Gibt’s demnächst mal wieder was?

Das ist eine Frage, die ich in Bezug auf den/die/das (der korrekte Artikel macht mir immer noch Schwierigkeiten 😉 ) Blog seit einiger Zeit gelegentlich gestellt bekomme.

Die kurze Antwort: in nächster Zeit wahrscheinlich eher nicht.

Die lange Antwort:

Es ist nicht das erste Mal, dass ich feststelle, dass mir die Themen ein bisschen ausgegangen sind. Bei genauerer Betrachtung ist es aber wohl eher mein Interesse, das geringer geworden ist, denn ich hatte in den letzten Monaten durchaus Ideen für Beiträge gehabt, aus denen ich vor zwei Jahren noch Artikel gemacht hätte.

500 Jahre Reformation wäre ja ein schöner Ansatz für einen Artikel gewesen, doch kaum darüber nachgedacht habe ich mich nur über die extrem einseitige Darstellung Luthers in der Berichterstattung dazu geärgert. Ganz, ganz selten wurde mal sein extremer Antisemitismus erwähnt. Von seinem Aufruf Hexen zu verbrennen oder seinem unsäglichen Ratschlag, ein behindertes Kind zu ertränken, was er mit einer Art Dämonologie rechtfertigte, habe ich nichts gehört.

Und da habe ich dann das Problem, dass ich nicht mehr fair bleiben kann. Mir schwirrte bzgl. Luther eine Phrase durch den Kopf, dass er aus heutiger Sicht eigentlich ein „fundamentalistischer Hassprediger mit Wahnvorstellungen“ war. Was sicherlich auch keine faire, ausgewogene Beschäftigung mit dem Thema gewesen wäre ;-). Allerdings wäre es durchaus schön gewesen, wenn bei all der vielen Berichterstattung zum 500-jährigem Jubiläum, die Gelegenheit genutzt worden wäre, Luther nicht einfach nur toll zu finden, sondern zum Beispiel mal zu thematisieren, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass es in protestantischen Gebieten deutlich weniger Hexenverfolgungen gegeben hätte, hätte man sich nicht auf Luther berufen können. Der Hexenhammer zumindest, der eine ähnliche Rolle in katholischen Gebieten gespielt hat, war in protestantischen Gebieten völlig unbedeutend. Der wird aber in jeder Dokumentation über die Hexenverfolgungen erwähnt, Luther fast nie. Wann, wenn nicht jetzt, soll man solche Themen mal in die öffentliche Debatte bringen?

Das mag etwas sehr persönliches für mich sein, aber Leute, die sich intensiv und im Detail mit den Hexenverfolgungen auseinander gesetzt haben, haben zwangsläufig ein etwas anderes Bild von Luther als die Durchschnittsbevölkerung, denn früher oder später fällt einem auf, dass das Klischee von der Inquisition und daher von den Hexenverfolgungen als ein rein katholisches Phänomen nicht stimmen kann. Die Ursachen dazu sind viel komplexer. Dazu reicht es schon, sich anzuschauen, wo und in welchem Maße es Opfer gab.

Und es hört ja nicht mit Luther auf. Es wäre sicherlich interessant gewesen, die Folgen der Reformation für Südhessen darzustellen. Am Beispiel Philipps das Großmütigen könnte man recht deutlich zeigen, dass persönliche Überzeugungen in Glaubensfragen da eher eine nebensächliche Rolle gespielt haben. Es ging um Macht und Geld. Die Reformation ermöglichte Philipp, den Klerus, der fast so was wie ein „Staat im Staat“ war, zu entmachten. Die Reformation war eine Art Säuberungsaktion. Es spielte für Philipp sicher auch eine entscheidende Rolle, dass er dabei Kirchengüter enteignen konnte. So auch die Wallfahrtskirche in Arheilgen, von der uns keinerlei Spuren geblieben sind, weil Philipp alles davon zu Geld machte. Die Kirche wäre sicher heute noch von kulturellem Wert. Man sollte nicht nur über das sprechen, was die Reformation Gutes geleistet hat, sondern auch über das, was sie kaputt gemacht hat.

Überhaupt fällt auf, dass seinerzeit vor allem die ärmeren Länder sich plötzlich von der Reformation beseelt zeigten. Reiche Länder blieben – nicht ausschließlich, aber tendenziell – eher katholisch.

Das wären Themen gewesen, die uns gut zu Gesicht gestanden hätten, wenn wir das Jubiläum genutzt hätten, sie zu diskutieren und einen Standpunkt einzunehmen, wie das im Gesamtbild einzuordnen ist. Selbst Luthers unter Historikern unumstrittener Antisemitismus, der sonst in Deutschland gerne mal zu heftigen Debatten führt, ist allenfalls in einem Nebensatz einmal kurz angesprochen worden, um ihn dann als abgehakt zu behandeln. Statt dessen wurde Luther sogar mit einem obskuren Freiheitsbegriff in Verbindung gebracht, was historisch gesehen ziemlicher Nonsens ist. Die Reformation hat die Menschen deutlich mehr unter „von oben“ festgelegte Glaubensvorstellungen gezwungen, als das vorher der Fall war. Nur, dass das jetzt nicht mehr zentral vom Vatikan aus geschah, sondern jeder noch so intellektuell überforderter, kleiner Superintendent plötzlich großen Einfluss bekam, in Darmstadt beispielsweise Johannes Angelus, über dessen Vorstellungen sich seine Kollegen auf den hessischen Generalsynoden zurecht lustig machten, der in Hessen-Darmstadt aber so was wie der Chefankläger der Hexen war und damit einer der Haupttäter.

Ich muss aber zugeben, dass ich mich nicht in der Lage sehe, so viel Arbeit in einen Blogbeitrag zu stecken, dass er als Debattengrundlage dienen könnte. Und ich fühle mich zurzeit auch nicht in der Lage, die daraus dann vermutlich entstehenden Widerworte im ausreichenden Maße zu diskutieren. Ich bin des Debattierens ehrlich gesagt ein wenig müde geworden und vermeide auch außerhalb des Internets kontroverse Themen, sofern es denn irgendwie möglich ist. Diskussionen über die Bundestagswahl habe ich größtenteils vermieden, auch wenn das natürlich vollständig nicht möglich war. Manchen Dingen muss man einfach widersprechen und sei es nur um deutlich zu machen, dass das eben nicht das ist, was jeder insgeheim denkt.

Kurzum: ich habe zurzeit eigentlich einfach keine Lust mehr zum Bloggen über Darmstadt. Ich bin – in aller Bescheidenheit – auch der Meinung, dass es unter der Kategorie „lesenswerte Artikel“ noch genug Themen gibt, die auch ohne neue Erkenntnisse meinerseits von Interesse sind und in Darmstadt praktisch kaum bekannt sind. Hey, wir haben uns mit San Antonio verschwistert und obwohl dabei auf den großen Einfluss deutscher Auswanderer auf die Entwicklung von Texas hingewiesen wurde, kennt die unheimlich spannende Geschichte von den Vierzigern immer noch kaum jemand.

Ich glaube, ich habe den Teil, den ich zur Erinnerungskultur Darmstadts tun konnte, getan, vor allem auch was Informationen betrifft, die jenseits der „Ach-was-waren-unsere-Landgrafen-und-Großherzöge-so-toll“-Langeweile liegen, die sonst so intensiv gepflegt wird. Ohne konkreten Grund werde ich mich daher vorerst mit anderen Dingen beschäftigen.

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2 Responses to Gibt’s demnächst mal wieder was?

  1. Danke für deine bisherige Arbeit. Hat mich bereichert. Und auch dieser Nicht-Artikel war die Lektüre wieder wert.
    Die Geschichte der 40 hatte ich ja aufgegriffen
    http://neunmalsechs.blogsport.eu/2016/with-the-partsch-in-america-oho/ und hoffe so, meinen Teil zu ihrer Verbreitung beizutragen.
    Dir alles Gute und bis hoffentlich bald.

  2. Kristof says:

    Na, warten wir mal ab. 😉
    Vielleicht kommt die Lust ja wieder, ich habe ein Auge auf diese Seite.

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