelschiss“. Der „Vogelschiss“ des Nationalsozialismus war da nur das Ende einer langen, langen Entwicklung, die sich durch die gesamte deutsche Geschichte zieht. Eine Geschichte des Blutvergießens.

Darauf wird gerne erwidert, dass das bei anderen Staaten ja ähnlich wäre. Stimmt, nur macht es das nicht ein Stück besser. Im Gegenteil, das Zeigen auf andere Staaten ist einer der Gründe, warum so viel von diesem „Vogelschiss“ durchgezogen werden konnte. Welcher Krieg wurde nicht mit den Verfehlungen des Gegners gerechtfertigt, tatsächlichen wie erfundenen?

Vielleicht ist aber mit dem Begriff „erfolgreich“ keine moderne ethisch-moralische Sichtweise gemeint, sondern lediglich die Frage, ob man das Ziel erreicht hatte. Da könnte man bei dem Deutsch-Französischen Krieg z.B. durchaus von einem Erfolg reden, wenn auch eher für Preußen als für Gesamtdeutschland, aber immerhin.

Zieht man aber die ganzen 1.000 Jahre heran, so sieht es auch hier übel aus. Beispiele:

– das Ostfränkische Reich entstand aus dem Scheitern des Fränkischen Reichs.
– Der Versuch, die Macht der Katholischen Kirche im Reich zu brechen, scheiterte unter Heinrich IV. grandios.
– Der Kreuzzug unter Friedrich Barbarossa endete für die Deutschen, als Friedrich auf halbem Weg wenig heroisch bei einem Badeunfall ums Leben kam.
– Die Reformation war in erster Linie ein Scheitern der Zentralgewalt des Kaisers. Das Reich stürzte nach mehreren Versuchen der Konsolidierung für knapp 150 Jahre in eine Reihe von Bürgerkriegen, wovon der Letzte, der 30-jährige, neben den beiden Weltkriegen zu den brutalsten und unmenschlichsten aller Zeiten gehört.
– Versuche der Einigung der deutschen Länder scheiterten daraufhin immer wieder, bis Preußen (also Balten) mit seiner militärischen Macht einen Teil dieser Länder unterwarf, einen weiteren Teil gefügig machte und den Rest für Nicht-Deutschland erklärte.

Ich weiß, man kann ähnliche Reihen auch mit Erfolgen aufstellen, je nach dem, was man als Erfolg ansieht. Der Punkt aber ist, dass die 12 Jahre Nationalsozialismus nicht als „Vogelschiss“ in einer tausendjährigen Zeit der Großartigkeiten stehen, sondern dass die deutsche Geschichte, wie die Weltgeschichte an sich, durchzogen ist von Krieg, Unheil, Unterdrückung und vielen anderen schlimmen Dingen, die den positiven Dingen als Mahnung gegenüber stehen.

Dabei kommt hinzu, dass wir selbst definieren, was positiv und was schlimm war. In der Bewertung unserer Geschichte, dem Festlegen, was gut, was schlecht, was bedeutend und was unbedeutend war, definieren wir uns. Und wer dann den Nationalsozialismus als „Vogelschiss“ bezeichnet, relativiert unsere Identität als deutsches Volk. Genau das will Gauland ja auch. Wer aber den Nationalsozialismus zum „Vogelschiss“ der Geschichte erklärt, negiert, dass das Handeln Deutschlands heute auch aus den Lehren, die wir aus dieser Zeit gezogen haben, bestimmt ist. 

Advertisements

2 Responses to Tausendjähriger Vogelschiss

  1. Guter Text und ich bin natürlich wie immer ganz auf Deinr Seite. Das Heilige Römische Reich allerdings kommt ein bisschen zu schlecht weg: Das Reichskammergericht bestand als Institution über Jahrhunderte und der föderale Rahmen mit einheitlichem Stadtrecht von Königsberg bis Ragusa hat durchaus Vorbildliches.

    • Jörg says:

      Deswegen hatte ich ja gesagt, dass man ähnliche Reihen auch mit Erfolgen aufstellen kann.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: