Themen bei Führungen auf Burg Frankenstein

Öha, grade erst entdeckt: „Burgschreiber“ Walter Scheele bietet seit einiger Zeit sonntags kostenfreie Führungen durch die Burg Frankenstein an (bislang nahm er 75,- Euro + Mehrwertsteuer). Wie ich eben auf der Homepage des Burgpächters gesehen habe, zaubert er dazu jede Woche ein neues Thema hervor. Das verdient Respekt, zumal er sich das meiste davon ja bloß ausdenkt. Auf der Homepage ist auch eine Liste der Themen, am 06.07.2014 war beispielsweise Thema: „Frankensteiner ab 948 – Ritter artikulieren Turnierregeln“, im 10. Jahrhundert gab es  weder die Frankensteiner (zumindest nicht die Frankensteiner von der Bergstraße) noch Ritterturniere.

Am 04.05.2014: „Erste Siedler, das Räubernest in Eberstadt“, das hätte mich sicher interessiert, die ersten Siedler von Eberstadt waren also Räuber! Ob das eine Spitze gegen den Geschichtsverein ist, mit dem Scheele ja in Fehde liegt ;-).

Am 30.3. wieder mal Johann Konrad Dippel: „Dippel, Arzt und Chemiker: Nitroglyzerin, Dippels Blau“ Das ist die alte Geschichte aus seinem Buch. Nitroglyzerin im 17./18. Jahrhundert, dass er das so vielen Leuten, angefangen bei Journalisten bis hin zu Hochschulprofessoren, verkaufen konnte, ohne dass die stutzig wurden, verdient auch Respekt.

Am 9.2.: „Grafen von Frankenstein in der Politik bis 1937“. Die Frankensteiner waren erst Herren und später Freiherren. Graf war keiner von ihnen.

Auch der 2.2. birgt erstaunliches:  „Ende Frankensteiner Herrschaft mit Einführung der Leibeigenschaft, Parforcejagd durch erntereife Felder“, die Frankensteiner Herrschaft endete also durch die Einführung der Leibeigenschaft? Bemerkenswert. Und das mit der Parforcejagd dürfte auf Landgraf Ludwig VIII., den „Jagdlandgraf“, anspielen. Der war aber noch nicht mal geboren, als die Frankensteiner die Burg verkauften und ihre Herrschaft in unserer Gegend endete.

Das Ganze wird auch in Englisch performt. Wie mir erzählt wurde, führt das zu solch großartigen Stilblüten wie, dass aus Karl dem Großen schon mal Karl the Big wird (statt Charlemagne, wie es völlig korrekt wäre, oder zumindest Charles the Great, wie man es noch durchgehen lassen könnte). Meine erste Reaktion darauf war natürlich: sind die vornehmlich amerikanischen Touristen wirklich so dumm wie das Klischee von ihnen?

Es ist aber falsch anzunehmen, dass die Leute ihm wirklich einfach so glauben, was er da erzählt. Ich weiß aus Gesprächen, dass viele einfach nur deshalb keine kritischen Rückfragen stellen, weil die meisten das intuitiv während einer Führung einfach für unangebracht halten. Man kommt sich da schnell mal als Spielverderber und Schlauberger vor. Und wer will das schon? Außerdem hat es ja zweifelsfrei einen Unterhaltungswert. So wurde mir einmal zufällig von jemanden, den ich gerade erst kennengelernt hatte, erzählt, er hätte am selben Tag an einer von seiner Firma organisierten Führung auf Burg Frankenstein teilgenommen und da hätte „so ein Kerl mit einem komischen Hut Sachen erzählt, bei denen ich mich ständig nur gefragt habe, wo ich denn hier gelandet bin“.

Ich habe ihn dann kurz aufgeklärt, dass er das allermeiste von dem, was er erzählt, einfach erfindet und er in der Gegend hier eigentlich auch weit bekannt ist als „skurriles Original“, der von manchen Captain Blaubär genannt wird. Von seinem Gesicht konnte ich aber ablesen, dass er recht fassungslos darüber war, dass so was stattfindet, ohne dass da irgendwelche Verantwortlichen was unternehmen. Ich wies dann wieder auf den Unterhaltungswert hin und darauf, dass man mit ein bisschen Verstand ja schnell merkt, dass da so einiges hinten und vorne nicht zusammenpasst.

Was ich mich dann aber selbst wieder fragen musste, war, wieso dann selbst Hochschulprofessoren den Quatsch nachgeplappert haben, so dass sich in unzähligen Büchern, Fernsehdokumentation oder auch Wikipedia-Artikeln darauf bezogen wird. Dass diese Professoren gerade in ihrem Fachgebiet das kritische Denken offenbar eingestellt haben, empfinde ich nach wie vor beunruhigend. Dass Scheele Mary Shelley Worte in den Mund gelegt hat, die nicht mal richtiges Englisch sind, hat über 10 Jahre lang keiner bemerkt! Statt dessen aber als authentisches Zitat weiterverbreitet. Was ist mit Thesen, die nicht so leicht zu widerlegen sind und etwas weniger offensichtlich zusammengesponnen wurden? Wie viele komplett falsche Schlussfolgerung gelten allgemein als historischer Fakt?

Advertisements

3 Responses to Themen bei Führungen auf Burg Frankenstein

  1. Ich habe Walter Scheele zwar immer mal im persönlichen Gespräch, aber noch bei so einer Führung erlebt – das tue ich weder ihm noch mir an. Aber Führungen an anderen Orten,bei denen die Skurrilität des Führers die Qualität seiner Informationen weit übertraf, hatte ich schon öfters. Leider sind inhaltlich qualifizierte Guides selten unterhaltsam. Es soll ja schon vorgekommen sein, dass Scheele und der Geschichtsverein zur gleichen Zeit da oben zugange waren. Und schon sind wir bei den wirklich großen Fragen: wie kommt die Wahrheit zu ihrem Recht? …

    • So ne Doppelperformance Scheele vs. Geschichtsverein hat sicher auch was, wenn man dann so hin und her geht und zuhört, was die beiden so total unterschiedliches erzählen. Oder noch besser: eine direkte Konfrontation: „Das ist doch alles kompletter Unsinn, was Sie da erzählen!“ – „Gar nicht!“ – „Wohl!“ – würde sicher auch Publikum generieren 😉 .

  2. Erich Kraft says:

    Als Betroffener möchte ich auch etwas sagen, der ich namens des Geschichtsvereins auf Burg Frankenstein seit Jahren Führungen vornehme, lange vor Scheele. Meine Kollegen wie auch ich sind akademisch ausgebildete Historiker, weshalb für uns der Grundsatz gilt – den jeder Geschichtsstudent im ersten Semester schon lernt -, daß man nur etwas aussagen kann, wenn es eindeutig und nachprüfbar belegt ist. Damit ist der Unterschied zu Scheele ausreichend beschrieben. Außerdem sind die Führungen des Geschichtsvereins kostenlos.

    Inzwischen liegt auch die staatliche Zertifizierung vor:
    Die Staatliche Verwaltung Schlösser und Gärten Hessen erkennt die Burgführun­gen des Geschichtsvereins Eberstadt/Frankenstein als wissenschaftlich einwandfrei und damit unterstützenswert an. Der Geschichtsverein erhält die Erlaubnis, das offizielle Logo der Schlösserver­waltung auf seinen Plakaten und Hinweisen zu verwenden.

    Die Staatliche Verwaltung Schlösser und Gärten Hessen arbeitet zudem mit dem Ge­schichtsverein bei der Erforschung der Geschichte und der denkmalpflegeri­schen Betreuung von Burg Frankenstein zusammen. Hierzu hat es schon einige Ortstermine mit dem Direktor der VSG und Vertretern des Geschichtsvereins gegeben. In den nächsten Tagen wird eine große Tafel vor der Burg aufgestellt, auf der die Geschichte des Frankensteins kurz dargestellt wird.

    Führungen sind jederzeit zu bestellen:

    Information zum Verein und zur Burg über: http://www.eberstadt-frankenstein.de
    Führung anfragen über: eberst.frankenstein@email.de

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: