Neue Details zu den Monstermythen auf Burg Frankenstein

Ich hatte ja gerade zugegeben, dass ich manchmal auch einfach bei Google Books recherchiere. Bevor mir einer einen Strick daraus dreht: mir sind sämtliche Schwierigkeiten dabei bewusst. Ein paar interessante Details kann man dennoch immer mal wieder dabei entdecken. Diesmal bin ich seit längerer Zeit mal wieder auf den Mythos um Burg Frankenstein zurückgekommen.

Meine Recherchen dazu hatte ich ja Ende 2011 mit einem immerhin 13-seitigen Aufsatz abgeschlossen, der Anfang 2012 auf der Internetseite des Geschichtsvereins Eberstadt-Frankenstein veröffentlicht wurde (nachzulesen hier). Ich hatte dabei festgestellt, dass die häufige Behauptung, Mary Shelley wäre von der Burg Frankenstein zu ihrem berühmten Roman Frankenstein oder der moderne Prometheus inspiriert worden, lediglich ein moderner Mythos ist, der nach dem 2. Weltkrieg entstand, bedingt zum einen durch die Stationierung von US-Truppen nahe der Burg, die später dann auch das jährliche Halloween-Festival ins Leben riefen, und der amerikanischen Tourismusbranche, die Flüge nach Frankfurt verkaufen wollte und deshalb mit einer frei erfundenen Geschichte einen Zusammenhang zwischen der Burg Frankenstein und Shelleys Roman herstellte.

In diesem Aufsatz hatte ich als frühestes Beispiel für diese Behauptung einen Artikel in der US-Militärzeitung Stars & Stripes aus dem Jahr 1950 genannt. Tatsächlich habe ich jetzt eine noch frühere Erwähnung entdeckt. In „An Introduction To Germany For Occupation Families„, herausgegeben vom damaligen Hauptquartier der US-Truppen in Europa, hieß es im Jahre 1947:

Six miles south is the 700 year old Frankenstein Castle, where scenes from the American movie by the same title were filmed.

Zwar wird hier nicht explizit behauptet, die Burg Frankenstein hätte Mary Shelley inspiriert, dafür soll dort ein amerikanischer Film mit demselben Titel gedreht worden sein. Ich glaube, es muss nicht extra erwähnt werden, dass keiner der amerikanischen Frankensteinfilme, die damals bereits veröffentlicht waren, auf Burg Frankenstein gedreht wurde. Aber wie war es zu dieser Behauptung gekommen?

Aufschlussreich ist hierzu der 1955 erschienene Reiseführer „The Rhine“ von Felizia Seyd. Chronologisch ist diese Veröffentlichung von geringerer Bedeutung, denn bereits 3 Jahre zuvor hatte John A. Keel mit seiner Halloween-Radioshow von Burg Frankenstein dem ganzen Mythos einen solchen Schubs gegeben, dass er danach eigentlich nicht mehr aufzuhalten war. Interessant ist „The Rhine“ allerdings, weil es nähere Ausführungen zu der in An Introduction To Germany For Occupation Families getroffenen Behauptung, ein amerikanischer Frankensteinfilm sei hier gedreht wurden, macht:

Frankenstein Castle is […] the authentic home of the Frankenstein Monster as well. (The caretaker on the ground remembers when a Hollywood director filmed the first of the Frankenstein films here in the twenties.)

Zunächst ist interessant, dass wir eine Zeitangabe haben. In den 20ern soll der Film also gedreht worden sein. Der Hype um Frankenstein begann aber erst 1931 mit dem Klassiker von James Whale, in dem Boris Karloff dem Monster das auch heute noch bekannteste Gesicht gab. Vorher gab es schon drei Stummfilme, die auf Frankenstein basierten, nur einer davon wurde in den 1920ern gedreht: Il mostro di Frankenstein. Der Film gilt als verschollen, d.h. es existiert wohl keine Kopie mehr davon, nur einige Standbilder. So kann man natürlich nicht mit letzter Konsequenz sagen, dass die Burg Frankenstein nicht darin vorkommt. Es dürfte aber zumindest extrem unwahrscheinlich sein. Frankenstein überhaupt auf eine Burg zu packen, scheint eine Idee der 1930er zu sein, weil sich das als Hollywoodkulisse gut gemacht hat. Shelleys Roman spielt auf keiner Burg. Darüber hinaus ist der Film, wie der italienische Titel unschwer erkennen lässt, kein Hollywood-Film, kann also nicht damit gemeint gewesen sein.

Was an dem Zitat aber wirklich bemerkenswert ist, ist, dass endlich mal eine Quelle genannt wird, wenn auch nicht beim Namen: the caretaker. Wer war damit gemeint? Das weiß ich noch nicht, aber es sollte eigentlich herauszubekommen sein. Der Begriff caretaker war mir früher schon einmal in diesem Zusammenhang untergekommen. William Wolf, einer der Reporter, die bei der Show 1952 beteiligt waren (näheres dazu in dem bereits erwähnten Aufsatz), erinnerte sich 1966 in einem Zeitungsartikel an diese Nacht. Der Artikel gibt zwar einige Details darüber preis, wie die Sendung ablief, aufschlussreiche Erkenntnisse ergeben sich daraus aber nicht. Lediglich die Art, wie Produzent John Keel die Reporter offenbar bewusst in Panik versetzte, ist interessant. Am Ende fällt Wolfs Mikrophon aus und er verliert den Kontakt zur Produktionscrew:

Before I could scream for help, faint dead away or leap off the side of the cliff, the figure emerging from the fog called out: „Herr Korporal Wolff, is that you?“
It was the German caretaker. He had been sent out to find me and lead me back to the group.

Denkt man an die berüchtigte Sendung Ghost Hunters International, in der vor einigen Jahren der selbsternannte Burgschreiber Walter Scheele (der, wie ich neulich erfuhr, englischsprachigen Besuchern auf der Burg etwas von „Karl the Big“ erzählt, womit er offenbar Karl den Großen meint) eine schöne Zusammenfassung des von ihm erfundenen Unsinns zum Besten gibt, so tun sich da erstaunliche Parallelen auf. Offenbar hatte Scheele einen Vorgänger! Denn dieser caretaker ist offenbar die Person, deren Existenz ich in meinem Aufsatz von 2011 nur vermutet hatte. Er ist derjenige, der amerikanische Touristen mit scheinbaren Verbindungen der Burg zu Mary Shelleys Roman bzw. den Verfilmungen versorgt hat.

Es wird sicher spannend herauszufinden, wer genau das war.

Jetzt mach ich aber erst mal Sommerpause 😉

Advertisements

6 Responses to Neue Details zu den Monstermythen auf Burg Frankenstein

  1. spbrunner says:

    Scheele erzählt natürlich wirklich eine Menge Unsinn, aber für Deine Recherchen mag es einen Anhaltspunkt aus seinen Berichten geben, der hilfreich ist: Henry Kissinger war (wohl im Rahmen der operation paperclip; ich hatte hier mal einen Bericht von einem Ingenieur aus Pfungstadt; den er unbedingt in die USA schaffen wollte…) eine Zeit lang an der Bergstraße. Und Scheele hat Fotos von Kissinger auf dem Frankenstein nach einer Jagd. Kissinger könnte übrigens den alten Film gekannt haben – und theoretisch kann man ihn sogar noch fragen …

    („Der Deutschamerikaner und spätere US-Außenminister Henry Kissinger lebte Mitte 1945 bis April 1946 in der Villa Schüssel, während er seinen Dienst beim Counter Intelligence Corps (CIC) in Bensheim (Hessen) versah. “ – wikipedia zu Heppenheim)

    • Dass Scheele ein authentisches Foto von Kissinger auf Burg Frankenstein hat, glaub ich erst, wenn ich es gesehen habe. Im Gegensatz zu vielen anderem, das er so erzählt, ist das aber zumindest möglich. Kissinger war in Bensheim stationiert und wegen des Wohnraummangels waren in der Zeit US-Soldaten auch in der Burg einquartiert. Dass Kissinger da aus irgendeinem Grund mal vorbeigeschaut hat, ist nicht so unwahrscheinlich.

    • Und Scheele hat Fotos von Kissinger auf dem Frankenstein nach einer Jagd.

      Also in der aktuellen Ausgabe seines Buches zeigt er das gerade nicht, sondern statt dessen ein Foto von zwei vollkommen unbekannten GIs und zwei ebenso unbekannten Frauen. Dazu behauptet er dann, an den zwei leeren Plätzen am Tisch wären eigentlich Kissinger und Wernher von Braun gesessen, die aber nicht mit aufs Bild wollten. Mal ganz abgesehen davon, dass man anhand der Gedecke vermuten kann, dass es nur ein leerer Platz ist, ist das alles mal wieder nur heiße Luft.

  2. Wernher von Braun … Das hatte ich noch nicht gehört. Wahrscheinlich mussten die noch die Raketenabschussbasis abbauen, die durch die mythische Kraft der Magnetsteine geschützt – ach, lassen wir das.

    • Ich hab mir den Spaß gegönnt und die gerade erschienene neueste Fassung seines Buches für 4,- Euro als Kindleversion gekauft. Das ist – höflich ausgedrückt – recht bizarr. Demnach soll von Braun an der TH in Darmstadt in einem „geheimen Labor“ an der Atombombe gearbeitet haben. „Belegen“ tut er so was wie üblich mit namentlich nicht genannten „Professoren“ oder „Wissenschaftlern“ … achja, und auf dem Ilbeskopf hat die SS an der Entwicklung von Flugscheiben gearbeitet, ja ganz recht, Nazi-Ufos auf dem Frankenstein. Vielleicht sollte ich darüber mal einen Beitrag verfassen, nur um zu sehen, wie viele Klicks eine solche Überschrift generiert 😉

  3. Gabriele Bührer says:

    Als Exfrau von Mathias Bührer bin ich schockiert mit wieviel Dreistigkeit diese immer wieder neuen Lügen über die Geschichte der Burg Frankenstein erfunden werden. Alles sind faustdicke Lügen, die viel Geld bringen. Gabriele Bührer

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: