Halloween ist kein keltisches Fest

Die Tage hört man es wieder überall: Halloween ginge auf ein keltisches Fest namens Samhain zurück und wäre daher was ganz schlimm Heidnisches, das drohe, die christlichen Feste dieser Tage, den Reformationstag heute und Allerheiligen morgen, zu überlagern und zu verdrängen.

Das ist größtenteils Unsinn. Zunächst einmal: falls Halloween wirklich den Reformationstag und Allerheiligen verdrängen sollte (was meinem Eindruck nach gar nicht geschieht), sollten sich die christlichen Kirchen vielleicht erst mal fragen, warum ihre eigenen Feierlichkeiten offenbar recht unattraktiv sind statt mit dem Finger auf das böse heidnische Halloween zu zeigen. Die Zeiten, da man Leute mit der Drohung des Höllenfeuers davon abhalten konnte, Dinge zu tun, die rein intuitiv ihr Interesse wecken, sind lange vorbei.

Davon aber abgesehen hat das keltische Samhain mit Halloween praktisch nichts zu tun. Die einzige Verbindung, die mit viel gutem Willen besteht, ist, dass der Name des Festes bzw. dieser Zeit des Jahres sich später mit der Halloween-Tradition, die aus England nach Irland hinüberschwappte, verbunden hat.

Das wenige, das wir von Samhain wissen, hat aber mit Halloween wirklich gar nichts gemeinsam. Lustig finde ich, dass eine simple Tatsache sowohl Befürworter wie Gegner von Halloween empört: Halloween gehört eindeutig in die christliche Tradition. Es ist ein sogenannter Heischegang und damit eng verwandt mit dem Martinstag und dem Nikolausabend.

Vor der Reformation waren Heischegänge eine weit verbreitete Tradition im christlichen Europa. Sie unterschieden sich von Dorf zu Dorf, hatten aber einige Motive, die größtenteils immer vorhanden waren: nächtliche Umzüge von Haus zu Haus in mythologischen Verkleidungen, Geschenke (meist an Kinder) und symbolische Bestrafungen, also das, was man bei Halloween heute als „Trick or Treat“ oder holprig eingedeutscht „Süßes oder Saures“ kennt. Auch am Nikolausabend gehen mythologische Gestalten von Tür zu Tür. Auch am Nikolausabend gibt es Geschenke für Kinder. Und da, wo sich diese Tradition nicht mittlerweile verschliffen hat, gibt es auch symbolische Bestrafungen durch Knecht Ruprecht oder unter welchem Namen er regional bekannt ist.

Samhain hat all das nicht. Man kennt es vor allem aus der irischen Mythologie, die von christlichen Mönchen zu einer Zeit aufgeschrieben wurde, da die dort beschriebenen Ereignisse bereits Jahrhunderte in der Vergangenheit lagen. Man liest da von Kriegen, Alkohol, rituellen Opferungen (darunter auch Menschenopfer), aber absolut nichts von nächtlichen Umzügen, Verkleidungen oder Geschenken. Einer Quelle zufolge dauerte Samhain auch eine ganze Woche und nicht nur eine Nacht.

Irland hat nicht allzu viel gutes Ackerland, deshalb war für die frühe kelt-irische Kultur der Viehbesitz viel bedeutender als der Landbesitz. Die frühen Hierarchien der irischen Kelten bauten tatsächlich auf dem Viehbesitz auf. Stark vereinfacht könnte man sagen: Anführer war, wer die meisten Kühe hatte.

Niemand weiß es genau, aber recht plausibel erscheint die Möglichkeit, dass Samhain in Irland deswegen so bedeutend war, weil es die Zeit des Jahres war, an dem man den Teil des Viehs schlachten musste, den man nicht über den Winter bringen konnte. Weil auch die damaligen Menschen nicht ohne Gefühle und Mitleid waren, ließ sich so etwas natürlich leichter bewerkstelligen, wenn man es religiös verbrämte, es also zu einer rituellen Schlachtung machte. Da man sich nicht erlauben konnte, irgendwas zu verschwenden, war eine solche rituelle Schlachtung zwangsläufig mit einem großen Fest verbunden, an dem man das seltene Glück hatte, mehr Fleisch als nötig zur Verfügung zu haben. Aber das ist nur Vermutung.

Offensichtlich ist dagegen, dass Halloween nichts mit all dem zu tun hat und all das Gejammer über zu viel Heidentum rund um eigentlich christliche Feste reichlich absurd ist. Halloween ist kein keltisches Fest und geht auch nicht auf eines zurück. Das Ganze ist ein gewaltiger Anachronismus und ein recht ignorantes Missverständnis der keltischen Kultur. Es wäre auch nicht falscher anzunehmen, Luthers Thesenanschlag am 31. Oktober 1517 an der Schlosskirche in Wittenberg wäre bloß ein Halloweenstreich gewesen. 😉

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5 Responses to Halloween ist kein keltisches Fest

  1. Vielen Dank. Nicht dass das das Halloween-Feiern rechtfertigen würde – mir geht das schrecklich auf den Zeiger. Allerdings wünsche ich auch „ … Kriege(n), Alkohol, rituelle(n) Opferungen (darunter auch Menschenopfer)“ nicht als Freizeitvergnügen.

    • Och, ich hab nicht gesagt, dass mir Halloween nicht auch ein Stück weit auf die Nerven gehen würde. Das tut allerdings auch Fasching, wo man auf Befehl lustig sein soll. Und überhaupt die meisten Feiern, die mir von außen aufgedrückt werden. Mir geht aber auch auf die Nerven, dass man mit fadenscheinigen (und noch dazu historisch falschen) Gründen den Leuten das Feiern am liebsten verbieten würde, nur weil die eigenen „Feierkonzepte“ heute nicht mehr so richtig gut funktionieren. Die Leute sollen ehrlich zugeben, dass sie Halloween halt doof finden, aber nicht irgendwelche Argumente konstruieren, die bei naher Hinsicht peinlich falsch sind.

      Ach und mich nervt auch dieses Getue der Halloween-Befürworter von wegen altes, keltisches Fest und so, als würden sie was ganz besonderes damit machen, wo es doch nicht mehr ist als eine Variante von Nikolaus und St-Martin.

  2. Marc says:

    Das mit dem keltischen Fest – so meine Erinnerung – kam als oft wiederholte Erklärung in den 90ern auf. Und da das so schön plausibel scheint (Kelten -> Aberglaube -> Monster -> Irland -> USA -> Europa) hält sich das nun.

    Eigentlich finde ich die Idee für einen erwachseneren Gruselfasching auch ganz nett, dauert nur ein Wochenende, lässt uach mal politisch unkorrekte Kostüme zu und ist nicht so organisiert wie Karnevalssitzungen. Wobei man im Karneval ja auch auf die reinen Partys ohne Programm gehen könnte.

    • scheint (Kelten -> Aberglaube -> Monster -> Irland -> USA -> Europa)

      erinnert mich irgendwie an das: https://www.youtube.com/watch?v=0aGbjuGxUUQ ist ähnlich plausibel 😉

      • Marc says:

        Ok, das mit Assoziationen zeilenweise darstellen, ist nicht so ganz gelungen. 🙂 Keltisch führt zu irisch und das in die USA.

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