Und täglich grüßt der Hindenburg (Folge 42)

Und wieder mal war die Hindenburgstraße Thema, diesmal im Bauausschuss: http://www.echo-online.de/lokales/darmstadt/hindenburgstrasse-linke-scheitert-mit-antrag-nach-anbringung-eines-zusatzschilds_18754833.htm.

Die Linke hatte beantragt, den erklärenden Zusatz des Straßenschildes durch den Hinweis „Kriegsherr, Reichspräsident und Wegbereiter Hitlers“ zu ersetzen. Das wäre zumindest originell, meines Wissens gibt es nichts Vergleichbares auf irgendeinem Straßenschild in Deutschland. Zumindest in dieser Formulierung finde ich die Gefahr, dass das missverstanden wird, aber auch sehr groß.

Der Antrag wurde natürlich abgelehnt. Besonders interessant ist die Begründung der FDP-Vertreterin Ursula Blaum. Das Echo schreibt:

„Ursula Blaum (FDP) wies darauf hin, dass man dann bei dem hessischen Landgrafen Friedrich II. von Hessen-Kassel auch „Menschenhändler“ zufügen müsste wegen dessen Zwangsrekrutierungen für Großbritannien („Ab nach Kassel“). „

Stimmt völlig. Und nicht nur beim 2. Kassler Fritzen, wir müssen gar nicht so in die Ferne schweifen: ich hatte schon vor geraumer Zeit eine unvollständige Liste fragwürdiger Straßennamen in Darmstadt zusammengestellt: https://darmundestat.wordpress.com/2013/10/13/fragwurdige-namen/.

Völlig unabhängig von der persönlichen Meinung zu dem Thema sollte daran deutlich werden, dass wir überhaupt keinen Konsens haben, wie wir mit Straßennamen umgehen, welche Funktion Straßennamen überhaupt haben sollen.

Geht es um die Orientierung? Dann müssten wir es machen wie Mannheim und Straßen so benennen, dass man mit einem Stadtplan Schiffe versenken spielen könnte. Geht es um die Erinnerung an verdiente Menschen? Dann haben wir noch eine Menge umzubenennen. Geht es um Erinnerung an sich? Dann müsste man so ehrlich sein und Hindenburgs historische Fragwürdigkeit erwähnen.

Tatsächlich ist der Umgang mit Straßennamen aber lediglich dieser: „Ach, Gott, jetzt hängt das Schild da schon so lang! Ich mag mich an nix Neues gewöhnen.“

Das seltsame Argument von Blaum ist allerdings ein schönes Beispiel dafür, wie menschliches Zusammenleben funktioniert, wie auch im Allerkleinsten Machtkämpfe ausgetragen werden, die mit dem eigentlichen Inhalt eines Streits allerhöchstens ganz am Rande noch etwas zu tun haben.

Denn das Argument ist für sich genommen erstmal völliger Quatsch: „Machen wir nicht, weil dann müssten wir es auch dort machen, und dort, und dort, und dort“. Heißt also: kann sein, dass es ein Fehler ist, dass die Straße so heißt, aber dieser Fehler ist so häufig, dass wir da lieber drüber schweigen, weil das könnte uns ja zum Handeln zwingen. Wenn das Schule macht: „Sie wurden im Herrngarten überfallen? Das tut mir leid, aber es gab auch einen Überfall im Bürgerpark, wenn wir da jetzt in Ihrem Fall was machen, müssten wir ja auch da was machen, das würde ja kein Ende nehmen“.

Hätte man wie geplant vor gut 10 Jahren die Straße umbenannt, wäre das seit Jahren kein Thema mehr. Das hartnäckige Festhalten an dem Straßennamen, obwohl man ja selbst keine sonderlichen Sympathien für Hindenburg hat, ist schon sehr deutlich : „Diese Genugtuung gönne ich diesen Leuten nicht“.

 

 

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3 Responses to Und täglich grüßt der Hindenburg (Folge 42)

  1. Jörg Bergmann says:

    Solange die Nordsee den Hindenburgdamm nach Sylt nicht verschlungen hat, wird es die spezielle Originalität beim Darmstädter Establishment schwer haben. Denn dass die belastenden Nazi-Akten nicht schon der Brandnacht zum Opfer fielen, sondern dass die Darmstädter Familien ihre Nazivergangenheit als unverarbeitete Schatten in ihre eigene Nachkriegspolitik noch immer („bis zur kalten Vergasung“, bekannte ehemalige Stavo-Vorsitzende) weiter tragen, ist klar. Dass die Aufarbeitung der Darmstädter nationalsozialistischen Vergangenheit schon an einem simplen Straßenschild scheitert, halte ich für einen Treppenwitz der Weltgeschichte, denn mittlerweile gibt es ja die nächste, sozialistische, deutsche Diktatur, die der Deutschen Demokratischen Republik (DDR), aufzuarbeiten. Mag ja sein, dass sich Darmstadt davon nicht so sehr betroffen fühlt, bis auf den einen oder anderen arbeitslos gewordenen Neo-Nazi et al. auf der Wanderschaft.

  2. Kristof says:

    Originell ist der Vorschlag in der Tat. Ich denke, du hättest auch noch einige Zusatzschilder für die ganzen Landgraften und Großherzöge im Sinn 😉

    • Jörg says:

      du hättest auch noch einige Zusatzschilder für die ganzen Landgraften und Großherzöge im Sinn

      Keine Schilder, Blechplatten 😉

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