Stille Post nach Art des Frankenstein

Ich soll das doch nicht tun… bei Youtube nach Burg Frankenstein suchen. Aber es ist einfach so lustig. Man sieht aber auch schön, wie da so manche Geschichten entstehen. Einer behauptet was, der nächste erzählt’s irgendwie so ähnlich aber etwas ungenau weiter, der dritte versteht das dann falsch und versucht es wieder trotz mangelhaftem Wissens in irgendeinem ihm logischen Zusammenhang zu bringen. Dann kommt irgendwann so was raus wie hier:

[leider ist das Video zwischenzeitlich auf privat gestellt worden und nicht mehr abrufbar. Was ungefähr zu sehen war, ist folgendes:]

Da erklärt einer der Veranstalter des Halloween-Festivals wohl dem Teil einer Schulklasse bzw. einem Deutschkurs (?) die Geschichte der Burg. Demnach stamme der Name Frankenstein daher, dass die Franken einen alten Römersteinbruch wieder reaktivierten und daraus die Burg gebaut haben. Außerdem wäre der heutige Zustand der Burg Bombenangriffen des 2. Weltkriegs geschuldet (vorher wäre die Burg noch gut erhalten gewesen!). Und warum wurde die Burg bombardiert? Weil dort eine der ersten Flugabwehrraketen stand. Ja genau, vom noch völlig intakten Innenhof aus wurden Boden-Luft-Raketen auf britische und amerikanische Flieger geschossen, die sich wohl mal den schönen Odenwald von der Luft aus anschauen wollten statt Bomben auf die kriegswichtige Industrie in Darmstadt zu schmeißen.

Ach ja und der Melibokus wird auch Hexenberg genannt. Viele Flugzeuge dürfen da nicht drüberfliegen wegen Magnetismus … oder Hexerei … oder was weiß ich…

Was davon stimmt? Öhm… nüschts. Aber die Schulkinder werden sicher was davon mitnehmen und ich bin schon irre gespannt, was dabei rauskommt, wenn das mal zehn Jahre durch die Welt gereist ist und dann in verändertem Zustand wieder bei uns ankommt.

Das zweite Video ist geschlagene 30 Minuten lang und ich weiß eigentlich nicht warum, hier erzählt der Noch-Burgpächter persönlich, wobei es da teilweise sehr esoterisch wird:

Was hiervon stimmt? Fast nüschts. Den Kutschunfall gab’s und ein paar andere Kleinigkeit, die in Halbsätzen erwähnt werden, stimmen auch zumindest ungefähr. Aber im Großen und Ganzen ist das alles schlicht und ergreifend unwahr, was er da erzählt.

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6 Responses to Stille Post nach Art des Frankenstein

  1. Vielleicht sollte „Unsinn schwätzen” als Straftatbestand begriffen werden. Wie schade, dass durch diesen Unsinn so viel ernsthaftes Interesse an wirklich spannenden – und wahren – Geschichten mißbraucht wird.

    • Wobei ich das jetzt nur lustig finde und nicht schlimm, weil es so absurd eindeutig falsch ist, dass das auf dem ersten Blick auffällt. Besonders niedlich find ich, wie sich Bührer da wie ein kleines Kind freut, als er die Geschichte erzählt, wie Götz von Berlichingen und Tilly im 30-jährigen Krieg die Bergstraße hinaufgezogen sind – mit wörtlichen Zitaten der beiden!…. ähm, genau, wer Geschichtsunterricht in der Schule hatte, dem sollte da eigentlich eine … Kleinigkeit … auffallen.

      Ärgerlich finde ich eher, dass durch den ganzen Quark mit Dippel sich niemand mehr für den tatsächlichen Menschen interessiert. Dippels Biographie ist hochinteressant. Aber wenn du heute damit kommst und erzählst nicht irgendwas mit Frankenstein, interessiert’s keinen mehr.

  2. Na ja, den Schülerinnen ist wohl nicht aufgefallen, was falsch war. Und ich konnte grade eine absolut seriöse Autorin, die über Mary Shelley schreiben wird, ganz zufällig vor ein paar dummen Fehlern bewahren …

    • Stimmt, haben die nicht gemerkt. Aber so was kann man nicht verhindern, ich kann denen da oben ja nicht verbieten, Quatsch zu erzählen. An dem Quatsch hängen ja Arbeitsplätze. Was mich persönlich ärgert ist, dass sich Hochschulprofessoren und Akademiker an der Weiterspinnung beteiligt haben, weil von denen erwarte ich, die Quellen zu prüfen. Statt dessen gab und gibt es etliche, die selbst an den Quellen herummanipulieren, indem sie zB ungenaue Angaben zu Daten machen, weil wenn sie genaue Angaben machen würden, ihre Thesen offensichtlich Quatsch wäre. Ich hab diese Quellen dann in meiner Freizeit prüfen müssen, um dann festzustellen, dass das, was die erzählen, überhaupt nicht stimmt. Eigentlich wäre das, was ich gemacht habe, deren Job gewesen. Wenn ich nicht selbst von Haus aus Geisteswissenschaftler wäre, hätte ich die letzten Jahre bei all dem, was ich über die Burg Frankenstein und Dippel lesen musste, zu der Überzeugung kommen müssen, dass Entlohnung für geisteswissenschaftliche Veröffentlichung eine soziale Leisten für Leute ist, die halt einfach zu absolut nichts zu gebrauchen sind.

  3. Erich Kraft says:

    Ein Bekannter schrieb mir:
    Ich kaufte das Buch von W. Scheele Ende Mai 2006. Schon bei erster Inaugenscheinnahme stellte ich zwei haarsträubende Fehler fest (S. 42 und S. 76). Bei nächster Gelegenheit sprach ich Herrn Scheele darauf an. Seine Antwort sinngemäß: „Mein Buch ist für die Besucher der Burg gedacht und wird gern gekauft. Es richtet sich nicht an gebildete Leser.“

    Inzwischen gibt es Stellungnahmen von mehreren deutschen Universitätsprofessoren, die sich des Machwerks Scheeles angenommen haben.
    Prof. Eisfeld von der Uni Osnabrück kommentiert z.B.:
    „Nichts ist wirklich nachprüfbar. Infolge der durchgängigen methodischen Defizite und gravierenden inhaltlichen Falschaussagen handelt es sich bei Scheeles Buch
    um pseudowissenschaftliche Sensationshascherei, die offenkundig auf uninformierte Leser zielt.“
    Die Stellungnahmen sind erschienen in einer Broschüre des Geschichtsvereins Eberstadt/Frankenstein unter dem Titel „Sechs Irrtümer zum Frankenstein“, auf dessen Internetseite http://www.eberstadt-frankenstein.de demnächst nachzulesen.

  4. Erich Kraft says:

    Die Broschüre „Sechs Irrtümer zum Frankenstein“ steht inzwischen auf http://www.eberstadt-frankenstein.de

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