Und Terra X legt nach… noch ein Beitrag aus dem Unbildungsfernsehen

Hatte ich glatt verpasst, wurde aber glücklicherweise darauf aufmerksam gemacht. Nicht nur der kleine Spartensender Kabel 1 Doku hatte in Zusammenhang mit Mary Shelleys Frankenstein unsere Burg Frankenstein und Johann Konrad Dippel im Programm, sondern auch das ZDF: https://www.zdf.de/dokumentation/terra-x/mythos-frankenstein-100.html.

Ich hatte jetzt keine Lust, die ganze Sendung anzuschauen. Einige Ausschnitte waren mir wirklich genug, wenn man so inhaltslose Klischee-Phrasen ertragen muss wie

„Die Autorin Mary Shelley ist mit diesem Buch über Nacht berühmt geworden.“

Das Buch erschien anonym und wurde eher negativ rezensiert. Erst ein darauf basierendes Theaterstück einige Jahre später machte das Buch wirklich berühmt. Shelley ließ ihren Namen ab 1822 auf das Buch drucken. Bereits fünf Jahre vorher hatte sie unter ihrem Namen den Reisebericht History of a Six Weeks‘ Tour veröffentlicht, der einige gute Kritiken bekam. Also: ist das „über Nacht berühmt“ oder eher 5-Euro ins Phrasen-Schwein?

Dann geht’s weiter:

Sie ist die Tochter der wohl außergewöhnlichsten Personen im späten 18. Jahrhundert: Mary Wollstonecraft und William Godwin.

Also nichts gegen Mary Wollstonecraft und William Godwin, aber die „wohl außergewöhnlichsten Personen im späten 18. Jahrhundert“? Geht’s auch ne Nummer kleiner?

Nunja, ich hab also die Sendung nicht ganz angeschaut, sondern nur im Schnelldurchlauf durchgesehen. Es kann also sein, dass ich was über Dippel oder die Burg Frankenstein übersehen habe, aber ich glaube, es beginnt bei etwa 9.10 und dauert nicht mal ganz eine Minute. Ist aber bemerkenswert, wie viel dummes Zeug man in eine Minute bringen kann.

Der Teil beginnt mit einer durchaus ansehnlichen Aufnahme der Burg Frankenstein, dazu der Kommentar aus dem Off:

Es ist zwar nicht nachgewiesen, dass Mary Shelley hier war, aber durchaus möglich.

Nein, eben nicht! Das ist ein Sprachstil, den ich gar nicht leiden kann. Mit diesem „Es ist zwar nicht nachgewiesen“ entzieht man sich jeder Beweisführung, legt dann aber mit dem nachgezogen: „aber durchaus möglich“ nahe, dass es gar nicht so unwahrscheinlich ist.

Ist es aber. Nein, mehr: es ist nicht nur unwahrscheinlich, sondern unmöglich, denn Shelley hatte in Gernsheim gerade mal 3 Stunden Aufenthalt, bei Nacht, ohne wissen zu können, wann der Kapitän ablegt. Es ist weder irgendwie plausibel, noch zeitlich irgendwie möglich, dass Shelley während dieser Reise auf der Burg Frankenstein war.

Weiter geht es mit:

Nicht weit entfernt vom Rhein liegt: Burg Frankenstein. Inspiriert wird sie vielleicht auch von Johann Konrad Dippel, Bewohner der Burg im 17. Jahrhundert.

[Prof. Marion Ruisinger, Medizinhistorikerin]: Konrad Dippel ist in der Medizingeschichte bekannt als ein relativ, sagen wir mal, bunter Vogel. Er steht in der Tradition der Alchemisten, ist auf der Suche nach der Quintessenz des Lebens […]

Dippels alchemistische Tätigkeiten werden heute viel zu sehr überhöht. Dippel war vor allem Theologe. Richtig ist, dass er sich zusätzlich auch mit Alchemie beschäftigt hat. Das ist aber keineswegs so ungewöhnlich, wie immer getan wird. Auch Isaac Newton (der Zeitgenosse Dippels war) hat sich intensiv mit Alchemie beschäftigt und das sogar ernsthafter als Dippel. Dippel wollte mit der Alchemie lediglich Geld machen. Und so wie Newton dennoch in erster Linie als Physiker zu sehen ist, ist Dippel als Theologe zu sehen.

Konrad Dippel soll sich von Friedhöfen in der Umgebung Leichen besorgt haben, um mit diesen zu experimentieren.

Diese Behauptung ist offenbar nicht totzukriegen und darf in keiner Dokumentation fehlen, einzig: es stimmt schlicht nicht. Das haben sich ein paar Leute auf der Burg Frankenstein im späten 20. Jahrhundert ausgedacht, um Bücher zu verkaufen und Touristen auf die Burg zu locken.

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