Weitere Anmerkungen zum (Online-)Stadtlexikon

So, eine kleine Ergänzung zum gestrigen Beitrag. Ich habe noch ein bisschen in der Onlineversion des Stadtlexikons gestöbert und habe noch zu ein paar anderen Artikeln ein paar Anmerkungen.

Achteckiges Haus (link)

Hier ist von einem Baujahr 1620 die Rede. Zur Schwierigkeit der Datierung hatte ich mich bereits -> hier mal geäußert. 1620 habe ich als Datierung bislang noch nicht gelesen. Möglicherweise ist das eine Schätzung, weil in der Literatur von einer Ersterwähnung am 11. Oktober 1627 die Rede ist. Die Formulierung in diesem Dokument, eine Tauschurkunde zwischen Landgraf Georg II. und seinem Kanzler Dr. Antonius Wolff von Todenwarth, scheint aber auf ein gänzlich anderes Haus hinzudeuten, denn dort ist die Rede von „stadteinwärts links“, also eher in der Gegend der heutigen Merckstraße. Wirklich gesichert ist das Achteckhaus daher erst für das Jahr 1636. Aufgrund des quadratischen Kellers wird ein Vorgängerbau vermutet. Zwingend ist das aber nicht. Die achteckige Form ist ja Show, den Keller aber sieht man von außen nicht, es ist also durchaus denkbar, dass man ihn schlicht aus Kostengründen quadratisch angelegt hat.

Arheilgen (link)

Hier heißt es, die Gründung des Ortes sei in „frühfränkischer Zeit (5./6. Jahrhundert)“ anzusetzen. Dem steht allerdings der Ortsname entgegen, denn das Wort „heilig“ kam bei uns erst mit den iro-schottischen Mönchen ab dem 7. Jahrhundert auf.

Bessungen (link)

An einer Stelle heißt es, man hätte beim Bau der Wasserburg im 13. Jahrhundert Darmstadt deshalb dem älteren Pfarreiort Bessungen vorgezogen, weil man „ein dort befindliches Jagdhaus oder eine ähnliche Anlage nutzen konnte“. Ein plausiblerer Grund als das historisch nicht nachgewiesene Jagdhaus dürfte sein, dass eine Wasserburg Wasser braucht, der Darmbach also der Grund ist, warum die Wasserburg am heutigen Standort des Schlosses gebaut wurde und nicht im damals wichtigeren Bessungen. Außerdem ist Bessungen nicht deshalb zwingend älter, nur weil es früher erwähnt wird. Ob Darmstadt oder Bessungen älter ist, hängt von der ungeklärten Frage ab, in welchem Zusammenhang die Orte gegründet wurden (Alemannen/Franken/militärische Vorposten/Siedlungswelle während der Fränkischen Landnahme/spätere Besiedlungen/etc.)

Buffalo Bill (link)

An dem Artikel selbst habe ich zwar nichts direkt auszusetzen (zumal ich Buffalo Bill ohnehin eigentlich nur aus Lucky Luke kenne ;-)), aber ernsthaft? Ein Artikel über William Cody im Stadtlexikon Darmstadt, nur weil dessen Wild West-Show auch mal in Darmstadt aufgetreten ist? Wirklich? In der Onlineversion mag das ja jetzt wurscht sein, aber für die doch im Umfang limitierte Printfassung hätte man den Platz sicher für was besseres verwenden können.

Johann Conrad Dippel (link)

Okay, angesichts dessen, was sonst so über Dippel verbreitet wird, ist das natürlich Peanuts, aber dennoch: Dippel ist nicht der Erfinder des „Berliner Blau„! Der Chemiker Georg Ernst Stahl hatte behauptet, dass das von Dippel hergestellte Tieröl eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung des Berliner Blaus gespielt hätte. Das ist aber a) nur eine unbelegte Anekdote, die nur Stahl erzählte, nicht mal Dippel selbst, und b) selbst wenn, würde es Dippel nicht zum Erfinder des Berliner Blau machen, nur weil der tatsächliche Erfinder Johann Jacob Diesbach möglicherweise Dippels Tieröl verwendete (was aber – wie gesagt – eine vollkommen unbelegte Behauptung von Georg Ernst Stahl ist, der zum Zeitpunkt der Erfindung des Berliner Blaus noch gar nicht in Berlin lebte, sein Wissen also bestenfalls aus zweiter Hand hatte).

Heiner (link)

Die hier als Erklärung angebotene Ableitung vom frühneuhochdeutschen Heune (=Hüne), die Rudolf Becker vor einigen Jahren als Hypothese aufstellte, halte ich zwar auch für den bislang stichhaltigsten Erklärungsversuch, bei nahem betrachtet ist er aber doch zu unwahrscheinlich, um ihn mit nur einer ganz leichten Einschränkung („vermutlich“) als Erklärung anzubieten. Ungeklärt ist bei dieser Erklärung beispielsweise, wieso dieser dann ja mindestens frühneuzeitlicher Begriff erst so spät nachweisbar ist, nämlich ab den 1870ern. Der Darmstädter Dialekt war da bereits sehr gut dokumentiert, der Datterich ist in dieser Hinsicht ja nur das bekannteste Werk. Aber keines dieser Veröffentlichungen erwähnt den Heiner. Der Begriff war daher vor den 1870ern wohl nicht sehr geläufig. Da soll ein alter Dialektbegriff dann aber Jahrhunderte unbeobachtet überdauert haben? Eher unwahrscheinlich.

Totenmaske William Shakespeare (link)

Sehr unangenehmer Artikel, weil er die umstrittenen Behauptungen von Hildegard Hammerschmidt-Hummel zur angeblichen Echtheit der Totenmaske unkritisch wiedergibt. Hammerschmidt-Hummels Thesen werden von der Fachwelt größtenteils abgelehnt. Sie hat schon zu verschiedenen angeblichen Shakespeare-Darstellungen behauptet, die Echtheit bewiesen zu haben. Wie unzuverlässig ihre Methodik jedoch ist, zeigt sich zum Beispiel daran, dass sie das sogenannte „Flower-Porträt“ für echt erklärte. Untersuchungen im Jahr 2004 ergaben jedoch eindeutig, dass es eine Fälschung aus dem 19. Jahrhundert ist. Hammerschmidt-Hummels Erwiderung darauf war keineswegs ihren Irrtum einzugestehen, sondern sie brachte eine Verschwörungstheorie ins Spiel, demnach das Bild ausgetauscht worden wäre und folglich nur eine Kopie untersucht wurde. Auch sonst sind ihre Thesen eher obskur, wie dass Shakespeare ein Spion des Papstes gewesen sein soll.

Da ich mich bei Shakespeare nicht auskenne, will ich keine Diskussion über die Thesen Hammerschmidt-Hummels beginnen, ihre Behauptungen als alleinige Grundlage für einen Lexikon-Eintrag zu verwenden und unkritisch wiederzugeben, ist aber in jedem Fall unseriös.

Alix Prinzessin von Hessen und bei Rhein (link)

An diesem Artikel fällt ein Satz sehr unangenehm auf: „Im 1914 ausgebrochenen Weltkrieg, den Kaiser Wilhelm II. vergebens durch Vermittlung des Vetters Ernst Ludwig zu verhindern suchte, …“

Wenn ich so was lese, fall ich hier immer fast vom Stuhl. Wenn im 21. Jahrhundert noch die absurde Kriegspropaganda des 1. Weltkriegs verbreitet wird, wird mir schlecht! Wilhelm II. wollte den Krieg nicht verhindern, im Gegenteil, er machte großen Druck, damit das Auswärtige Amt seine zunächst zögerliche Haltung aufgab. Die Legende geht auf einen Telegrammwechsel des Kaisers mit Zar Nikolaus II. während der Julikrise zurück. Da ging es aber nicht um Frieden, sondern darum, den Russen die Schuld für den sich abzeichnenden Krieg in die Schuhe zu schieben, hilfsweise zumindest die Mobilisierung Russlands zu verlangsamen.

Nachdem klar war, dass Österreich-Ungarn Serbien angreifen würde, hatte Russland sein Militär mobilisiert. Wilhelm II. forderte in diesem Telegrammwechsel dann Nikolaus II. auf, das sofort rückgängig zu machen, weil es sonst zum Krieg kommen würde. Während also ein voll mobilisiertes Österreichisches Heer vor seiner Haustür einen Krieg aufführte und ein Übergreifen auf russisches Territorium nicht auszuschließen war, erwartete Wilhelm II. vom Zaren, dass er sein Land vollkommen unvorbereitet auf ein mögliches Übergreifen des Krieges lässt. Dass das Ganze eine Scharade war, wird spätestens dann deutlich, wenn Wilhelm erklärt, dass er jetzt seine Truppen auch mobilisieren müsste, weil ja russische Truppen Kriegsvorbereitungen treffen würden. Er benutzte also dieselbe Rechtfertigung, die auch Russland für die Mobilisierung seiner Truppen benutzte. Hätte Wilhelm II. den Krieg verhindern wollen, hätte er seinen Verbündeten Österreich-Ungarn unter Druck setzen müssen, nicht in Serbien einzumarschieren. Statt dessen setzte er den Zaren unter Druck, nicht auf diesen Einmarsch in ein Land, als dessen Schutzmacht Russland sich sah, zu reagieren. Wer behauptet, Wilhelm hätte so den Krieg verhindern wollen, muss ihn für völlig verblödet halten.

Dass er durch Vermittlung über seinen Vetter Ernst Ludwig den Krieg zu verhindern suchte, ist noch mehr Legendenbildung. Das geht möglicherweise auf einen Brief von Kronprinz Wilhelm von Preußen an Ernst Ludwig aus dem Jahr 1915 (also schon nach Kriegsbeginn) zurück, in dem er diesen bittet, den Zaren zu einer gütlichen Einigung mit dem Deutschen Reich zu bringen. Der Grund dafür ist aber keine Kriegsmüdigkeit, sondern es ging ihm darum „unsere gesamte Truppenmacht zurück[zu]kriegen, um mit den Franzosen aufzuräumen“. Es ging also nie um echten Frieden, sondern nur darum, dass das Deutsche Reich nicht mit allen gleichzeitig kämpfen konnte.

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