Leibgardistendenkmal

Das Echo über das Leibgardistendenkmal: http://www.echo-online.de/lokales/darmstadt/darmstadt-laesst-das-leibgardistendenkmal-restaurieren_17154893.htm

Richtig an dem Artikel ist, dass man zwischen den Regimentern des 1. und des 2. Weltkriegs deutlich unterscheiden muss. Die „Reinwaschung“ des 1. Weltkriegs als „rein militärische Katastrophe“ ist aber genauso fragwürdig wie die pauschale Verurteilung aller Teilnehmer des 2. Weltkriegs. Neben den großen Unterschieden der beiden Kriege gibt es nämlich auch eine Menge Parallelen. Vor allem, wenn man sich mal mit der Propaganda, die vor und während des 1. Weltkriegs stattfand, näher beschäftigt hat, kann man kaum leugnen, dass die Ansichten über andere Völker sich nicht sehr von jenen während des 2. Weltkriegs unterschieden. Hitlers Sozialisierung als Rassist und Antisemit wurde maßgeblich durch die Propaganda des 1. Weltkriegs begünstigt und die allgemeine Verrohung der Menschlichkeit war auch eine Folge des 1. Weltkriegs und der Rechtfertigungspropaganda. Die Verharmlosung des 1. Weltkriegs als „größtenteils militärische Katastrophe“ (wie der Historiker Simon Winder es bezeichnet) ist für jeden, der sich ernsthaft mit der menschlichen Seite bei diesem Konflikt auseinandergesetzt hat, schwer zu ertragen.

Und dass diese vor unangebrachtem Pathos triefende Löwenstatue als „künstlerisch wertvoll“ bezeichnet wird, ist auch nur schwer nachvollziehbar. Manchmal hat man den Eindruck, dass die Leute die Benennung der Schrecken des 2. Weltkriegs als selbstgefällige Pose vor sich hertragen, was die Schrecken des Krieges an sich aber betrifft, immer noch in den gefährlichen Denkmustern des 19. Jahrhunderts und frühen 20. Jahrhunderts feststecken.

Advertisements

4 Responses to Leibgardistendenkmal

  1. spbrunner says:

    Gut wie immer, vielen Dank. Dass auf eine erläuternde Beschriftung verzichtet werden soll, ist einfach sträflich. Das sollten wir nicht dulden.

  2. Carsten says:

    Schließe mich Peter an.

    Ich hatte das „künstlerisch wertvoll“ automatisch als Ironie verstanden, aber da war wohl der Wunsch stärker als die Realität.

    Ich halte es auch für schädlich, die Nazi-Herrschaft als singuläres deutsches Ereignis aus dem historischen Kontext zu reißen und damit ggf. auch den 1. Weltkrieg zu verharmlosen.

    Und dass die Sozialisierung zu Rassisten und Antisemiten bis heute noch weiterwirkt, kann man derzeit schön bei der AfD beobachten.

  3. jödi says:

    Vielleicht sollte auf dem, von uns gewünschten, zusatztäfelchen noch erwähnt werden, das sich das regiment auch im kampf gegen die deutsche revolution 1848/49, sowie in china bei der unterdrückung des boxeraufstands gegen die kolonialmächte ruhmreich bewährt hat.
    Wobei ich boxeraufstand, bei allem verständniss für antiimperialismus, nicht gerade als revolutionär, demokratische bewegung verstehe ;o)))
    Aber über so ne dinge weiß jörg h. bestimmt besser bescheid.

    • Nee, außer dass die 115er daran beteiligt waren, weiß ich da auch nichts entscheidendes mehr. Ich glaub, da gibt’s auch keine Arbeiten zu. Ich weiß auch nicht, ob man wirklich eine detaillierte Auflistung der Einsätze der 115er braucht. Die Schwierigkeit an sich bei Gefallenendenkmälern ist meiner Meinung nach, dass Gefallene erstmal auch Opfer des Krieges sind. Die Frage ist immer, inwieweit sie zusätzlich auch noch Täter waren. Und da wird’s beim Leibgardistendenkmal ziemlich unübersichtlich. Was ich auf die Schnelle (unter Vorbehalt von Fehlern, für militärischen Scheiß interessiere ich mich normalerweise nicht) gefunden habe, ist das:

      Ursprünglich sollte der pathetische Löwe nur an die Gefallenen der 115er erinnern. Das war eine Art Eliteeinheit, auf die man in Darmstadt besonders stolz war. Dann gab’s die Erweiterung für die angeblich aus der 115er hervorgegangenen Regimenter des 2. WK. Das ist aber schon fragwürdig, denn die 115er wurde nach dem 1. WK aufgelöst. In der Weimarer Republik übernahm das 15. Infanterie-Regiment die Tradition der 115er (sprich strukturell gingen die 115er zusammen mit einer ganzen Reihe anderer Regimenter im 15. Infanterie-Regiment auf). Das Infanterie-Regiment 115, aus den die beiden am Denkmal erwähnten 2. WK-Regimenter 226 und 485 hervorgegangenen sind, hatte damit aber überhaupt nichts zu tun. Es war bis 1936 das Infanterie-Regiment 97. Man hat da 1936 wohl nur wegen der positiven Konnotation ein Regiment in 115 umbenannt.

      Und da wird’s dann schon knifflig, denn wohl aus demselben Grund trug auch die SA-Standarte, die zwei Jahre später die Darmstädter Synagogen anzündete, auch die Nummer 115. Die hatte zwar mit den Regimentern nichts direkt zu tun, es zeigt aber, wofür diese Nummer (die einzige Verbindung der am Denkmal geehrten Regimenter) auch steht.

      Man könnte es wohl so zusammenfassen, dass die Erweiterung des Denkmals auf die Regimenter 226 und 485 eine von vielen fragwürdigen Nachkriegsentscheidungen gewesen ist, die eigentlich schon rein konzeptionell keinen Sinn macht.

      Persönlich bin ich der Meinung, dass man Gefallenen grundsätzlich als Individuen gedenken sollte, niemals einem militärischen Verband als Kollektiv. Da kann man dann auch nicht in die Falle tappen, jemanden zu unrecht zu gedenken oder umgekehrt jemanden zu unrecht zu einem Schuldigen zu machen. Beim Leibgardistendenkmal hat man sich aber noch nicht mal die Mühe gemacht, die Namen der Toten zu recherchieren. Das hat dann nichts mehr mit dem Gedenken von Opfern zu tun, sondern ist die Verherrlichung von Krieg. Dazu passt ja auch das pathetische Motiv und die Erwähnung der Schlachten.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: