Abschaffung der Folter

Eine Kleinigkeit, die mir gerade auffiel: Hessen-Darmstadt gilt als eines der ersten deutschen Fürstentümer, das die Folter abgeschafft hat. 1769 erließ Landgraf Ludwig IX. eine Verordnung, die die Tortur zur Erzwingen von Geständnissen verbot. Nun kann man aber bei der Geschichte um Ludwigs kuriose Geistergläubigkeit lesen, dass er noch zwei Jahre nach dieser Verordnung den Schutzjuden Samson Simon mit insgesamt acht Stockhieben zu einem Geständnis zwingen ließ. Grund hierfür dürfte gewesen sein, dass sich der Landgraf persönlich von Simon betrogen fühlte.

Nun mag das verglichen mit dem, was andere unter der Folter erleiden mussten, harmlos gewesen sein, dennoch ist die Anwendung von Gewalt zur Erzwingung eines Geständnisses per definitionem Folter. Anstoß, dass das ja gegen das Gesetz war, hat offenbar niemand genommen. Es zeigt sich hier vielmehr, dass der Fürst grundsätzlich über dem Gesetz stand.

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2 Responses to Abschaffung der Folter

  1. Ralf Arnemann says:

    > dennoch ist die Anwendung von Gewalt zur Erzwingung
    > eines Geständnisses per definitionem Folter.
    Nach heutiger Definition!

    Nach damals gültiger Definition war natürlich Folter im Sinne der Carolina gemeint. Und das heißt, „nur ein paar Stockschläge“ galten nicht als Folter.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Constitutio_Criminalis_Carolina

    • Also, wenn ich mich richtig erinnere, definiert die Carolina nicht, was Folter genau ist. Vielmehr wird dort Umfang und Härte der Folter ausdrücklich dem Richter überlassen, mahnt dabei aber an, dass die Verletzungen nicht größer sein sollten als nötig. Im späten 18. Jahrhundert hatte die Carolina auch schon enorm an Bedeutung verloren, zumal sie ohnehin dem jeweiligen Landesrecht untergeordnet war. Dass Stockhiebe durchaus auch als (wenn auch sehr milde) Form der Folter angesehen wurden, zeigt sich z.B. an der sogenannten Bamberger Tortur: https://de.wikipedia.org/wiki/Bamberger_Tortur. Auch in Darmstadt wurde im Zuge der Hexenprozesse während des Verhörs mit dem Stock geschlagen bzw. damit gedroht, um die Verdächtigen zum Geständnis zu bewegen. Darüber hinaus stellt sich die Frage, was die Stockhiebe bei Samson Simon dann juristisch sonst gewesen sein sollen (auch aus damaliger Sicht). Eine körperliche Züchtigung hätte ja ein Urteil bzw. zumindest ein erwiesenes Fehlverhalten vorausgesetzt, wäre also nach seinem Geständnis erfolgt und nicht davor.

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