*Daru-munðaż

Heinrich Tischner, der sich schon seit vielen Jahren intensiv mit den Ortsnamen in Südhessen auseinandersetzt, hat seine durchaus originelle Erklärung für den Ortsnamen Darmstadt als Stätte am Eichenberg jetzt verworfen und nimmt nun ebenfalls einen Personennamen an: *Daru-munðaż (link), was im Prinzip Darmund entspricht.

Ich selbst hatte seine ursprüngliche Erklärung als rein spekulativ bezeichnet (link), allerdings als keine schlechtere Spekulation als die Ableitung von einem Personennamen, zumal er es teilweise aus keltischen Sprachen abgeleitet hatte und man im 19. Jahrhundert nahe der Rosenhöhe das Grab eines keltischen Kriegers gefunden hat.

Ich verstehe also nicht ganz, wieso er sich jetzt auf den Personennamen festlegt, zumal er selbst sagt: „Im 19. Jahrhundert war man eifrig bestrebt, PN aus SN abzuleiten und hat manchmal über das Ziel hinausgeschossen“, eine Beobachtung, die ich beim Studium vieler Ortsnamenableitungen auch selbst gemacht habe. Im 19. Jahrhundert hat man praktisch jeden Ortsnamen, den man sich nicht erklären konnte, zum Personennamen gemacht, völlig gleichgültig, ob es einen solchen Personennamen überhaupt je gegeben hat oder nicht. Und nach wie vor bleibt festzuhalten: ich habe bislang keinen Beleg dafür finden können, dass es vor dem 18. Jahrhundert einen Personennamen Darmund überhaupt gegeben hat. Mir ist keine Quelle dazu bekannt. Und die Quelle aus dem 18. Jahrhundert ist ein Theaterstück, es sei dahingestellt, ob das für den Beleg eines solchen Namens ausreicht, manch Schriftsteller hat auch mal Namen erfunden! [Korrektur: nach langem Suchen habe ich einen Beleg für das 8. Jahrhundert gefunden, allerdings nur im Norden Frankreichs]

Immerhin: Heinrich Tischner macht etwas, was die meisten anderen Autoren, die sich zum Ortsnamen Darmstadt geäußert haben, nicht getan haben: er hat einen gut nachvollziehbaren Diskussionsfaden veröffentlicht, wo er die Möglichkeiten und Quellen durchgeht: http://www.heinrich-tischner.de/22-sp/8namen/1ort/sn05/orte/d/darmstad2.htm

Der Hauptgrund für seinen Sinneswandel scheint darin begründet zu sein, dass das mittelalterliche „Munt“ üblicherweise auf Personen, nicht auf Orte bezogen war. Also doch ein Darmund als Ortsgründer Darmstadts? Nur dann, wenn -munde mit dem mittelalterlichen Munt zusammenhängt. Wenn es sich von dem indogermanischen Grundwort ableitet, auf das unter anderem das englische mountain, das französische mont und das lateinische mons zurückgehen, sind wir nach wie vor bei einer alten Bezeichnung für die Erhebung, die heute Mathildenhöhe/Rosenhöhe etc. ist.

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10 Responses to *Daru-munðaż

  1. Kristof says:

    Leicht OT, aber da wir schon von Ortsnamen und von H. Tischner reden: Ich wunderte mich letztens über „Kilstede“: http://leicht.ykom.de/beitrag/P1453732909p
    Any Ideas?

  2. Das L ist für einen Hörfehler zwar etwas irritierend, aber es dürfte trotzdem die wahrscheinlichste Erklärung sein. Denkbar wäre auch ein sonst nicht überlieferter Beiname eines anderen Ortes. Ich wüsste aber nicht, welcher Ort dafür infrage kommen sollte. In der Gegend ist da eigentlich nichts. Ebenfalls denkbar wäre auch keine Siedlung, sondern irgendeine Ortsmarke, die man als „Stätte“ bezeichnet hat. Es scheint ja immer im Wald eingezeichnet worden zu sein, vielleicht ne Kapelle oder so war. Eine verschollene Siedlung war es sicher nicht, bei Karten aus dem 17./18. Jhd. wäre so ein Ort definitiv irgendwo dokumentiert. Nicht auszuschließen wäre auch eine Verwechslung mit einem anderen Ort, der beispielsweise aufgrund einer ungenauen Beschreibung in diese Gegend verlegt wurde. Engelstadt in Rheinland-Pfalz taucht in einigen Beschreibungen auch deutlich weiter im Osten, nämlich eher in der Gegend Stockstadt/Crumstadt auf.

    Aber wie gesagt: ein Hörfehler dürfte die wahrscheinlichste Erklärung sein. Die parallele Existenz von Königstädten und Kilstede ist da kein Widerspruch. Kartenzeichner haben sich damals ja eher selten auf Feldforschung begeben, sondern auf andere, ältere Karten und regionale Beschreibungen zurückgegriffen. Wenn da irgendwer mal aus Versehen statt Königsteden Kilstede geschrieben hat und ein anderer Kartenzeichner hat dann später aus zwei Karten eine neue erstellt und dabei wohl angenommen, dass beide Kollegen da jeweils einen Ort nicht eingezeichnet hatten, dann erklärt sich, wieso er beide eingezeichnet hat. Und alles andere ist dann ein Folgefehler.

    Es fällt ja auch auf, dass Kilstede ziemlich „herumspringt“. Einmal ist es unmittelbar nördlich von Königstädten, dann wieder fast bei Mörfelden, also auf der anderen Seite des Waldes. Die Kartenzeichner waren sich also offenbar nicht sehr einig in der Frage, wo dieses Kilstede denn nun sein soll. Das spricht dafür, dass die Kartenzeichner nur vermuteten, wo der Ort liegen könnte.

  3. Kristof says:

    Ja, richtig, so denke ich mir das auch. Ich lerne mal wieder, nichts und niemandem zu trauen, schon gar nicht alten Kartenzeichnern 🙂

    • Was ich grad noch dachte, weil es nur auf Karten erscheint, vielleicht war’s auch so ne Art Plagiatsfalle. Ist mir zwar jetzt nicht bekannt, dass man das damals schon gemacht hat, wäre aber sicher spannend so was nachzuweisen ;-).

      • Kristof says:

        Nette Idee. Ich hatte kurz auch schon mal den Gedanken „Easter-Egg“ von einem trolligen Zeichner. 😀

  4. Marc says:

    Ich hatte mal gehört, dass Kartenzeichner nach Detailreichtum der Karte bezahlt wurden. Und daher auch gerne mal was dazugepackt wurde was es nicht gibt. Oder galt das nur für die Seeungeheuer und Drachen?

    • Kristof says:

      Auch interessant. Das würd so einiges erklären 🙂

    • Und daher auch gerne mal was dazugepackt wurde was es nicht gibt

      So wie Bielefeld? 😉 Weiß nicht, ob das Erfinden von Orten so lukrativ gewesen ist. Natürlich waren detailliertere Karten teurer, aber das waren sie ja vor allem deshalb, weil das eigentliche Einzeichnen der Details kostspielig war. Inseln hat man wohl mal erfunden, um mit Karten zusätzliches Geld zu verdienen, auch mythische Orte einzuzeichnen, hat den Wert sicher gesteigert, aber einzelne Dörfchen in wohl bekannten Gegenden?

  5. Schierle says:

    Naja, nicht ganz korrekt, aber ich wohne ja in Mörfelden-Walldorf quasi direkt daneben! In diesem Bereich existierten laut noch erhaltenen und urkundlich erwähnten Flurnamen im Mönchbruch-Zentrum ein oder zwei Orte bzw. Höfe namens Hausen („Häusereckbrücke“ und „Häuser See“ seit dem 13. Jh. und die zwei Waldschneisen „Hauser Schneise“ und „Häusereckschneise, südlich und westlich) und wahrscheinlich (danach?) ein Eberbacher Klosterhof (zw. 1219 und 1330), was außer dem Mühlenstandort und dem Namen „Mönchbruch“ westlich des Jagdschlosses, zumindest der Flurname „Im alten Hof“ untermauert. Die halbkreisförmig ziehenden alten Grenz-Waldwege „Eichenrainweg“ und innerer „Loogweg“ (als Folge einer Verkleinerung) weisen mit ziemlicher Sicherheit auf eine eigenständige Gemarkung mit Zentrum im Mönchbruch. Außerdem existiert daneben noch viel weiter nördlich ein Waldstück namens „Höfgen/Höfchen“ (ab 1519 überliefert), woher auch die „Höfgenschneise“ ihren Namen trägt. Mit viel Fantasie könnte ein „kil“= Pflock/Pfahl“ außer einem kirchlichen Bezug auch auf den dort befindlichen „Steter (Grenz-) Stein (urkundl. seit 1519) des alten Königstädter Waldes hinweisen!

    • Kristof says:

      Hm, das sind ja mal interessante Details. Danke.

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