Jubiläum einer Namensfindung

Marcs Artikel zum diesjährigen Grenzgang hat heute meine freie Zeit zwischen Arbeit und Fußball in Anspruch genommen ;-). Nicht so sehr, weil das Echo (bestimmt ausschließlich aus Platzgründen) die zwei kritischen Sätze zu Landgraf Ludwig VIII. herausgestrichen hat (Wortlaut nachzulesen auf Marcs Blog), sondern weil ich mich gefragt habe, wie man auf die Idee kommt, der Stadtteil Kranichstein würde dieses Jahr „450 Jahre alt“ werden. So zumindest (unter anderem) unser geschätzter Oberbürgermeister, der das vor Ort auf Gläsern mit dem Kranichsteiner Pseudowappen nachlesen konnte.

Ich war da etwas verwirrt darüber. Wann genau Orte gegründet wurden, ist meistens nicht mehr genau festzustellen. Deshalb zieht man für Jubiläen meist die Ersterwähnung heran. Kranichstein wird jedoch, da noch unter der Bezeichnung Einsiedel-Rod, bereits 1399 erwähnt, also vor 615 Jahren. Seither hieß es Kranichsrod nach seinem „Besitzer“ Henne Kranich von Dirmstein (was für’n Name! Armer Kerl). Erstaunlich, dass man nicht dieses Datum herangezogen hat, sonst neigt man doch eher zur Übertreibung wie z.B. in Arheilgen, wo man vor 3 Jahren 1375 Jahre Ersterwähnung gefeiert hat, was auf eine ziemlich dumme Fehldatierung zurückzuführen ist.

Was aber soll damit gemeint sein, wenn gesagt wird, Kranichstein wäre dieses Jahr „450 Jahre alt“? Der einfachste Weg an die Sache ranzugehen, ist mal zu schauen, was denn 1564 in Kranichstein passiert ist. In diesem Jahr wird eine „newe Behausung, der Cranichstein genannt“ erwähnt. Was ist damit gemeint? Es handelt sich dabei um ein Jagdhaus, das ein gewisser Johann von Rensdorf, der Kranichsrod 1549 erworben hatte, bauen ließ. Laut Friedrich Battenberg im Standardwerk Darmstadts Geschichte ist dies das erste Auftauchen dieses Namens. Auch das Südhessische Flurnamenbuch führt noch bis 1563 Belege für den Namen Kranichsrod, scheint also zu bestätigen, dass das bis zu diesem Zeitpunkt der übliche Name für Kranichstein war.

Naheliegend ist die Vermutung, dass das 1563/64 von Johann von Rensdorf erbaute Haus ein Steinbau war und daher eben Kranichstein genannt wurde (= der in Kranichsrod stehende Steinbau, die Bezeichnung Kranichshaus taucht in unterschiedlichen Schreibweisen auch in verschiedenen Dokumenten auf). Weil Kranichstein damals weit davon entfernt war, eine Ansiedlung zu sein, sondern eben nur aus einem Jagdhaus plus dazugehörenden Wirtschaftsgebäuden bestand, ist es denke ich nachvollziehbar, dass sich daraufhin der Name des Hauses statt des eigentlichen Ortes durchsetzte.

Daraus aber die Ortsgründung zu zimmern, finde ich ein bisschen arg schräg. Einen eigenständigen Ort Kranichstein gab es nie. Es war immer auf der Gemarkung Darmstadts. Von Anfang an war es ein Ort für den Jagdbetrieb, so dass auch der Bau des Jagdschlosses Teil einer konstanten Entwicklung seit spätestens 1399 darstellt. Und nebenbei, bevor das jemand als Rettungsanker nutzt: der Bau des Johann von Rensdorf ist nicht die erste Ausbaustufe des Jagdschloss Kranichstein, das entsteht erst ab 1578.

Fazit: wir feiern also dieses Jahr 450 Jahre Erfindung des Namens Kranichstein. Auch mal was. Da finden sich sicher noch ein paar andere ähnlich sinnige Jubiläen. Wie wär’s z.B. mit „500 Jahre erste Teilnahme Darmstadts an den gesamthessischen Landtagen“? Feiern mer was, Grund finne mer schon!

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2 Responses to Jubiläum einer Namensfindung

  1. Marc says:

    So, für die Stadtteilseite Kranichstein war dieses Jubiläum und der Hintergrund wie es zu den 450 Jahren kam dann doch ein schönes Thema – und ich konnte mal online im Staatsarchiv stöbern. (Und eigentlich hätte man 615 Jahre aufs Glas drucken können, zumal es ja vom Dr. Engels einen Vortrag von 1999 gibt, in dem es um 600 Jahre Kranichstein geht.)

    http://www.echo-online.de/region/darmstadt/Wie-alt-ist-Kranichstein;art1231,5272786

    • Das ist ja sowieso das, was mich bei der Sache wundert, weil normalerweise nimmt man doch die größtmögliche Zahl, um richtig angeben zu können.

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