Meine Meinung zu „Roman von einem Feld“

So, ich hatte ja angekündigt, mich nochmal zu „Roman von einem Feld“ von Katja Behrens zu äußern. Anlass hierfür war die Ernennung Behrens zur „Darmstädter Turmschreiberin“ und der Erwähnung im Echo, dass „Roman von einem Feld“ demnächst neu aufgelegt werden soll, wobei diese Erwähnung ja vor allem deshalb stattfand, weil es Behrens literarischen Versuch, sich mit der Darmstädter Stadtgeschichte zu beschäftigen, darstellt.

Nachdem ich meine Kritik dazu geschrieben und nochmal durchgelesen habe, fühle ich mich zu einigen Vorbemerkungen verpflichtet, weil es sich teilweise wie ein Verriss liest. Auch wenn ich es liebe, Fehler in der Darstellung historischer Ereignisse aufzuzeigen, habe ich das hier eigentlich nicht sehr gerne gemacht. Der Grund dafür ist, dass „Roman von einem Feld“ einer der ganz wenigen Versuche ist, über Darmstadt in einer Erzählung mit einem Anspruch zu schreiben, der über die mittlerweile sehr inflationär veröffentlichten Regionalkrimis hinausgeht. Der Roman wurde bislang kaum beachtet, wenn jetzt eine der wenigen ausführlichen Beschäftigungen ein Verriss ist, dürfte das nur wenig motivierend für irgendwen sein, mehr Bücher mit literarischem Anspruch über Darmstadt zu schreiben. Bestenfalls provoziert man kindische Reaktionen nach dem Schema: „Mach’s erst mal besser!“

Andererseits dürfte es aber auch kaum meine Aufgabe sein, durch eine unehrliche Rezension Verkaufszahlen zu generieren. Und jeder Mensch ist anders, das heißt nicht nur, dass kein Mensch gezwungen ist, sich meiner Meinung anzuschließen (jeder kann das Buch kaufen oder leihen und sich selbst ein Bild machen), sondern auch, dass es vielleicht Menschen gibt, die von Kritik nicht demoralisiert, sondern eher angespornt werden. Letztendlich kann es ja auch hilfreich sein zu wissen, wo man genauer recherchieren muss, weil zumindest ein Teil der Zielgruppe wirklich auf so etwas achtet.


Gut, hier nun also meine Meinung zu dem Buch:

In Roman von einem Feld wird über ein Jahr hinweg das Oberfeld beschrieben, der Wandel der Jahreszeiten, das Verhalten der Tiere, immer wieder unterbrochen mit einzelnen Episoden über die Menschen, die vorbeikommen. Dabei treten aber nicht nur Menschen auf, die während der erzählten Zeit des Romans (2000/2001) über das Oberfeld wandeln, sondern wie Geister tauchen immer wieder Menschen aus längst vergangener Zeit auf, so dass man mit ihnen eine – meist kleine – Episode aus der Stadtgeschichte miterleben kann.

Das ist ein Konzept, das durchaus für einen guten Roman getaugt hätte. Leider ist das Buch aber auch ein hervorragendes Beispiel dafür, dass die eigentliche Schwierigkeit beim Schreiben nicht so sehr ist, eine gute Idee zu finden, sondern diese umzusetzen und ihr Potential voll auszuschöpfen. Daran scheitert Roman von einem Feld in nahezu jedem Aspekt.

Das fängt schon mit dem Schreibstil an. Es ist ein sehr distanziertes, emotions- und humorloses Runtergeratter kurzer Hauptsätze. Wenn dann ein gelegentlich moralisierender Unterton dazwischen gestreut wird, wirkt das unangenehm aufgesetzt. Es ist, als müsste die Autorin die mangelnde emotionale Nähe zu ihren Figuren dadurch kompensieren, dass sie allzu deutlich darauf hinweist, dass das, was gerade passiert, irgendwie doof für die betroffene Person ist.

Wenn man zu verstehen versucht, warum das so ist, gelangt man zurück zu dem Konzept des Romans. Die distanzierte Erzählhaltung kommt von den Naturbeschreibungen, die den Rahmen der Erzählung bilden. Diese sind in einem dokumentarischen Stil gehalten, ähnlich wie Tierdokumentationen im Fernsehen. Die Episoden aus der Stadtgeschichte überlagern dann schrittweise diese Naturbeschreibungen, indem zunächst die Figuren scheinbar noch in der gerade erzählten Gegenwart auftauchen, um dann den Leser mitzunehmen in ihre angestammte Zeit. Figuren und Erzählungen sind also nicht durch die Zeit miteinander verbunden, sondern den Ort. Den Fehler, den Behrens in meinen Augen dabei macht, ist, dass sie es versäumt, Figuren und Episoden den erzählerischen Raum zu geben, den sie benötigen, damit man sich wirklich in die Zeit mitgenommen fühlt und einen Bezug zu den Figuren aufbauen kann. Tatsächlich sind die besten Episoden jene, in denen Behrens den Figuren mehr Zeit gibt, sich entwickeln zu lassen. Diese Episoden sind durchaus lesenswert, in der Gesamtbetrachtung aber zu selten.

Es ist in meinen Augen ein konzeptioneller Fehler, der das Buch kaputt macht. Eine große Fehlentscheidung war die inkonsequente Mischung aus auktorialer und personaler Erzählform. Ein rein persönlicher Erzähler hätte nicht nur mehr emotionale Nähe gebracht, sondern auch die gröbsten historischen Schnitzer als Charakterisierung des Erzählers kaschiert. Überhaupt nimmt das Buch sich viel zu ernst. Selbst offensichtlich witzig gemeinte Szenen bleiben blass und distanziert. Wenn auf der anderen Seite einmal ein wenig Ernsthaftigkeit angebracht wäre, verfällt die Erzählung in ein gehetztes, stichpunktartiges Geleiere. Kostprobe? Friedrich von Flotows Tod wird so beschrieben:

„Es weht ein eisiger Wind. Die Sonne scheint. Fritz kann kaum noch etwas sehen. Ihm ist übel. Zu Hause legt er sich ins Bett. Erleidet einen ersten Schlaganfall, einen zweiten, verliert das Bewusstsein, geht hinüber. Es ist der 24. Januar 1883.“

Ein anderes Beispiel (das ich durch wahlloses Aufschlagen des Buches ausgesucht habe):

„Kein Kind im Haus. Die Mutter stiert an die Decke. Muss gefüttert und gereinigt werden. Ist unansprechbar. Achtundvierzig Jahre alt und vollkommen weißhaarig.“

Es wirkt weniger wie eine Erzählung als wie die Auflistung der Notizen, die sich die Autorin bei ihrer Recherche gemacht hat. Und so geht das größtenteils mehr oder weniger intensiv über knapp 250 Seiten. Vom schriftstellerischen Aspekt gesehen, ist das Buch sehr limitiert.

Und inhaltlich? Bestenfalls gut gemeint, oft eher fragwürdig. Die meisten Figuren sind stereotype Klischees. Die Möglichkeit, eine Erzählung durch das konsequente Brechen von Klischees interessant zu machen, lässt die Autorin viel zu oft liegen. Es wird einfach ständig durch die Episoden gehetzt, als gäbe es ein Wettrennen zu gewinnen. Das Konzept des Romans würde aber eigentlich ein großes Maß an Ruhe verlangen. Es ist kein Thriller und kein Krimi, sondern lebt allein von den Figuren, und dann muss man sich bitteschön auch Zeit für seine Figuren nehmen.

Der erzählerische Tiefpunkt des Romans beginnt auf Seite 50. Wir lernen die „dicke Trin“ kennen, die letzte Bewohnerin des Dorfes Scheftheim und eine jener wenigen Figuren, der in dem Buch etwas mehr Raum geschenkt wird. Die dicke Trin muss symbolisch alles Schlimme ertragen, was im 17. Jahrhundert geschehen ist: Hunger, Krieg, Pest, Krätze, Entvölkerung und Massenvergewaltigung. Dann wird in die Gegenwart übergeleitet und eine Szene beschrieben, in der ein rücksichtsloser Fahrradfahrer eine alte Frau so schwer verletzt, dass sie am Ende mit einem Krankenwagen abtransportiert werden muss, während der Unfallverursacher sich aus dem Staub gemacht hat.

Ob von der Autorin beabsichtigt oder nicht, sei dahingestellt, aber sowohl die Nähe innerhalb der Erzählung als auch die sich wiederholenden Erzählmotive können zu gar nichts anderem führen, als eine Parallele zwischen den beiden Szenen „30-jähriger Krieg“ und „Fahrradunfall“ zu ziehen. Der Fahrradfahrer, der in seiner Rücksichtslosigkeit eine alte Spaziergängerin verletzt, ist eine Art Wiedergänger des Vergewaltigers der dicken Trin. Einen Fahrradunfall, mag der Fahrer auch noch so rücksichtslos gewesen sein, mit den Schrecken des 30-jährigen Krieges in Verbindung zu bringen, ist aber … nunja, nennen wir es: gewagt (weil ich die Wörter, die mir wirklich dazu einfallen, nicht schreiben möchte).

Ähnlich befremdlich ist die Anspielung auf den Serienmörder Fritz Haarmann (der falsch geschrieben wird). Diese steht am Ende eines fragwürdigen stream of consiousness, der mit einem harmlosen Jogger auf dem Oberfeld beginnt. Eine kurze Assoziationskette, die in zwei (wenn auch ausnahmsweise mal etwas längeren) Sätzen von einem Jogger auf dem Darmstädter Oberfeld zu einem Serienmörder im Hannover der 1920er-Jahre führt, ist bestenfalls wirr.

Kommen wir letztendlich zu den historischen Aspekten des Romans. Doch bevor ich das tue, muss ich auch hier kurz etwas dazu ausführen bzgl. der Frage, inwieweit ein Roman oder allgemein ein fiktives Werk historisch authentisch und korrekt sein muss.

Eine vollständige Authentizität zu verlangen, wäre grober Unfug. Kein Mensch würde einen historischen Roman lesen, in dem die Leute alle Mittelhochdeutsch sprechen. Der Grad der notwendigen Authentizität hängt zudem von der Intention des Werks ab, also der alten Standardfrage: was will der Künstler uns damit sagen? So halte ich beispielsweise Ingmar Bergmans Das siebente Siegel für einen der besten Filme, der je gedreht wurde, auch wenn die Handlung eine Ansammlung von Klischees und Anachronismen ist, einfach weil das Ziel des Werks etwas anderes als eine authentische Darstellung des Mittelalters war. Auch Shakespeares Werke sind keine Geschichtsbücher und haben dennoch ihre Berechtigung. Und selbst Geschichtsbücher sagen oft mehr über uns aus als über die tatsächlich beschriebene Zeit.

Roman von einem Feld ist, wie gesagt, sowohl auktorial als auch personal erzählt. Auktoriale Erzählungen verlangen ein möglichst objektives Bild des Erzählten. Bei Darstellung historischer Ereignisse heißt das, dass man um eine Darstellung bemüht sein sollte, die den aktuellen Stand der Forschung möglichst genau trifft. Personale Erzählungen verlangen dagegen die subjektive Darstellung der Figur, das heißt: wie hat das diese Person damals gesehen? Wie hat sie sich Naturerscheinungen wie beispielsweise Regenbögen oder Blitz und Donner erklärt? Welche Erklärungen hatte sie für politische Ereignisse? Was hat sie gefühlt? Das kann sich deutlich von der objektiven Darstellung unterscheiden, bedeutet aber in historischen Erzählungen dennoch, dass man die Vorstellungswelt der damaligen Menschen möglichst korrekt wiedergeben muss.

Dabei gibt es selbstverständlich jede Menge künstlerische Freiheiten, was aber nicht passieren darf, ist, dass man diesen Figuren Vorstellungswelten aufpfropft, die auf modernen Klischees beruhen und längst widerlegt sind. Wenn das (wie bspw. in Das siebente Siegel) geschieht, dann muss es einen künstlerischen, darstellerischen Grund haben, und nicht einfach nur schlecht recherchiert sein. Roman von einem Feld nimmt durch die Art der Darstellung ein hohes Maß an Authentizität für sich in Anspruch, daher muss es sich dann auch an der Authentizität messen lassen. Schauen wir beispielhaft anhand des ersten Kapitels, wie gut es das macht.

Das erste, was mir auffiel, war eine Anekdote im Zusammenhang mit der 1586 als angebliche Hexe hingerichteten Arheilgerin Margarethe Heil. Drei Mädchen hätten ausgesagt, diese auf dem Feld gesehen zu haben, wie sie sich in eine Krähe verwandelt hätte. Woher diese Anekdote stammen soll, ist mir nicht klar. Meines Wissens existiert über den Fall nur die Abschrift der Gerichtsverhandlung sowie des Urteils. Aus ersterem geht dabei sogar hervor, dass ihr solche Zaubereien wie die beschriebene gerade nicht vorgeworfen wurden, sondern lediglich „Gotteslästerung“ und „Unkeuschheit gegen die Natur“. Auch wurde sie nicht, wie in Roman von einem Feld behauptet, auf dem Marktplatz in Darmstadt verbrannt, sondern in Arheilgen.

Zugegeben, das ist Erbsenzählerei, trotzdem frage ich mich, warum man beim Thema Hexenverfolgung eine fiktive Anekdote aus dem Hut zaubern muss, wenn man statt dessen auf den Fall von Anne Dreieicher und Wolf Weber zurückgreifen könnte, der genug Erzählenswertes für einen eigenen Roman hat. Der Grund dafür dürfte wohl sein, dass es sehr viele Veröffentlichungen gibt, in denen auf den Fall der Margarethe Heil hingewiesen wird, aber nur sehr wenige, die auf Anne Dreieicher und Wolf Weber hinweisen. Der Grund, warum man die besser geeignete Geschichte liegen lässt, kann nur sein, dass man sie nicht kennt.

Mehrere Szenen spielen in dem „Weiler Scheftheim“. Dass es diesen Ort überhaupt gegeben hat, vor allem noch im 17. Jahrhundert, wie der Roman nahelegt, ist aber sehr unwahrscheinlich, denn es gibt keinerlei Belege für seine Existenz, nicht ein einziges Dokument! Allerdings wird der Ort auch in seriösen Veröffentlichungen bis heute immer wieder erwähnt. Als Indiz werden Flurnamen wie die „Scheftheimer Wiese“ genannt. Dass das auf einen Ort hinweisen muss, ist aber alles andere als zwingend. Im Gegenteil: ein in unmittelbarer Nachbarschaft überlieferter, sehr ähnlicher Flurname, Heinheim, ist kein Dorf gewesen, sondern ein Waldstück, größtenteils mit der heutigen Fasanerie identisch. Zwar können Flurnamen tatsächlich auf alte Siedlungen hindeuten, man darf das aber auch nicht einfach pauschalisieren. Wir reden hier vom 17. Jahrhundert. Das ist längst nach der quellenarmen Zeit. Besitzverhältnisse wurden damals für jeden Furz festgehalten, völlig egal, ob die erwähnten Orte faktisch überhaupt noch existierten. So wurde Klappach noch zu einer Zeit erwähnt, zu der es höchstwahrscheinlich längst verlassen war. Wenn es im 17. Jahrhundert ein Scheftheim in so unmittelbarer Nähe zu Darmstadt gegeben hätte, wäre es definitiv irgendwo erwähnt.

Diesen Fehler kann man aber nur sehr bedingt Behrens ankreiden, denn leider wird auch in seriösen Veröffentlichungen selbst von Historikern immer mal wieder eine Wüstung namens Scheftheim erwähnt. Trotzdem wirkt es angesichts dieser Tatsache mehr als sonderbar, wenn Roman von einem Feld dann im bedauernden Tonfall schwadroniert, dass von „den Bauernstuben“ und „den Menschen“ nichts geblieben ist. Es gibt davon nichts, weil es dort nie etwas davon gegeben hat.

Bis zu dem Punkt kann man aber noch sagen: okay, ein paar Ungenauigkeiten, ein bisschen künstlerische Freiheit und den falschen Veröffentlichungen vertraut. Kann passieren. Auf Seite 22f. liest man dann aber das:

„[…] weshalb die Magd Gütel zu einer Zeit, da die Erde noch eine von der Sonne umkreiste Scheibe war, den Kot eines Eichkatzenweibchens sammelte, […] Es ist im Jahr 1604, […]“

An der Stelle hab ich ins Buch gebissen. Dass die Menschen im Mittelalter allesamt geglaubt haben, die Erde wäre eine Scheibe, ist längst widerlegter Blödsinn. Dass Kolumbus von vielen nicht ernst genommen wurde, lag nicht daran, weil die ihm nicht glaubten, dass die Erde rund ist, sondern weil sie glaubten, sie wäre zu groß, um den Seeweg nach Indien mit den damaligen Möglichkeiten zu bewerkstelligen. Da sie von dem riesigen Kontinent auf nicht mal halben Weg nichts wussten, hatten sie damit irgendwie sogar ein bisschen recht. Eines der bekanntesten Symbole des Mittelalters ist der Reichsapfel des deutschen Kaisers. Auch wenn er so heißt, stellt er aber keinen Apfel dar, sondern die Erdkugel.

Wer jetzt einwendet, okay, kleiner Fehler in einem Nebensatz, kann ja mal passieren, zumal es ein weit verbreiteter Irrglaube ist, der hat nicht zu Ende gedacht, denn: wir sind ja gar nicht mehr im Mittelalter, es ist ganz ausdrücklich das Jahr 1604! Das sind mehr als 80 Jahre, nachdem die Überlebenden von Magellans Expedition ihre Weltumrundung beendet hatten! Da noch mit der platten Erde zu kommen, ist in einem Roman mit dem Anspruch, historische Ereignisse darzustellen, eigentlich nicht akzeptabel.

Als nächstes ist die Pest Thema. Kurioserweise lässt Behrens sie im Jahr 1622 auftreten. Der Begriff Pest war früher zwar weiter gefasst als heute und so wurde auch so manch andere Krankheit, wenn man sie nicht besser diagnostizieren konnte, Pest genannt (wörtlich bedeutet der Begriff eigentlich nur „Seuche“). Das, was Behrens dann aber beschreibt, die Entvölkerung, die Toten, die unbeerdigt auf den Feldern liegen, passt nicht in die Zeit. Das geschah rund 10 Jahre später, vor allem 1635, dem katastrophalsten Jahr in der Darmstädter Geschichte.

Kurios ist das vor allem deshalb, weil 1622 durchaus kein ereignisloses Jahr in der Darmstädter Geschichte war, der 30-jährige Krieg hatte begonnen, Graf von Mansfeld nahm die Stadt ein, plünderte sie und entführte den Landgrafen. In Bessungen wurde das Rathaus niedergebrannt, Zivilisten kaltblütig ermordet. Wenn es ein Scheftheim wirklich gegeben hätte, wäre es ihm wohl kaum besser ergangen. Darüber lesen wir jedoch kein Wort, nur über jede Menge Pesttote, die es eigentlich erst rund 10 Jahre später gegeben hat.

Dass zudem in diesem Zusammenhang vom Schwarzen Tod, Pogromen an Juden und Flagellanten die Rede ist, kann man eigentlich nur als Anreihung von Stereotypen bezeichnen, denn nichts davon passt an Zeit und Ort. Der Schwarze Tod bezeichnet konkret die Pestwelle Mitte des 14. Jahrhunderts. Es gab zwar auch in Darmstadt einen aggressiven Antisemitismus und die Forderung, die Juden zu vertreiben, zu Pogromen ist es im Darmstadt des 17. Jahrhunderts aber nicht gekommen. Und Flagellanten gehören ins Mittelalter, es gab auch im 17. Jahrhundert vereinzelt noch Geißlerzüge, doch das waren kurzzeitige, oft politisch motivierte Veranstaltungen und nicht mehr die in Roman von einem Feld beschriebenen mehrwöchigen Prozessionen von Ort zu Ort. Das ist bloß das Abrufen des Stereotyps.

Fazit also: eine gute Idee allein reicht nicht. Vor allem sollte man es vermeiden, Recherche durch Stereotype zu ersetzen. Denn da, wo die Autorin offensichtlich mehr recherchiert hat, wird die Erzählung fast gut – oder würde gut werden, wäre sie in einem etwas weniger distanzierten Stil geschrieben.

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One Response to Meine Meinung zu „Roman von einem Feld“

  1. Carsten says:

    Danke für diese ausführlichen & fundierte Kritik. Ich hoffe, sie trägt dazu bei, das eine oder andere Buch besser zu machen.
    Das sind je nicht selten anzutreffende Defizite, die du da ansprichst.

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