Menhir oder Grenzstein?

Das Echo schreibt heute über den Hinkelstein in Alsbach: hier.

Da hätte ich ein paar Anmerkungen dazu. Es heißt in dem Artikel, dass der Stein dazu diente, die Wintersonnenwende zu bestimmen. Über den Hinkelstein gepeilt würde an der Wintersonnenwende die Sonne über dem Melibokus aufgehen, bei der Tag- und Nachtgleiche über dem Darsberg und bei der Sommersonnenwende über der Alexanderhöhe.

Da ich das nicht überprüft habe, sei mal dahingestellt, ob das wirklich so ist, aber nehmen wir mal für den Moment an, dass es stimmt. Dann fällt doch auf, dass der Artikel selbst erwähnt, dass der Hinkelstein im 19. Jahrhundert für mehr als 50 Jahre umgefallen und begraben war, bevor er 1866 wieder aufgerichtet wurde.

Es dürfte schon ungeheures Glück gewesen sein, wenn man ihn wirklich wieder an der exakt gleichen Stelle mit der exakt gleichen Höhe, die aus dem Erdreich heraufragt, aufgestellt hätte. Davon, dass sich in den Jahrtausenden, die seit der Zeit der Megalithkultur vergangen sind, die Bodenbeschaffenheit durch Ackerbau, Straßenbau und Erosion deutlich verändert hat und dadurch das Höhenniveau des Steines ein völlig anderes sein könnte, will ich gar nicht erst anfangen.

Hier gibt es, glaube ich, ein grundsätzliches Missverständnis der Megalithkultur. Richtig ist, dass diese ihre Kultstätten häufig nach astronomischen Gesichtspunkten ausrichteten, Stonehenge beispielsweise dürfte nach den Sonnenwenden ausgerichtet sein. Das war aber eindeutig ritualisiert. Wenn Stonehenge manchmal als eine Art Kalender bezeichnet wird, darf man sich das nicht so vorstellen, dass das wirklich was Handwerkliches war, das profan als Werkzeug zur Berechnung genutzt wurde. Gerade, weil es ja bestimmte Steine von bestimmten, teils weit entfernten Orten sein mussten, zeigt, dass es einzig um den kultischen Hintergrund ging.

Ginge es tatsächlich darum, die Sonnenwende berechnen zu können, wäre das die wohl denkbar unpraktischste Methode. Mal abgesehen davon, dass offenbar nie jemand mal darüber nachdenkt, was die armen Menschen denn gemacht haben, wenn zur fraglichen Zeit mal für einen längeren Zeitraum schlechtes Wetter war. Haben die dann die Sonnenwende einfach verpasst? Unsere Vorfahren waren nicht doof! Die konnten die Sonnenwende berechnen, ohne dafür mühselig tonnenschwere Steine aus kilometerweit entfernten Steinbrüchen heranschleppen zu müssen.

Der ein oder andere mag an dieser Stelle vielleicht die Frage stellen, wieso dann alles so gut passt, dass über den Stein gepeilt die Sonne zu den Sonnenwenden und Tag- und Nachtgleichen über den genannten Stellen aufgeht. Kann das denn Zufall sein?

So banal es klingt: ja. Kann nicht nur, muss sogar so sein, weil es wie gesagt großes Glück wäre, wenn der Stein heute noch genau dasselbe Höhenniveau und denselben Winkel zu den erwähnten „Gipfeln“ hätte wie vor 4.000 Jahren. Außerdem: an einem Höhenzug wie jenen entlang der Bergstraße gibt es ständig kleinere und größere Erhebungen. Die Chance, bei einem aufs Geratewohl in den Boden gerammten Felsen drei Erhebungen anpeilen zu können, bei denen zu den Sonnenwenden ungefähr die Sonne aufgeht, ist nicht gerade klein. Sagt ja keiner, dass es ausgerechnet die drei genannten Erhöhungen sein müssen.

Solche Fehldeutungen geschehen ständig. Am weitesten verbreitet ist hierzu wohl die Behauptung die Pyramiden von Gizeh wären am Sternbild des Orion ausgerichtet. Man meint das, weil die Pyramiden von oben betrachtet nicht in einer Reihe zu stehen scheinen, sondern leicht versetzt, ganz ähnlich wie die Gürtelsterne des Orion. Das ist aber bloß eine optische Täuschung, die durch die unterschiedlichen Größen der Pyramiden entsteht. Tatsächlich stehen die Pyramiden ziemlich genau auf einer Linie, wenn man von den Ecksteinen im Südosten, also daher, wo zu altägyptischer Zeit die Menschen auf die Stätte kamen, ausgeht.

Übrigens waren jene Historiker, die seinerzeit den Alsbacher Hinkelstein wieder aufstellten, der Meinung, dass es sich um einen alten Grenzstein der Heppenheimer Mark handelt, was durchaus zu dem Grenzverlauf zur Zeit Karls des Großen passen würde. Der Hinkelstein wäre demnach viel jüngeren Datums, was ich ehrlich gesagt auch für wahrscheinlicher halte.

Schon rein optisch wirkt er sehr wie ein Grenzstein und dann ist er nicht sonderlich groß. Menhire waren den Ackerbauern des Frühmittelalters im Weg, so dass es meistens nur die großen, die zu schwer zum Abtransport waren, bis in unsere Tage überstanden haben. Dass der Hinkelstein im 19. Jahrhundert so relativ leicht umfiel, zeigt, dass sein Abtransport kein so großes Kunststück war wie beispielsweise der Darmstädter Hinkelstein (unabhängig von der Frage, ob das nur ein eiszeitlicher Findling ist oder nicht).

Ich freue mich ja darüber, dass noch Interesse an der Megalithkultur in unserer Gegend herrscht, weil ich das für einen großen blinden Fleck in der Regionalgeschichtsforschung halte, aber der Alsbacher Hinkelstein ist da kein sehr gutes Beispiel für, zu groß die Wahrscheinlichkeit, dass er erst aus dem Frühmittelalter stammt.

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2 Responses to Menhir oder Grenzstein?

  1. Danke für den Hinweis – ich habe mich schon oft gewundert, wie diese „Anpeilerei“ funktioniert haben soll, und den Gedanken, was denn wohl bei schlechtem Wetter aus der Vorhersage geworden ist, auch. Besonders witzig ist ja auch die Vorstellung, dass Stonehenge ein solches Datum-Weis-Gebäude sein soll, dass aber die Apologeten ganz sicher sind, dass sich Massen von Gläubigen bereits am Vortag des zu prognostizierenden Ereignisses dort versammelt hätten. Die müssen ja wohl so ne Art Taschen-Stonehenge immer dabei gehabt haben?!

    • Grundsätzlich kann man es wohl so auf den Punkt bringen, dass diese Bauten kultischer Ausdruck des astronomischen Wissens dieser Zeit sind, aber nicht die Werkzeuge dieses Wissens. Das konnten die viel genauer als darauf zu warten, dass die Sonne endlich an einem bestimmten Punkt aufgeht. Es gibt zB den Goldenen Hut von Schifferstadt, der dürfte knapp 3.500 Jahre alt sein und geht in seinen Berechnungsmöglichkeiten weit über die paar Daten, die man bei Stonehenge messen kann, hinaus. Und war jeden Tag anwendbar, nicht nur, wenn zufällig grad mal Sonnenwende war.

      Dieser goldene Hut dürfte zudem kaum der Anfang einer Entwicklung sein, sondern eher das Endstadium sein. Kurz gesagt: die Gelehrten der damaligen Gesellschaft (vermutlich waren das gleichzeitig die Priester) hatten tatsächlich so was wie einen Kalender, um diese Dinge zu berechnen. Der war nicht ganz so exakt wie unserer, aber schon bemerkenswert akurat. Gut genug in jeden Fall, dass eine Ackerbaugesellschaft wusste, wann sie die Saat ausbringen musste.

      Nebenbei: es erscheint plausibel, dass der Besitz dieses Hutes und das Wissen, wie er zu gebrauchen war, exklusiv den Gelehrten/Priestern zur Verfügung stand und letztendlich deren Machtbasis war. Und da sollen die einen Stein aufgestellt haben, an dem das dann jeder Bauer selbst hätte berechnen können? Die waren doch nicht blöd!

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