Darmstädter (und hessische) Tanzverbote

Zu Karfreitag darf ja jetzt wieder keine Tanzveranstaltung stattfinden. In Hessen hat das eine lange Tradition. Was interessant ist, ist, dass es historisch eher eine protestantische Sache aus der frühen Neuzeit zu sein scheint. Im Mittelalter, wo es (bei uns) fast nur Katholiken gab, hat man gerne getanzt, ohne dass das Seelenheil dadurch in Gefahr geriet.

Der erste, der in Hessen Tanzverbote an Feiertagen einführte, war Landgraf Philipp der Großmütige. Sein Sohn Landgraf Georg I., der nicht umsonst später den Beinamen „der Fromme“ erhielt, konkretisierte dieses Verbot in seiner Agenda von 1574. Dort heißt es:

Also auch sollen die Sontags Tänze sonderlich unter der Predigte und Kinderlehr darzu auch alle andere leichtfertig Uppigkeiten so nach Heydnischer Weiß zur Fastnacht, Walpurgis, Pfingsten, Johannis Tag und andern Zeiten mehr durchs Jahr vom gemeinen Mann geübt und vorgenommen werden gänzlich verbotten sein und Uberfahrer jedesmahls nach gestalt der geübten Leichtfertigkeit durch unsere Beamten ernstlichen gestrafft und die Straff einbracht werden.

Zweifelsfrei ein Mann der klaren Worte. Wer’s dennoch nicht verstanden haben sollte: an Feiertagen wird nicht getanzt, sonst gibt’s Haue von den landgräflichen Beamten. Es gab aber eine Ausnahme:

Wann aber Hochzeiten seind mag man zimlich tanzen

Aber nur ziemlich! Und damit auch jeder weiß, was das heißt:

Und dann das Nacht Tanzen deßgleichen das abstossen am Tanzen und das herumb werfen und sonst alle unzüchtige Geberde und Worte gänzlichen unterlassen und vermitten werden.

Also, nachts wird nicht getanzt! Wenn man so den ganzen Tag auf dem Feld arbeiten muss, wird’s dann natürlich schwer, aber da auch „Abstoßen und Herumwerfen“ verboten ist, Rock’n’Roll also, würde es ja eh keinen Spaß machen. Übrigens ist das Nachttanzverbot möglicherweise einer der Auslöser für die Darmstädter Hexenverfolgungen. Die durch das Gesetz erzwungene Heimlichkeit dieser Veranstaltungen schürte zumindest die Gerüchte von Hexensabbats enorm.

Der Arheilger Krawall

Dabei waren es nicht unbedingt immer die Geistlichen, die so rigoros gegen das Tanzen waren. Ganz im Gegenteil. Als 1683 der Wiederaufbau der Arheilger Kirche beendet war und diese eingeweiht werden sollte, wollte Pfarrer David Stannarius – angeblich nach dem Vorbild König Davids – einen Ehrentanz aufführen.  Es war dann aber seine Gemeinde, also die stinknormalen Bürger, die das als Gotteslästerung empfanden. Lauthals begannen sie zu protestieren.

Als nun der damalige Bürgermeister Schauber die aufgebrachte Menge beruhigen wollte, fiel ein Johann Michael Schuch über den Bürgermeister her, würgte ihn, schlug ihn zu Boden und stürzte sich auf ihn, während der Mob ihn anfeuerte mit den Worten: „Druff, druff, itzt habt ihr den rechten“. Der Zentgraf Salomon Knauff versuchte dem Bürgermeister zu helfen, drohte mit der Verhängung von Geldstrafen und prügelte den Angreifer Schuch mit einem Stock, bis dieser vom Bürgermeister abließ. Der Mob dagegen fiel nun über den Zentgrafen her. Sie schlugen und traten ihn, rissen ihm die Perücke vom Kopf und den Stock aus der Hand, mit dem sie nun auch auf den Pfarrer losgingen, ihn an den Haaren zogen und kräftig vermöbelten, bevor schließlich einige andere Bürger zu Hilfe kamen und die Schlägerei stoppen konnten.

So zumindest geht es aus der Anklage der drei Geschädigten (also Bürgermeister, Zentgraf und Pfarrer) hervor. Die anschließende Untersuchung ergab dann zwar die Richtigkeit der Darstellung, doch kam dabei auch heraus, dass die drei Ankläger wohl nicht minder um sich geschlagen und getreten haben. Zustände wie im kleinen gallischen Dorf.

Und heute?

Und wie ist es heute? In § 7 des Hessischen Feiertagsgesetzes heißt es:

An den gesetzlichen Feiertagen sind von 4 Uhr bis 12 Uhr verboten: […] 2. öffentliche Tanzveranstaltungen;

Jesses! Und warum das? Ganz offenbar, um den Gottesdienst (der normalerweise von 10 bis 11 Uhr stattfindet) nicht zu stören, so ist es zumindest aus Absatz 2 zu erschließen, wo es heißt:

Wo ein Nachmittagsgottesdienst üblich ist, gilt das Verbot des Abs. 1 Nr. 4 auch für dessen Dauer.

Gut, wenn die Tanzveranstaltung im Pfarrhof stattfindet, könnte das stören. Aber grundsätzlich? Aber es geht noch weiter, § 8, Abs. 1:

Am Karfreitag von 0 Uhr an, am Volkstrauertag und Totensonntag von 4 Uhr an sind unbeschadet der Bestimmungen des § 7 verboten:
1. öffentliche Tanzveranstaltungen; […]

Hier also den ganzen Tag. Warum? Ganz offensichtlich, weil es Trauertage sind. Denn in Absatz 3 steht:

Bei der öffentlichen Darbietung von Rundfunksendungen sowie von Musik- und anderen Tonaufnahmen ist auf den ernsten Charakter der Feiertage Rücksicht zu nehmen.

Also wehe jemand spielt am Freitag ein fröhliches Lied im Radio! Neben der Gefahr fürs Seelenheil droht dann nämlich auch ein Bußgeld! Wie soll ich das nur am Jüngsten Tag meinem Schöpfer erklären? Ich hab am Karfreitag mit den Fingern geschnippt! Das ist mindestens Höllenkreis Nr. 8!

Außerdem hat natürlich auch in einem Land, in dem Staat und Kirche getrennt sind, gefälligst auch der Buddhist, der Jude und der Atheist am Karfreitag traurig zu sein! Wo kommen wir denn da hin, wenn der dicke Buddha da einfach den ganzen Tag weitergrinst, der Jude seine Pejes fröhlich ploppen lässt und der Atheist über einen Witz von Dawkins lacht? Soziale Unruhen wären die Folge!

Aber im ernst: interessant ist, dass auch die neue schwarz-grüne Regierung grade dazu erklärt hat, dass an dem Feiertagsgesetz keinesfalls gerüttelt wird (Applaus dafür auch von der SPD). Und zwar mit Bezug auf den Koalitionsvertrag, wo es heißt:

Religiöse Feiertage sind für uns als Ausdruck individueller und gesellschaftlicher Sinnstiftung und Orientierung von hoher Bedeutung. Wir bekennen uns zu einem Schutz der stillen Feiertage (Karfreitag, Volkstrauertag, Totensonntag und dem Schutz der Sonntage im Advent). Über die Aufrechterhaltung des mit dem Schutz der weiteren Sonn- und Feiertage verbundenen Tanzverbots werden wir in Dialog mit den Glaubensgemeinschaften treten. Wir wollen, dass alle Religionen ihre Feiertage ungestört und in würdigem Rahmen begehen können.

Zwei Sachen sind daran besonders erwähnenswert. Zum einen, dass einige dieser Sätze aus einer Forderung der Grünen Jugend stammten, die das aber offensichtlich anders gemeint hatten. Die wollten damit nämlich eine zeitgemäße Reform des Feiertagsgesetzes erreichen. Man hat einen Satz gestrichen, einen anderen hinzugefügt und jetzt steht da eigentlich das genaue Gegenteil.

Zum anderen muss man schon schwer am Verstand von jedem zweifeln, der ernsthaft glaubt, dass es jemanden in seiner Andacht stört, wenn am anderen Ende der Stadt eine Diskothek offen hat. Man sollte diesen Leuten mal erzählen, dass so was wie die Aufklärung stattgefunden hat und dem Staat das Privatleben der Menschen nichts angeht. Lustig finde ich aber den Hinweis auf alle Religionen. Das ist ja zunächst erst mal völlig richtig. Wir haben Religionsfreiheit und dazu gehört, dass das Christentum anderen Religionen gegenüber nicht bevorzugt wird. Und jetzt stelle man sich mal – nur für einen kleinen Moment – vor, von Seiten der Muslime würde gefordert werden, dass an irgendeinem hohen islamischen Feiertag keine Tanzveranstaltungen stattfinden und keine fröhliche Musik gespielt werden dürfte, weil das die Gläubigen in ihrer Andacht stört. Da ginge aber mal ein Ruck durchs Kirchenschiff! Und da sind wir beim Rechtsstaat. In einem wirklichen Rechtsstaat darf man nicht das von anderen fordern, was man selbst nicht bereit wäre zu tun.

Ich werde übrigens, wie eigentlich an jedem Freitag und überhaupt jedem Wochentag, auch an diesem nicht tanzen. Aber es kann nicht angehen, dass einem so etwas in einem freiheitlich-demokratischen Staat von Regierungsseite vorgeschrieben wird.

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9 Responses to Darmstädter (und hessische) Tanzverbote

  1. infragesteller says:

    Vorab muss ich erwähnen, dass ich nicht religiös bin und finde den Tanzverbot trotzdem völlig OK. Wir haben doch 52 Freitage im Jahr: ist es so schlimm an einem davon auf die Gefühle der praktizierenden Christen Rücksicht zu nehmen? Ich finde dass etwas Empathie und Zurückhaltung nicht schaden…

    • Zunächst einmal reden wir nicht nur von einem Tag, sondern von 3, für den Volkstrauertag und für den Totensonntag gilt dasselbe wie für Karfreitag. Dann finden die meisten praktizierenden Christen dieses Verbot auch hirnrissig und vollkommen überzogen. Wir reden hier von Rücksichtnahme für Leute, die offenbar ohne das Feiertagsgesetz am Karfreitag in der Kirche sitzen würden und ständig: „Verdammt, diese Disko hat offen, verdammt dort ist eine Tanzveranstaltung“ vor sich hinmurmeln würden. Keinen von denen kann es realistisch stören, dass eine Tanzveranstaltung stattfindet, von der sie direkt gar nichts mitkriegen! Das Feiertagsgestz ist keine Rücksichtnahme, sondern verstärken eines Zwangsverhaltens. Und was wenn nun alle anderen anerkannten Glaubensrichtungen drei Tage im Jahr fordern, an denen alle auf sie Rücksicht nehmen müssen? Haben wir dann demnächst Dutzende von solchen Tagen? Oder hört es da dann doch auf mit der Empathie?

      • infragesteller says:

        Ich mach es kurz: sorry, aber ich finde es egoistisch und respektlos, wenn jemand, der an 362-363 Tagen im Jahr tanzen darf, meint auch an religiösen/christlichen Feiertagen tanzen zu müssen.
        Gesetze zwingen uns ja auch zu einem Verhalten, warum nicht hier? Alles abschaffen??? Willkommen im Chaos!!!

        MEINE MEINUNG!!!

        • Der entscheidende Punkt wird doch geflissentlich immer wieder ignoriert: es kann niemandes Andacht stören, nur weil irgendwo eine Diskothek offen hat, von der er nichts mitbekommt. Sonst würde es ihn ja auch in seiner Andacht stören, dass Menschen tanzen in Ländern, in denen es kein Tanzverbot gibt. Und egoistisch und respektlos ist ja dann wohl eher, anderen Menschen etwas zu verbieten, durch das man selbst objektiv keinen Nachteil hat.

          Und es bleibt auch bei der Frage, warum, wenn das wirklich eine sinnvolle Regelung wäre, so was nur von Seiten der Christen möglich sein sollte? Was, wenn jede Religionsgemeinschaft sich zwei bis drei Tage im Jahr rauskuckt, an denen bitte alle mal so sehr auf sie Rücksicht nehmen sollen, dass keine öffentlichen Tanzveranstaltungen stattfinden dürfen und im Radio keine fröhliche Musik gespielt werden darf? Wieso bekommen die so was dann nicht? Oder darf man gegen andere Religionen dann respektlos und egoistisch sein?

          Egoismus ist ja, wenn jemand darauf besteht, dass sich allein nach seinen Befindlichkeiten gerichtet werden muss. Genau das geschieht, wenn man allen Leuten das Tanzen verbietet, obwohl man selbst dadurch keinerlei Nachteil hätte. Man hindert Menschen daran, den Tag so zu verbringen, wie sie es gerne möchten. Andersrum würde aber kein Christ daran gehindert werden, den Karfreitag genau so zu verbringen, wie er es gerne möchte, auch wenn Diskotheken offen hätten. Folglich sind die Egoisten zumindest in diesem Fall eindeutig die, die an dem Tanzverbot festhalten, und keinesfalls umgekehrt.

          Und das ist doch der Grund, warum sich so viele über das Tanzverbot aufregen. Es dürfte so gut wie keinen Menschen auf der Welt geben, der wirklich jeden Freitag tanzen geht. Von daher ist auch das häufig gebrachte Argument, dass man ja wohl einmal im Jahr aufs Tanzen verzichten könne, an der Sache vorbei argumentiert. Und jeder, der das einbringt, hat einfach noch nicht verstanden, worum es eigentlich geht und warum sich so viele Menschen darüber aufregen.

          Es geht nicht darum mal nicht tanzen zu können, sondern darum, dass ohne nachvollziehbarem Grund das Recht der freien Entfaltung eingeschränkt wird. Und das nur wegen eines archaischen juristischen Überbleibsels, das die Jahrhunderte nur deshalb in immer wieder neuer Form überlebt hat, weil die Einschränkungen zu gering sind, als dass sich die Mühe lohnen würde, die nötig ist, um die reflexartigen Abwehrhaltungen aufzubrechen, die da politisch stattfinden, wann immer man das Gesetz kritisiert. Wegen so was gehe ich nicht auf die Straße protestieren, sondern schüttele nur ein bisschen den Kopf.

          Das Ganze ist eben eher Geschichte, die sich als Farce wiederholt. Dennoch ändert das aber nichts daran, dass es alle unsere während der Aufklärung und der anschließenden Demokratiebewegung hart erkämpfenden Werte mit Füßen tritt.

          • infragesteller says:

            Danke für die Ausführung und für die Geduld mit mir.

            Ich denke, dass religiöse Feiertage einen Sinn haben, der zu berücksichtigen ist. Sollten solche Feiertage keinen Sinn machen und die Geschichte dahinter nicht zu beachten sein, dann wäre ich – ganz radikal – für die Abschaffung der Feiertage. Das möchte die Gesellschaft aber auch nicht, oder??? Da könnte getanzt werden, was das Zeug hält, aber nein, das geht ja gar nicht, weil der Karfreitag ein stinknormaler Arbeitstag wäre… An dem wir früh aufstehen und zur Arbeit gehen…
            Ich tausche gerne den freien Tag gegen ein Tanzverbötchen!…

            P.S. Ich provoziere gern… 😉

            • Eine Aufhebung des Tanzverbotes würde ja weder der Abschaffung des Karfreitags gleichkommen, noch würde der Feiertag dadurch für Christen sinnlos werden. Man würde lediglich eine archaische Rechtstradition, die mit unseren heutigen Werten eigentlich nicht vereinbar ist, abschaffen.

              • infragesteller says:

                Warum sollten wir an einem Tag wie Karfreitag nicht über den Usprung des Feiertags reflektieren und entschleunigen, innehalten? Bewirkt man vielleicht durch den Tanzverbot nicht, dass die Jugend oder die Tanzbegeisterten sich Gedanken über den Verbot macht? Dass wir uns Gedanken zum Feiertag machen?

              • Nein, ganz offensichtlich bewirkt man das genaue Gegenteil (das sieht man ja an der Kritik des Verbots). Man erzeugt durch übertriebene Reglementierung immer Ablehnung.

              • infragesteller says:

                Ich verstehe die Kritik, aber Karfreitag ist und bleibt ein Trauertag und an solchen Tagen passt das fröhliche Tanzen nicht, auch wenn jedem überlassen ist, wie er mit seiner „Trauer“ umgehen möchte – nämlich gar nicht. Um die Tradition zu bewahren, egal ob veraltet oder nicht, wird reglementiert. Wären wir alle anständig, bräuchten wir auch die Regeln nicht… Und ich wiederhole mich gerne: es geht um Trauer!… (So empfinde ich halt – ich bin aber nicht alle!)

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