Ein paar Gedanken…

Nur ein paar Gedanken, die mir durch den Kopf gehen, seit ich lesen musste, was einige Leute in der Kommentarfunktion bei Echo-Online nach dem Mord an Attila Kilic geschrieben hatten.

Die schlimmsten Bemerkungen hat das Echo glücklicherweise wieder gelöscht, aber auch was noch stehenbleiben konnte, war unter aller Kanone und frei von jeglichem Mitgefühl, jeglichem Rationalismus, jeglicher Menschlichkeit. Es war nichts als das Ausleben primitiven Verhaltens, das entsteht, wenn man seine eigene Identität durch die Abgrenzung gegenüber einer anderen Gruppe zu finden sucht. Wie in jedem Diskussionsstrang zu allem, der auch nur entfernt mit Muslimen, Türken oder dem Islam zu tun hat, wurde auch dort natürlich der Titel von Sarrazins Buch erwähnt, so als hätte das irgendeine Bedeutung: „Deutschland schafft sich ab“. Man ist geneigt zynisch und provokant zu erwidern, dass das Deutschland, das Menschen mit solch festsitzenden Vorurteilen offenbar vorschwebt, sich gerne abschaffen kann, wenn dafür ein Deutschland entsteht, in dem die Werte der Aufklärung die Leitkultur sind anstelle eines stumpfsinnigen „Wir gegen die“-Denkens.

Die Denkstruktur, die dahinter steckt, ist dieselbe wie jene, die zum Antisemitismus geführt hat. Natürlich darf man nicht gleich jeden mit den Nazis vergleichen oder für einen bösen rassistischen Unmensch halten, nur weil er gegenüber Türken Vorurteile hat. Jeder Mensch hat mehr oder weniger ausgeprägte Vorurteile, sie gehören schlicht zur menschlichen Denkstruktur. Die Gefahr ist die breite Akzeptanz dieser Vorurteile, die nicht nur am rechten politischen Rand zu finden sind, sondern auch in der Mitte der Gesellschaft, von den Konservativen in der CDU bis zumindest teilweise auch bei den Sozialdemokraten, wie man am Beispiel Sarrazin nur allzu deutlich sieht. Antisemitismus oder Antiziganismus sind da deutlich seltener und bekommen mehr Widerworte, obwohl beides natürlich ebenfalls in der Mitte der Gesellschaft zu finden ist.

Eine Darmstädter Onlinezeitung sprach die Tage sogar von zum „Massenphänomen gewordene Gewalt junger moslemischer Männer gegen Angehörige auch der Darmstädter Polizei“, eine Behauptung, die jeder Kriminalstatistik widerspricht. Das Ganze basiert auf einem psychologischen Phänomen, nämlich, dass subjektiven Einzelaussagen mehr Glauben als objektiven Daten geschenkt wird, wenn sie zum einen auf einem persönlichen Kontakt zum Gewährsmann basieren und zum anderen eben die eigenen Vorurteile bestätigen. In diesem Fall ist es der persönliche Kontakt zu einem Polizisten, der bestätigt, dass die Türken besonders schnell zur Gewalt neigen würde. Was dabei natürlich übersehen wird, ist, dass Polizisten berufsbedingt häufiger als der Normalbürger mit Gewalttätern und Feindseligkeiten konfrontiert werden und natürlich auch nicht frei von Vorurteilen sind. Hinzu kommt dann, dass im Falle von Türken und Türkischstämmigen bei einem polizeilichen Erstkontakt die Herkunft immer eine Eigenschaft ist, die man bewusst wahrnimmt, während bei einem Deutschen, der seine Vorfahren noch bis zum alten Fritz zurückverfolgen kann, andere Elemente in den Vordergrund rücken, beispielsweise wenn es sich um einen Drogenabhängigen handelt. So teilt auch der Polizist unterbewusst Menschen in Kategorien ein: Mann, Frau, Grieche, Türke, Betrunkener, Obdachloser, Drogenabhängiger, aber nie Deutscher, weil das kein herausstellendes Merkmal ist. So aber bleibt im Kopf immer: „Das war ein Türke“. Bei einem Deutschen aber beispielsweise: „Das war ein Obdachloser“. Und so verbindet man irgendwann die Kultur mit dem Verbrechen.

Einzelbeispiele sind daher immer unsinnig. In einer ausreichend großen Gruppe von Individuen findet man immer Belege für jede These. Nur findet man gleichzeitig ebenso leicht Belege für sich widersprechende Thesen, was diese Methode der „Beweisführung“ vollkommen nutzlos macht. Schon strukturell kann sie zu keiner Erkenntnis führen, die die Realität im ausreichenden Maße abbildet. Wie verzerrt die Wahrnehmung bei vielen mittlerweile ist, zeigt der neuerlich aufgekommene Begriff vom „Islambonus bei Ehrenmord“, der kürzlich durch die Schlagzeilen geisterte, also die Vorstellung, Gerichte würden bei sogenannten Ehrenmorden weniger hart urteilen als bei anderen Morden. Eine Behauptung, die mit der Realität rein gar nichts zu tun hat, aber sie bestätigt Vorurteile und wenn jemand die eigenen Vorurteile bestätigt, neigt man nicht dazu, das Ganze zu hinterfragen.

Besonders zynisch ist, dass diese sogenannten Ehrenmorde ja als zentraler Bestandteil der türkischen Kultur angesehen werden. Sie kommen zweifelsfrei vor und haben ihren Hintergrund in archaischen Strukturen aus einer Zeit, als es noch keine verlässliche Gerichtsbarkeit gab. Es ist aber in etwa dem gleichen Maß Teil der türkischen Kultur wie es Teil der deutschen Kultur ist, wenn ein Familienvater seine Frau ermordet, weil diese fremdgegangen ist oder ihn verlassen will. Nur nennen wir das nicht Mord, sondern Familiendrama oder Eifersuchtsdrama. Da steckt dann schon in der Begrifflichkeit ein Schicksalsschlag drin und kein aktives Handeln. Oder wenn eine Mutter ihre Kinder umbringt und dann sich selbst, nennen wir das „erweiterten Selbstmord“. Ein Selbstmord ist eine freie Entscheidung. Die Kinder hatten die in diesem Fall aber nicht. Wir verharmlosen also gelegentliche Fälle irrationaler Morde, wenn wir die Täter unserem eigenen Kulturkreis angehörig ansehen und dramatisieren sie, wenn wir die Täter einem anderen Kulturkreis angehörig ansehen.

Was ich von diesen Leuten gerne wissen würde, ist, was sie denn glauben, wie das Leben in Deutschland wäre, wären von heute auf morgen alle Türken weg? Wäre dann irgendwas besser? Die Erfahrung zeigt eher, dass sich die „Mitte der Gesellschaft“ dann einfach eine andere Gruppe aussucht, der sie an allem die Schuld gibt. Es ist nämlich schlicht ein psychologisches Phänomen. Man schafft seine eigene Identität, indem man sich von jemand anderen abgrenzt. Und wenn man das erst mal gemacht hat, ist es einfach, alle negativen Aspekte des gesellschaftlichen Zusammenlebens auf diese Gruppe zu projizieren.

Vor einiger Zeit hörte ich den Begriff „Kopftuchgeschwader“ beim Anblick mehrerer Muslimas mit traditionellen Kopftüchern. Es ist ein herablassender Begriff, der mittlerweile weit verbreitet ist. Aber er ist nicht neu. Meine Großmutter mütterlicherseits stammte aus dem Sudetenland. Dort trugen die Frauen traditionell auch oft Kopftücher. Die sahen anders aus als die von Muslimas, bedeckten nicht die ganzen  Haare und es war auch kein Drama, wenn man es in der Öffentlichkeit mal nicht trug, also eher Mode als religiöse Vorschrift. Als meine Großmutter nach dem Krieg in den Odenwald kam, wurden sie und ihre Verwandten und Freundinnen aber eben auch als Kopftuchgeschwader bezeichnet (ironischerweise auch von jenen, die fest für ein Deutschland in den Grenzen von 1937 einstanden). Damals gab es keine Türken in Deutschland, nicht mal Italiener. Die Sudetendeutschen wurden zur Zielscheibe, weil nach dem Massenmord an den Juden sonst niemand mehr da war, der diese Rolle hätte übernehmen können.

Wenn sich also jene sehr große Gruppe mit den tiefsitzenden Vorurteilen gegenüber Türken dauerhaft durchsetzt und ihre Vorurteile in politisches Handeln umgesetzt werden und aus ihrer Sicht das Problem – wie auch immer – „gelöst“ wird, wer ist dann der nächste? Welche gesellschaftliche Gruppe, Ethnie oder Subkultur gerät dann ins Visier, wenn der Bevölkerungsanteil an Türken und Türkischstämmigen zurückgehen sollte oder es keine auffälligen Empörungsthemen wie Ehrenmorde mehr gibt? Vielleicht auch eine Gruppe, der wir selbst angehören?

Mir fiel dazu die Tage ein berühmtes Zitat von Martin Niemöller wieder ein. Niemöller war ein evangelischer Theologe und zu Anfang Anhänger des Nationalsozialismus. Infolge des Kirchenkampfs wurde er dann jedoch zunächst in Sachsenhausen, später in Dachau interniert. Nur mit Glück entging er der Hinrichtung.

Als sie kamen, um die Juden zu holen, schwieg ich, weil ich kein Jude war. Als sie kamen, um die Kommunisten zu holen, schwieg ich, weil ich kein Kommunist war. Als sie kamen, um die Gewerkschafter zu holen, schwieg ich, weil ich kein Gewerkschafter war. Dann, als sie kamen, um mich zu holen, gab es keinen mehr, der für mich seine Stimme hätte erheben können.

Für ihn war das ein Eingeständnis seiner eigenen Fehler. Für mich klingt es heute wie eine Warnung.

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2 Responses to Ein paar Gedanken…

  1. Ja. Punkt.

  2. Und schon wieder eine neue Runde bei den Echo-Kommentaren: http://www.echo-online.de/region/gross-gerau/raunheim/Jugendliche-werfen-Steine-auf-Wassersportler;art1258,4990555,F

    Es langt, dass der Begriff „marokkanisch“ fällt und schon läuft diesen Leuten der Schaum aus dem Mund. Es widert mich nur noch an.

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