Auch ein Sheriff braucht mal Hilfe

Nun war also Rafael Reißers Entscheidung Thema in der Stadtverordnetenversammlung: http://www.echo-online.de/sport/top-clubs/darmstadt98/darmstadts-stadtspitze-raeumt-fehler-beim-hessenderby-ein_16891507.htm

Zwei Punkte sind interessant: zum einen, dass Oberbürgermeister Partsch auf Rückfrage Helmut Kletts gesagt hat, dass er „die Reaktion der Stadt auf die Entscheidung des Verwaltungsgerichts nicht für richtig“ hält. Eine klare Aussage, zu der sich der eigentlich verantwortliche Ordnungsdezernent Reißer immer noch nicht durchringen konnte. Dieser spricht dagegen davon, dass er es „im Nachhinein vielleicht so nicht mehr gemacht“ hätte. Vielleicht? Also eventuell doch? Selbst beim Versprechen, zumindest nicht noch mal einen so großen Mist zu bauen, bleibt er extrem schwammig.

Noch interessanter ist aber die Feststellung, dass das „Rechtsamt nicht zu den rechtlichen Maßnahmen gehört worden war“. Gepaart mit dem Eindruck, dass es wohl vor allem der Druck der Polizei war, der Reißer am Samstag umschwenken ließ, erzeugt das bei mir das Bild eines Sheriffs, der mit einer „Nicht-in-meiner-Stadt“-Attitüde meint, dass seiner Intuition von dem, was richtig und was falsch ist, gefälligst jeder zu folgen hat. Wie kann man in so einer Situation als Ordnungsdezernent nicht Rücksprache mit dem Rechtsamt führen?

Darüber hinaus bleibt nicht viel zu sagen. Die Grünen haben sich dazu entschlossen, Dampf aus dem Kessel zu lassen, ohne selbst mit in den Topf zu fallen. Sich von der CDU distanzieren können sie nicht, da sie auf diese als Koalitionspartner angewiesen sind. Engagiert verteidigen geht aber auch nicht, weil man zusätzlich entweder Uffbasse oder die FDP braucht, die auch beide nicht sehr begeistert von Reißers Verhalten sind. Die CDU dagegen versucht es mit der AfD-Taktik, dem emotionalen Schüren vorhandener Ängste durch Suggestion falscher Tatsachen. So sagte zumindest CDU-Fraktionschef Hartwig Jourdan:

Die Oma, die mit ihrem Enkel am Samstag ein Eis essen will, hat auch ein Recht auf Bewegungsfreiheit.

Einer der Gründe für den Beschluss des Verwaltungsgerichts war ja gerade, dass es nicht ersichtlich gewesen ist, dass die Verordnung ihren Zweck erfüllt, die Rechte der Oma mit ihrem Enkel also dadurch eben gerade nicht besser geschützt worden wären. Das ist eine sehr unanständige Argumentation, weil man damit zu suggerieren versucht, dass man versucht hätte, Grundrechte gegen die Entscheidung der Judikativen zu verteidigen oder zumindest das Gericht sich auch nicht um die Grundrechte einer bestimmten Personengruppe geschert hätte. Dabei war es ja umgekehrt.

Apropos AfD, von denen war auffällig wenig zum Thema zu hören. Sicherheit im öffentlichen Raum? Ist das nicht spätestens seit Silvester eines der wichtigsten Themen der jungen Partei? Man könnte jetzt sarkastisch anmerken, dass Eintracht-Fans weder mehrheitlich Flüchtlinge sind, noch überdurchschnittlich viele Muslime sich unter ihnen befinden, aber nein: die AfD Darmstadt hat sich auf ihrem Facebook-Account dazu geäußert und gesagt, dass sie Kletts Rücktrittsforderung gegenüber Reißer vorbehaltslos unterstützt: https://www.facebook.com/AfD.Darmstadt/?fref=nf

Lustig wird’s aber, wenn man den Text dazu durchliest. Da fällt überhaupt kein Wort über den Polizeieinsatz, der Verordnung Reißers, den Beschluss des Gerichts oder überhaupt irgendwas, was auch nur entfernt mit dem Fußballspiel zu tun hat. Nein, Reißer soll zurücktreten, weil er (bzw. das Ordnungsamt) eine Demonstration gegen die AfD vor dem Justus-Liebig-Haus genehmigt hatte. Darauf noch mal ein:

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6 Responses to Auch ein Sheriff braucht mal Hilfe

  1. Marc says:

    Im Ordnungsamt gebe es zwei Volljuristen wurde mir gesagt, als ich das mit „Rechtsamt nicht gefragt“ in einer fb-Diskussion ansprach. Also alles richtig gemacht. 😉

    • Was aber natürlich gleich die Frage aufwirft: hat Reißer mit denen Rücksprache gehalten und wenn ja, was haben sie gesagt?

  2. Stefan Opitz says:

    > Die Grünen haben sich dazu entschlossen, Dampf aus dem Kessel zu lassen, ohne selbst mit in den Topf zu fallen.

    Es gibt auch keine „eine“ Meinung bei uns, sondern sehr unterschiedliche. Wenn man allerdings gerade so manche öffentliche rhetorische Selbstdemontage anschaut, wäre Dampf aus dem Kessel zu lassen für viele sehr zu empfehlen.

    Für mich ists insgesamt ein gelbwürdiges Foulspiel, aber kein rot — und selbstverständlich bewertet man das bei der eigenen Mannschaft ganz anders als bei der Gegnerischen 😉

    • Aber ne gelbe Karte, die man nicht versteht, warum man sie bekommen hat. Echte Einsicht kann ich bei Reißer immer noch nicht erkennen und, was irgendwie auch traurig ist, bei den Parteifreunden, die sich dazu geäußert haben, auch nicht so richtig. Statt einfach mal herzugehen und zu sagen: okay, hier ist Mist gemacht worden, beim nächsten Mal wird’s besser gemacht, wurden unzählige Nebenkriegsschauplätze aufgemacht und auf praktisch jeden mit dem Finger gezeigt, auf Eintracht-Fans, den DFB, die Eintracht-Fangemeinschaft (der Chefredakteur vom Echo hat lustigerweise auch auf die Darmstadt-Fans gezeigt, um Reißer zu entlasten), das Verwaltungsgericht hat auch was abbekommen und es gab sogar ad hominem Angriffe auf den Richter. Irgendwo hört’s wirklich auf. Die CDU hatte sich in der ersten Runde der Grün-Schwarzen Koalition wirklich gut gemacht und gezeigt, dass Demokratie vom Konsens lebt und nicht davon, krampfhaft seinen Standpunkt durchsetzen zu wollen, sie waren dabei zu zeigen, dass sie für Darmstadt wirklich besser sind als die SPD es war. Und dann machen sie mit nur einer Aktion diesen Eindruck wieder völlig zunichte, dass man nur sagen: hoffentlich ist es die letzte Legislaturperiode mit ihnen.

      • Stefan Opitz says:

        Wie formuliere ich das jetzt nur diplomatisch…. Ich bin auch gespannt, wie die Zusammenarbeit wird 🙂

        Allerdings würde ich auch nicht gleich soweit gehen, die ganze Wahlperiode und die nächste mit dazu abzuschreiben.

  3. Schorsch hang says:

    Ich kann mich im wesentlichen der Zusammenfassung von Tim Huß anschließen und um bei Stefans Analogie zum Fußball zu bleiben – es ist noch unentschieden.
    Reißers Vortrag war nicht eindeutig und dem treffsicheren Beitrag des OB folgte ein Eigentor von Schellenberg (Helmut Schmidt) auf Steilvorlage von H.Jourdan (bürgerkriegsähnliche Zustände).
    Für ein Endergebnis möchte ich noch besser verstehen, welche taktischen Ratschläge R.Reißer von welchen Coaches erhalten hat (Polizei, Amt). Vielleicht hilft es auch zur Vorbereitung auf kommende (politische) Spiele, die StaVo-Rede von R.Reißer nochmals in Ruhe zu hören bzw. zu lesen.

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