Die Waffen nieder

Morgen jährt sich zum 100. Mal der Beginn des 1. Weltkriegs, bzw. genauer gesagt, da das davon abhängt, welches Ereignis man als Kriegsbeginn wertet (Wikipedia nennt die Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien am 28. Juli), die Generalmobilmachung Deutschlands und die Kriegserklärung Deutschlands an Russland. Da ich, wie gesagt, eigentlich gerade Sommerpause mache, verweise ich, was Darmstadt betrifft, nur auf einen Blogeintrag, den ich vor einiger Zeit schon verfasst hatte: https://darmundestat.wordpress.com/2014/03/20/mobilmachung-1914/

In Anbetracht der aktuellen Lage in der Ukraine kann man kaum umher, ein paar Parallelen zu sehen, auch wenn ein direkter Vergleich natürlich überzogen ist. Trotzdem ist es bemerkenswert, wie sehr gerade in diesem Jahr, in dem sich der Ausbruch des 1. Weltkriegs zum 100. Mal jährt, danach gerufen wird, Stärke gegenüber Russland zu zeigen. Denn genau diese Vorstellung, Stärke gegenüber Russland zeigen zu müssen, war einer der Hauptgründe für die Eskalation nach der Ermordung Franz Ferdinands. Der Krieg hätte verhindert werden können, hätten nicht alle Seiten gemeint, sie müssten unbedingt Stärke zeigen. Diese Tatsache wird von heutigen Kriegern offenbar ignoriert, angefangen bei unserem Bundesgaukler, der ausgerechnet in diesem Jahr offenbar eine Agenda verfolgt, mehr Militäreinsätze Deutschlands zu verlangen (als wenn wir, trotzdem wir bloß eine „Verteidigungsarmee“ haben, nicht genug Auslandseinsätze der Bundeswehr hätten), bis hin zu Dr. Seltsam, derzeit Finanzminister (der darf alles mal), der Putin mit Hitler verglichen hat (und sich dann auch noch wundert, warum das in Russland für Empörung sorgt).

Das Interessante ist, dass oft auf die gescheiterte Appeasement-Politik Chamberlains vor Ausbruch des 2. Weltkriegs verwiesen wird, wenn man militärische Stärke als Methode gegen offensives Vorgehen wie jetzt durch Russland auf der Krim propagiert. Was dabei übersehen wird, ist, dass die Appeasement-Politik eine Lehre aus dem 1. Weltkrieg war, wo gerade das Nicht-Nachgeben und das Stärke-Zeigen zu Millionen von Toten geführt hat. Dass beide Strategien direkt hintereinander scheiterten, das ist die eigentliche Jahrhundertkatastrophe des 20. Jahrhunderts.

Wenn der Nato-Generalsekretär, wie kürzlich geschehen, mit kruden Verdrehungen der Realität der Öffentlichkeit weiszumachen versucht, dass Russland militärisch der gesamten Nato überlegen wäre, und keiner der Politiker aus der ersten Reihe oder der Leitartikelschreiber der großen Zeitungen mal den Schneid hat zu sagen: „Was erzählt der Mann für einen Schwachsinn!“, dann weiß man, dass die Propaganda funktioniert hat. Und zwar hervorragend. Propaganda ist heute nicht mehr so schrill wie früher, aus dem einfachen Grund, weil schrille Töne eben nicht mehr funktionieren. Sie ist aber nicht weniger gefährlich. Wer heute nach militärischer Stärke ruft, hat aus der Geschichte überhaupt nichts gelernt und wird die Welt, vielleicht nicht jetzt (oder hoffentlich nicht jetzt), aber doch irgendwann wieder in einen furchtbaren Krieg führen. Man schafft keinen Frieden mit Rechtfertigungen zum Krieg führen. Auch nicht wenn man den Krieg verharmlosend Militäreinsatz nennt.

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7 Responses to Die Waffen nieder

  1. Marc says:

    Klar, man kann Reime auf 1914 machen, wenn man die Protagonisten anders zuweist. Russland ist das Deutsche Reich, das Angst vor Einkreisung hat (weil die früheren Vasallen sicherheitshalber in die Nato gegangen sind, als es nochmal drauf ankommen zu lassen) und das nun aggressiv auftritt, um Verhandlungsmassen zu generieren oder um wieder Supermacht zu sein.

    Aber es kann eben auch ähnlich 1938 sein (da verstehe ich Dein „was dabei übersehen wird“ irgendwie nicht), Russland ist (wieder) das Deutsche Reich, das nun 20 Jahre nach einer dramatischen Niederlage (1918/1938 1990/2014 naja, fast) wieder Luft holt, alte Ansprüche geltend macht und darauf setzt, dass die anderen keinen Krieg riskieren wollen (wegen eben alter Ansprüche)

    Jetzt gucke ich auf das was einfach passiert ist und da wurde ein Teil eines Landes von einem anderen Land mehr oder weniger dreist „übernommen“ und Guerillas destabilisieren das Land. Und als ich erfuhr, dass es damals ein Sudetendeutsches Freicorps gab, sieht das für mich eher nach 1938 als nach 1914 aus.

    • Also zunächst: 1:1-Vergleiche sind natürlich verfehlt, trotzdem ist der Vergleich mit dem 1. Weltkrieg deutlich treffender. Der Vergleich mit dem 2. WK kommt wohl daher, weil die Krim ähnlich wie das Sudetenland annektiert wurde, was aber nicht stimmt, denn faktisch ist die Krim noch nicht annektiert, nur weil das der Kreml so für sich beschlossen hat. Es gab im Sudetenland keinen Bürgerkrieg nach der Annexion Und von der schieren formalen Methode kann man ohnehin nicht auf die Hintergründe schließen.

      Putin ist sicher kein Demokrat bzw. er ist der erfolgreichste Vertreter der neuen Staatsform der „autokratisch gelenkten Demokratie“, die sich in einigen ehemals totalitären Staaten entwickelt hat (wobei wir uns da auch nicht zu weit aus dem Fenster lehnen sollten, denn unser Lobbyismus ist auch nicht so weit davon entfernt, wenngleich das auch sicher nicht so extrem ist wie in Russland). Putin ist in vielerlei Hinsicht eine verabscheuungswürdige Person. Wenn man aber sein Vorgehen auf der Krim mit Hitler und dem Sudetenland vergleicht, geht das an der tatsächlichen Situation vorbei. Putin will die Krim haben, vielleicht will er auch die baltischen Staaten haben, aber es ist fern der Realität, dass er bis nach Mitteleuropa will, und das ist nicht nur der Unterschied zwischen Putin und Hitler. Es ist auch der Unterschied zwischen dem 1. und dem 2. Weltkrieg. Die Nationalsozialisten hatten von Beginn an einen großen Krieg geplant. Deswegen war er nicht zu verhindern, nicht weil die Appeasement-Politik so falsch war. Es war das Ziel der Nazis, ganz Europa mit Gewalt zu erobern und zu unterwerfen, vielleicht mit Ausnahme Groß-Britanniens. Der 1. Weltkrieg war dagegen ein Scheitern der politischen Bündnissysteme. So gesehen war es eine Katastrophe im eigentlichen Sinn, weil es nicht geplant war, den Kontinent mit einem so heftigen und langen Krieg zu überziehen. Die Nationalsozialisten hatten das dagegen von Anfang an geplant. Die politischen Machthaber vor dem 1. Weltkrieg hatten mit dem Feuer gespielt und fälschlicherweise geglaubt, die Situation unter Kontrolle zu haben. Und genau das macht Putin gerade. Putin glaubt die Sache unter Kontrolle zu haben, das sieht man an seinem Vorgehen nach dem Flugzeugabschuss, wo er offenbar das erste Mal gemerkt hat, dass er eben nicht alles unter Kontrolle hat. Und das ist die Gefahr, dass ihm (und auch dem Westen) diese Kontrolle eben entgleitet und der Konflikt eskaliert wie seinerzeit der 1. Weltkrieg.

      Es ist nicht die Gefahr, dass Putin wie seinerzeit Hitler ganz Europa mit Krieg überziehen will.
      Man kann ihm zurecht für unzählige Sachen kritisieren, man kann ihm zurecht Menschenrechtsverletzungen vorwerfen und in Tschetschenien wohl auch Kriegsverbrechen. Aber wenn man die Krim mit dem Sudetenland vergleicht, unterstellt man Putin die Planung eines europaweiten Krieges, kein Spiel mit dem Feuer, was er tatsächlich – ähnlich wie die Großmächte Europas vor Ausbruch des 1. Weltkriegs – zurzeit betreibt.

    • PS: man kann’s natürlich noch viel einfacher erklären: angenommen Chamberlain hätte sich entschlossen, den starken Mann zu spielen und Hitlers Annexion des Sudetenlands nicht zu akzeptieren und ihm im Zweifelsfall erst mit Sanktionen und dann vielleicht noch mit einer militärischen Intervention gedroht. Was hätte das geändert? Nichts, den Krieg hätte es trotzdem gegeben. Nur früher.

  2. Marc says:

    Vermutlich geht es eher um eine Restauration Russlands in den Grenzen der SU oder des Zarenreichs (ohne Polen, weil das doch zuviel Ärger geben würde – aber beim Baltikum bin ich mir schon nicht mehr so sicher, ob „wir“ tatsächlich für Riga oder Reval sterben wollen würden.

    Unser GK/GM-Lehrer (war in der DDR großgeworden und dann in den Westen gegangen) hatte 1988 mal den Stalinschen Imperialismus mit den Erfahrungen aus dem 1. und 2. Weltkrieg erklärt. Jedes Mal waren die Deutschen tiefer vorgestoßen, und beim dritten Mal würden sie über Moskau hinaus kommen. Auch deswegen jabe Stalin viel Vorderland kontrollieren wollen.

    Und warum nicht das Muster 1938 anwenden? Der Nazi-Vergleich, der damit im Raum steht, ist eigentlich immer selbstdisqualifizierend. Und das berücksichtigt Putin als alter Geheimdienstler, um die Ecke denken halte ich in der Branche für deren tägliches Geschäft. Warum sollte nur der Westen Verschwörung können? 😉 (Perfekt vorgeglüht durch einen Überläufer, der mit seinen Enthüllungen zu NSA und Spionage Zwietracht zwischen den USA und Europa säht, bzw. die öffentliche Stimmung entsprechend dreht.)

    Ich hatte zu Beginn der Krimkrise mal eine Arbeit des österreichischen Verteidigungsministeriums von 1998 gefunden, da liest sich das was mit der Krim passierte wie eine Vorlage:

    http://www.bmlv.gv.at/pdf_pool/publikationen/14_sr2_23_malek.pdf

    (…) Der Ukraine kommt als „Hauptobjekt der russischen Politik im postsowjetischen Raum“ eine Schlüsselrolle zu. Diese Politik beruht nach dem Eindruck einer demokratischen Moskauer Zeitung 1995 auf zwei Prämissen: „Die Unabhängigkeit Kiews ist eine vorübergehende Erscheinung“ und „die Ukrainer sind Sklaven von Öl und Gas aus Rußland“.
    (…)
    Rußland und die Ukraine (haben damals noch als Sowjetrepubliken ) einander bereits in einem Vertrag am 19.11.1990 als „souveräne Staaten“ anerkannt und volle territoriale Integrität zugesagt. Das konnte jedoch in Rußland seit Anfang 1992 – ganz im Sinne des „patriotischen Konsenses“ – zahlreiche Kommunisten, Nationalisten und „Demokraten“ nicht davon abhalten, eine „Rückgabe“ der Krim, zumindest aber der strategisch wichtigen Hafenstadt Sewastopol (die den Hauptstützpunkt der Schwarzmeerflotte beherbergt) zu fordern.
    (…)
    Das russische Parlament (Oberster Sowjet wie Staatsduma) hat mehrere entsprechende Beschlüsse gefaßt, und der populäre Bürgermeister von Moskau, Jurij Luzhkow (ein Verbündeter Jelzins und wahrscheinlicher Kandidat bei den nächsten russischen Präsidentenwahlen) drohte im Dezember 1996 zur „Lösung des Status von Sewastopol“ im russischen Fernsehen sogar mit Gewalt.
    (…)
    Es besteht kein Zweifel, daß die große Mehrheit der Russen (auf der Krim) für einen Anschluß der Halbinsel an Rußland eintritt, und es gab auch immer wieder entsprechende offizielle Initiativen. (…)

  3. Vermutlich geht es eher um eine Restauration Russlands in den Grenzen der SU oder des Zarenreichs

    Unwahrscheinlich. Man weiß im Kreml schon, dass die Sowjetunion nicht grundlos kollabiert ist. Der bessere Ostseezugang der baltischen Staaten hat eine gewisse strategische Bedeutung. Ansonsten braucht Russland, das sich wirtschaftlich zukünftig wohl eher Richtung China orientieren wird, nur einen Puffer zu den Nato-Staaten, was Putin jetzt wohl mit der Ukraine erreichen will. Ein Kompromiss, den er dem Westen übrigens schon vor dem Sturz Janukowytsch vorgeschlagen hatte (also die Ukraine als neutraler Staat, kein NATO-Mitglied und auch kein Bündnis irgendeiner Art mit Russland). Ein Kompromiss mit dem man den ganzen Konflikt wohl verhindert hätte, aber da hat der Westen auch eiskalt abgewartet in der Hoffnung, später in der besseren Verhandlungsposition zu sein. Damit hat man die Toten auf dem Maidan ein stückweit mitzuverantworten. Wenn wir schon bei verfehlter Politik im Vorfeld sind, sollte man vielleicht da ansetzen. Wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, alles auf die andere Seite zu schieben, ist auch wenig hilfreich.

    Arbeit des österreichischen Verteidigungsministeriums von 1998

    Und keine 16 Jahre später setzen sie den Plan schon um… nicht gerade blitzkriegverdächtig, bei dem Tempo muss man sich dann ja keine Sorgen machen, trotzdem er hartnäckig an der Macht klebt, dürfte Putin bis zur nächsten Annexion dann ja nicht mehr im Amt sein. 😉

  4. Marc says:

    1998 war man halt noch nicht soweit. (1926/27 ja auch noch nicht.)

    • Naja, 26/27 herrschte in Deutschland aber auch noch ein ganz anderes politisches System. Richtig ist, dass Russland geopolitische Interessen an der Ukraine hat. Aber auch da klappt der Vergleich wieder nicht, denn Hitlers Interesse am Sudetenland war wohl eher weniger geopolitischer Natur.

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