Interview mit einem Toten

Ich bin ein bisschen auf der Suche nach Ideen für den Blog. Markus von tribur.de hat mich jetzt auf eine neue Idee gebracht. Er hatte neulich ein fiktives Interview mit Karl dem Dicken geführt. Mir gefällt die Möglichkeit, historische Persönlichkeiten so auf einer etwas menschlicheren Ebene darstellen zu können. Außerdem ist es eine gänzlich andere Herangehensweise als bisher, was daher auch einen anderen Zugang an historische Personen, Ereignisse und Denkweisen gibt. Gleichzeitig modernisiert es den Sprachgebrauch und bringt einen die Personen so näher.

Ich erwähne aber, auch wenn es sich eigentlich aus sich selbst heraus schon ergibt, dass das Ganze natürlich völlig fiktiv ist. Es basiert zwar auf den entsprechenden Originalquellen, die Ansichten und Aussagen des „Interviewpartners“ sind aber natürlich nur meine persönlichen Interpretationen der Quellen. Darüber hinaus ist das jetzt nur mal ein Testballon, wie es wirkt und ankommt. Wenn es auf Interesse stößt, wird es dann in unregelmäßigen Abständen weitere „Interviews“ geben. Sonst nicht.

Erster „Interviewpartner“ ist Johann Daniel Stannarius, er war von 1680 bis zu seinem Tod 1690 Pfarrer in Arheilgen und ist in den Quellen vor allem durch eine kuriose Prügelei bekannt geworden, die als Arheilger Krawall in die Regionalgeschichte eingegangen ist.

Herr Pfarrer Stannarius, vielen Dank, dass Sie sich für dieses kleine Interview Zeit genommen haben.

Johann Daniel Stannarius: Keine Ursache, das mache ich gerne, ich bekomme ja so selten Besuch.

Im Jahre 1680 wurden Sie Pfarrer in Arheilgen. Wie kam es dazu?

Stannarius: Zuvor war ich 20 Jahre lang Pfarrer in Lorsbach bei Eppstein gewesen. Mit 45 Jahren war das die letzte Chance, noch einmal eine Veränderung zu wagen.

Und wieso ausgerechnet Arheilgen?

Stannarius: Nun, zum einen natürlich, weil die Stelle des Pfarrers dort gerade vakant geworden war, aber Arheilgen hatte auch eine lange geistliche Tradition, die schon damals leider in Vergessenheit geraten war. Und das obwohl es das „Heilig“ ja schon im Namen trägt.

Sie spielen auf die alte Wallfahrtskirche an, die nach Einführung der Reformation irgendwann zwischen 1527 und 1535 abgerissen wurde.

Stannarius: Ganz genau. Eine Schande, dass sie nicht mehr existiert. Sie erinnerte an ein bedeutendes Ereignis, vermutlich ein Wunder der Gottesmutter Maria, dem Arheilgen auch seinen Namen verdankt. Was das jedoch für ein Wunder war, ist völlig vergessen. Auch danach sollen noch viele Wunder dort geschehen sein. Man hätte sie nie einreißen dürfen.

Aber Herr Stannarius, Sie sind doch evangelischer Pfarrer und die Zerstörung der Kirche war eine direkte Folge der Einführung der Reformation durch Landgraf Philipp den Großmütigen.

Stannarius: So kann man das nicht sehen. Die Wallfahrtskirche hatte große Reichtümer aus dem Ablasshandel angehäuft, doch der Ablasshandel war ein gotteslästerlicher Betrug des Papstums. Es war im Sinne des HERRN, Kirchen und Klöster, die darauf aufgebaut waren, zu schließen.

Viele sind heute der Meinung, Philipp hätte die Reformation auch deshalb eingeführt, um an das Geld der Klöster und Kirchen zu kommen. In jedem Fall war das Geld aus dem Ablasshandel am Ende bei ihm.

Stannarius: Er hat mit diesem Geld viel Gutes getan.

Zum Beispiel den Schmalkaldischen Krieg geführt…

Stannarius: Vielleicht sollten Sie dazu Philipp den Großmütigen lieber selbst interviewen.

Okay, zurück zu Ihnen. Sie kamen also 1680 als Pfarrer nach Arheilgen. Wie war der Zustand der Gemeinde damals?

Stannarius: Oh, was für ein Gräuel! Im 30-jährigen Krieg war die Kirche vollständig zerstört worden. Nesseln, Disteln und Dornensträucher wuchsen auf den Überresten und Raben, Uhus, ja selbst Störche nisteten dort. Man hatte im Erdgeschoss des Rathauses einen provisorischen Kirchensaal eingerichtet. Seit Jahrzehnten ging das schon so! Ich musste etwas tun.

Innerhalb von nur 2 Jahren wurde dann auf den Grundmauern der alten eine neue Kirche errichtet.

Stannarius: Stimmt. Dank mir hatten die Arheilger endlich wieder eine Kirche.

Die bei Regen und Schnee ungemütlich war…

Stannarius: Nungut, der Chor, Turm und Langhaus waren nicht ganz dicht, aber es war dennoch mein Verdienst, dass es überhaupt wieder eine Kirche gab.

Und dann kam der 22. Juni 1683, der Tag, an dem etwas geschah, das man später den Arheilger Krawall nannte.

Stannarius (knurrt wütend vor sich hin): Ja, diese Bauerntölpel, kennen die Bibel nicht und wollen mir erzählen, was gotteslästerlich ist.

Was war denn passiert?

Stannarius: Wir hatten den neuen Kirchturm geweiht und alles verlief zunächst sehr zufriedenstellend. Sogar eine Jüdin mit ihren Kindern war von meiner Predigt über den Wiederaufbau des Tempels zu Jerusalem so angetan, dass sie mir vor der Kirche stehend zuhörte. Nach dem Gottesdienst waren wir alle im Rathaus und dort spielten zur allgemeinen Unterhaltung einige Musikanten. Es wurde getanzt und irgendwer forderte mich auf mitzutanzen.

Was bei einer solchen Veranstaltung für einen Pfarrer zur damaligen Zeit wohl ziemlich unziemlich war.

Stannarius: Normalerweise ja, aber im 2. Buch Samuel, Kapitel 6, Vers 14 und 15 heißt es: „Und David tanzte mit aller Macht vor dem HERR her und war begürtet mit einem leinenen Leibrock. Und David samt dem ganzen Israel führten die Lade des HERRN herauf mit Jauchzen und Posaunen.“

Und dass ihr Pfarrer betrunken getanzt und dabei laut gejauchzt und rumposaunt hat, fanden Ihre Gemeindemitglieder irgendwie unangebracht?

Stannarius: Das haben die doch überhaupt nicht mitbekommen, denn ich habe sie natürlich vor meinem Tanz alle nach draußen geschickt. David vollführte einen Ehrentanz für den HERRN. Er war dabei natürlich allein.

Na, so ganz allein aber wohl nicht. Aus Ihrem eigenen Bericht, den Sie nach dem Vorfall verfassten, geht hervor, dass zumindest der Centgraf Salomon Knauff und der Bürgermeister Johann Nikolaus Schnauber anwesend waren.

Stannarius: Nunja…

Und auch die Musikanten waren wohl dabei.

Stannarius: Wie auch immer…

Und wo war der Pfarrer von Wixhausen, der beim vorangegangen Essen im Pfarrhaus Ihr Gast war? Das geht aus Ihrem Bericht leider nicht klar hervor. War der draußen beim Mob oder bei Ihnen, wie Sie … allein in Anwesenheit mehrerer Personen tanzten?

Stannarius: Das … weiß ich nicht mehr. Aber ich weiß, dass sie ihn übelst beschimpft haben: er solle sich zurück nach Wixhausen scheren, weil er hier nichts verloren hätte und doch nur schmarotzen würde.

Kann es nicht vielleicht auch sein, dass die Menge gar nicht so sehr wegen dem Tanz aufgebracht war, sondern vielmehr, weil Sie, der Bürgermeister, der Centgraf, Ihr Kollege aus Wixhausen und eventuell noch ein paar andere höhergestellte Persönlichkeiten sich nach dem Gottesdienst zu einer exklusiven Mahlzeit von der Gemeinde absonderten, um danach dann auf dem Rathaus zu erscheinen, alle rauszuwerfen und anschließend in derselben exklusiven Runde „allein“ zur Ehre Gottes zu tanzen? Fühlten sich die Leute nicht vielleicht einfach nur herumgeschubst?

Stannarius: Selbst wenn, würde das wohl kaum rechtfertigen, was danach geschah.

Was geschah denn?

Stannarius: Bürgermeister Schnauber ging hinaus, um die Menge zu beruhigen. Doch er wurde sofort von dem vorbestraften Johann Michael Schuch, einem der Rädelsführer, angegriffen, gewürgt und zu Boden geschlagen. Der Mob tobte und feuerte ihn an mit den Worten: „Drauf, drauf, jetzt habt ihr den Richtigen“.

Klingt als hätte sich da wohl schon länger etwas angestaut. Was tat der Centgraf?

Stannarius: Er drohte mit Geldstrafen.

Half das was?

Stannarius: Nein, sie schlugen und traten nach ihm, rissen ihm seinen Stock aus der Hand und die Perücke vom Kopf.

Und was taten Sie?

Stannarius: Ich habe natürlich ebenfalls versucht, die Leute zu beruhigen, doch sie fielen auch über mich her, zogen mich an den Haaren und zu Boden.

Sie wurden also das Opfer eines wütenden Mobs?

Stannarius: Ganz recht.

Wieso geht dann aus der Untersuchung des Gerichts, das den Fall behandelte, hervor, dass Sie, der Bürgermeister und der Centgraf ebenfalls ganz barbarisch zugeschlagen haben?

Stannarius: Wir mussten uns verteidigen.

In Ihrem Bericht war aber keine Rede davon. Ginge es danach, dann wären Sie, der Bürgermeister und der Centgraf gründligst vermöbelt worden ohne auch nur irgendeine Chance zu haben.

Stannarius: Hatten wir auch nicht.

Wieso sah sich dann Gericht und die ganze Gemeinde, also Arheilgen, veranlasst ein gutes Wort für die drei inhaftierten „Rädelsführer“ einzulegen, weil die mit blutigen Köpfen und blutiger Kleidung offenbar schwer verletzt im Gefängnis saßen, vermutlich auf Veranlassung des Centgrafen oder des Bürgermeisters?

Stannarius: Ich verbitte mir, dass hier mal wieder Täter zu Opfern stilisiert werden. Vor allem dieser Schuch war doch schon einschlägig vorbestraft. Er war schon einmal wegen Körperverletzung verurteilt worden und ist seiner Strafe durch Landflucht entkommen.

Sie haben also nichts falsch gemacht?

Stannarius: Nein!

Eine letzte Frage noch: Was sagen Sie dazu, dass laut einer Umfrage aus dem Jahr 2005 nur noch 47% der Deutschen an Gott glauben?

Stannarius: Um Himmels Willen!

Nein, eben nicht. Vielen Dank für das Gespräch.

—-

So, und weil ich schon am experimentieren bin, probier ich jetzt auch mal die Umfragefunktion von WordPress aus. Wer mag, kann abstimmen, wer als nächstes interviewt werden soll (dann seh ich auch, ob überhaupt Interesse an der Fortführung dieser Serie besteht). Alternativ können natürlich auch Vorschläge für andere Personen in den Kommentaren gemacht werden.

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One Response to Interview mit einem Toten

  1. Mina says:

    Sehr toll!
    Schöne Idee. Hat Spaß gemacht, es zu lesen. Mehr davon!

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