Stadtlexikon Online

Dass das gemacht werden soll, war schon seit längerem immer mal wieder zu hören, jetzt ist es soweit: das Stadtlexikon Darmstadt gibt es in einer kostenlose Onlineversion: http://www.darmstadt-stadtlexikon.de. Die gedruckte Fassung war mit 50,- € auch viel zu teuer, so dass die Online-Veröffentlichung sehr zu begrüßen ist.

In der Onlinefassung zeigt sich aber auch, wie sehr sich die Zeiten mit dem Internet geändert haben. Die Printfassung war ein ziemlicher Wälzer, der sich im Regal gut gemacht hat und der auch als Geschenk sicher häufig genutzt wurde. In der Onlinefassung zeigt sich schnell, wie limitiert eine solche Veröffentlichung bzgl. des Umfangs ist. Viele Artikel sind zu kurz und oberflächig.

Den ersten Artikel, mit dem ich nicht einverstanden bin, hab ich dann auch gleich gefunden. Kenner dieses Blogs werden schon erahnen, dass es sich um den Ortsnamen dreht und der unbelegten Spekulation, er ginge auf den Personennamen Darmund oder Darimund zurück: http://www.darmstadt-stadtlexikon.de/d/darmstadt-ortsname/. Diese Erklärung würde aufgrund des „häufigen Vorkommens der Endung -heim oder -stat in Verbindung mit einem Personennamen“ naheliegen.

Ich bin etwas verwirrt darüber, dass man da das -heim-Suffix mit ins Spiel bringt. Wenn man sich auf einer Karte die Verteilung der -stat-Orte und der -heim-Orte in Südhessen und den angrenzenden Bundesländern anschaut, wird ziemlich deutlich, dass das zwei unterschiedliche Siedlungswellen waren, meiner Meinung nach sogar von zwei unterschiedlichen Völkern, nämlich den Alemannen auf der einen und den Franken auf der anderen Seite. Aber egal, was der Wahrheit entspricht, es sollte von vorne herein klar sein, dass es bei der Deutung der Orte, die auf -stat enden, nur wenig hilfreich ist wie Orte, die auf -heim enden, gebildet wurden. Die -heim-Orte verteilen sich so, wie man es bei einer kleinparzelligen Vergabe an – modern gesprochen – Privatpersonen erwarten würde, während die -stat-Orte eher strategisch angeordnet wurden.

Etwas später wird es zumindest teilweise verständlich, warum man das gemacht hat. Da wird nämlich als quasi namensverwandte Wüstung Hermsheim herangezogen, das angeblich sprachlich vergleichbar wäre, weil es „776 als Hermundesheim also Heimstatt des Hermund bezeichnet wird“. Zunächst einmal wird Hermsheim 776 als Herimundisheim erwähnt, mit einem i statt dem zweiten e und einem zusätzlichen i vor dem m. Die Ersterwähnung war allerdings bereits 771 als Herimundesheim. Hermund als Name bietet sich jedoch besser an, weil dieser tatsächlich für die fragliche Zeit belegt ist. Allerdings gab es auch einen germanischen Volksstamm namens Hermunduren. Schon allein daran sieht man, wie schwierig das mit der Namenszuordnung ist.

Sicherlich falsch ist die Behauptung im Stadtlexikon bei jenem Darmund hätte es sich „vermutlich um einen Wildhübner, der einen bestimmten Bezirk des ausgedehnten Reichsforstes Dreieich zu überwachen hatte“ gehandelt. Auch wenn Darmstadt erst im 11. Jahrhundert erwähnt wird, anhand der Ersterwähnungen der übrigen -stat-Orte in unmittelbarer Umgebung ist es sehr wahrscheinlich, dass auch Darmstadt spätestens im 8. Jahrhundert (oder eher sogar noch früher) bereits existierte. Der Wildbann Dreieich dagegen entstand frühestens im 9. Jahrhundert, konkret erwähnt wird er erst im 11. Jahrhundert und dass Darmstadt Teil des Wildbanns ist, findet sich gar erst im 14. Jahrhundert. Da hatte Darmstadt bereits Stadtrechte.

Darmund zu einem Wildhübner des Wildbanns Dreieich zu machen, ist zweifellos ein Anachronismus und demzufolge unhaltbar. Und selbst wenn man annimmt, der Bannforst Dreieich hätte einen Vorgänger gehabt, dem die Wildhube Darmstadt zugehörig war, so stellt sich die Frage, wieso Königsgut nach dem Verwalter benannt worden sein soll. Man sollte bei einer Namensgebung nach einer Person doch davon ausgehen, dass es sich um den Besitzer handelt. Das war in einem Bannforst aber der König/Kaiser.

Des Weiteren wird die Möglichkeit, dass Darmstadt nach dem Bach benannt sein könnte, damit zurückgewiesen, dass der Bach erst seit dem 18. Jahrhundert Darmbach hieße. Streng genommen müsste man das in „19. Jahrhundert“ korrigieren, denn im 18. Jahrhundert hieß er entweder Darmstädterbach oder Darmstat Fluss. Im Prinzip aber ist das Argument richtig. In letzter Konsequenz schließt aber auch das nicht aus, dass der Name eine althochdeutsche Bezeichnung für das hier hindurchfließende Gewässer gewesen sein könnte. So undenkbar ist das nicht, dass man einen Ort nach einem Gewässer nennt, dann im Laufe der Zeit der Name des Gewässers vergessen geht, und man ihn später wieder aus dem Ortsnamen auf das Gewässer überträgt.

Wer ein indogermanisches „taram = starkes Wasser, reicher Bach“ behauptet haben soll, weiß ich nicht. Zumindest auf die Schnelle hab ich auch nicht gefunden, ob das überhaupt eine korrekte indogermanische Bezeichnung ist.

Zu guter Letzt wird die Ableitung von Heinz Winfried Sabais als „Siedlung an einem befestigten Durchgang“ abgelehnt. Ich stimme zwar prinzipiell zu, dass diese Ableitung kaum haltbar sein dürfte, zumal auch hier angebliche indogermanische Begriffe herangezogen wurden, die zumindest stark konstruiert sind, wenn nicht sogar schlicht falsch, die Wertung dieser Ableitung als „eine sprachwissenschaftliche Konstruktion, die der sprachlichen Wirklichkeit des Frühmittelalters nicht gerecht wird“ ist allerdings arg überzogen.

Ich verstehe nicht, wie das gemeint sein soll, dass es nicht „der sprachlichen Wirklichkeit des Frühmittelalters“ gerecht werden würde. Das ist eine Behauptung ohne Erklärung. Was gemeint sein könnte, ist, dass diese Dreigliedrigkeit: dar-munde-stat ungewöhnlich wäre. Die meisten Ortsnamen sind zweigliedrig: Bezeichnung + Suffix. Aber wer sagt denn, dass das für einen frühmittelalterlichen Sprecher wirklich dreigliedrig gewesen ist? Die Übersetzung als „befestigter Durchgang“ ist ja eine Übersetzung in modernes Deutsch, um klar zu machen, was es bedeutet. Es ist durchaus denkbar, dass „Darmund“ ein frühmittelalterlicher Begriff für ein befestigtes Tor ist. Dass man in einer Zeit, in der es überall militärische Befestigungen gab, einen eigenen Begriff dafür hatte, ist jetzt nicht so unwahrscheinlich.

Das Problem ist vielmehr, dass Sabais das auch einfach nur aus dem Ortsnamen rekonstruiert. Er kann kein unabhängiges Dokument anbringen, indem der Begriff Darmund (oder eine ähnliche Form) vorkommt und ein befestigtes Tor bezeichnet. Zudem scheint es das von ihm behauptete indogermanische tar als Grundlage der ersten Silbe dar mit der Bedeutung „Tor, Durchgang“ gar nicht gegeben zu haben.

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2 Responses to Stadtlexikon Online

  1. Marc says:

    Ich habe gestern ehemalige Bürgermeister gesucht. Rate mal wo die stehen? Jedenfalls nicht unter Bürgermeister, auch wenn die OBs unter „Oberbürgermeister“ stehen. Und als ich sie (nach einem Tipp eines ehemaligen Bürgermeisters) unter „Magistrat“ gefunden hatte, braucht ich dann das restliche Internet, um den Namen die Ämter zuzuordneten. 🙂

    • Ja, man merkt dem Ding seine Herkunft als einbändiges Printwerk noch sehr deutlich an. Die Möglichkeiten des Internets sollten da besser genutzt werden, mehr direkte Verlinkungen, weniger platzsparendes Layout (die Liste unter Magistrat in einem Fließtext zu schreiben statt tabellarisch geht ja gar nicht), etc.

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