Fragwürdige Namen

Zum Stadtverordnetenbeschluss bzgl. der Umbenennung von Straßennamen, den ich im letzten Eintrag erwähnt habe, habe ich mir noch mal Gedanken gemacht. Die Formulierung, dass man “insgesamt überprüfen und herausarbeiten [will], ob darunter Personen sind, deren Leben oder politische Einstellung sich nicht mit den Werten einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft vereinbaren lassen”, ist entweder verdammt schlecht überlegt oder bewusst so gefasst, dass am Ende nur etwas herauskommen kann, bei dem es zu großen Widerstand gibt. Wenn es konkret um die freiheitlich-demokratische Gesellschaft geht, müssten zum Beispiel alle nach Angehörigen der landgräflichen bzw. großherzoglichen Familie benannten Straßen und Plätze konsequent umbenannt werden. Das waren Anhänger der Monarchie, die die freiheitlich-demokratischen Bewegungen des 19. Jahrhunderts dort niedergemacht haben, wo sie konnten. Darmstadt galt als Bollwerk der Reaktion, der Großherzog war derjenige, gegen den sich die Kritik des Hessischen Landboten richtete.

Und wenn man so ein enges Raster anlegt, müsste man eigentlich selbst Bismarck dazu zählen, denn dessen Sozialistengesetze hatten nun auch wirklich nichts mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu tun.

Ich habe mich mal an einer kleinen Liste gewagt, wobei ich mir nicht die Mühe gemacht habe, jeden fürstlichen Verwandten oder beispielsweise Zar Alexander II., nach dem die Alexanderstraße benannt ist, mit aufzunehmen, obwohl allein die Überzeugtheit vom „hochwohlgeborenen“ Stand mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung unvereinbar ist. Die Liste ist ausdrücklich unvollständig und soll eher zeigen, welch Ausmaße der Beschluss der StaVo bedeuten würde, wenn man die Sache wirklich konsequent und ehrlich durchführen würde. Viel sinnvoller dürfte es daher sein, sich regelmäßig kritisch mit den historischen Persönlichkeiten, die hinter diesen Namen stehen, auseinanderzusetzen als mit einer solchen Symbolpolitik die Sache anschließend einfach vergessen zu können.

  • Arndtstraße
    benannt nach Ernst Moritz Arndt, Schriftsteller und Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung, seine Texte hatten teilweise antisemitische Tendenzen. Er argumentierte nach rassischen Kategorien und galt den Nazis selbst als einer ihrer Vordenker.
  • Arnimstraße
    Achim von Arnim, Dichter, hing antisemitischen Klischees an
  • Beyerweg
    Adolf Beyer, überzeugter Nationalsozialist, der Adolf Hitler schon 1931 in heroisch-verklärender Pose malte. Obwohl selbst Künstler ein großer Gegner der Kunstfreiheit, sprich aller Kunst, die mit der faschistischen Ideologie nicht vereinbar war. Nach einer Entscheidung der Stadtverordnetenversammlung soll der Weg zwar auch zukünftig Beyerweg heißen, allerdings nicht mehr nach Adolf Beyer, sondern dessen Vater Carl Beyer, ebenfalls Maler, benannt werden. Das hat etwas von einem Schildbürgerstreich, denn damit tut man das genaue Gegenteil von dem, um das es eigentlich geht: mit einem bürokratischen Verwaltungsakt, der niemandem wehtun, entzieht man sich der Diskussion und der Aufarbeitung. Zu dieser Aufarbeitung würde beispielsweise auch gehören, wie es eigentlich sein kann, dass noch 1973 eine Straße nach einem überzeugten Nationalsozialisten und Feind der Kunstfreiheit benannt werden konnte.
  • Ernst-Ludwigs-Platz und Ernst-Ludwig-Straße
    benannt nach dem Landgrafen, nicht nach dem gleichnamigen Großherzog! Landgraf Ernst Ludwig ist als prunksüchtiger, absolutistischer Herrscher schon von vorne herein nicht mit den geforderten „Werten einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft“ in Einklang zu bringen. Neben unzähliger anderer Dinge, die man anführen könnte, beschränke ich mich auf nur ein Beispiel, nämlich Ernst Ludwigs Behandlung  von Angehörigen der Roma. Er erließ reihenweise Verordnungen gegen des „Zigeunerunwesen“. 1734 setzte er eine regelmäßige, durchaus ansehnliche Belohnung für die Jagd auf „Zigeuner“ aus. Dabei war ausdrücklich erlaubt, diese einfach zu erschießen. Die Belohnung war dann zwar etwas geringer als für einen gefangenen und abgelieferten „Zigeuner“, mit 3 Reichstalern aber immer noch genug, um sich mit „Zigeunerschießen“ den Lebensunterhalt zu verdienen.
  • Görresstraße
    nach Josef Görres, Lehrer und Publizist, veröffentlichte ein Pamphlet mit eindeutig antisemitischer Konnotation und Klischees
  • Grundstraße
    nach Peter Grund, Architekt und NSDAP-Mitglied, möglicherweise nicht aus Überzeugung, sondern bloß aus Karrieregründen
  • Hindenburgstraße
    die Argumente dazu sollten eigentlich bekannt sein, was mir persönlich wichtig ist, ist nicht allein die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, die anders als von gewissen Apologeten immer wieder behauptet wird, keineswegs alternativlos gewesen ist, sondern dass er wider besseren Wissens mit der Popularisierung der Dolchstoßlegende einen großen Beitrag dazu geleistet hat, dass so etwas wie der Nationalsozialismus überhaupt erst entstehen konnte.
  • Hoetgerweg
    Bernhard Hoetger, Maler und Bildhauer, ein äußerst interessanter Fall. Anders als viele andere trat Hoetger der NSDAP nicht aus Karrieregründen sondern aus Überzeugung bei. Die Nazis fanden seine Kunst aber undeutsch und schlossen ihn aus der Partei aus. Später musste er sogar fliehen. Damit ist er ein schönes Beispiel für die Fragwürdigkeit die Entscheidung zu treffen, wessen „Leben oder politische Einstellung sich nicht mit den Werten einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft vereinbaren“ lassen. Hoetgers zweifelsfrei nicht. Gleichzeitig aber war er auch ein Verfolgter des Nazi-Regimes. Was wiegt nun schwerer?
  • Landgraf-Georg-Straße
    Landgraf Georg I., verantwortlich für mindestens 37 Hinrichtungen wegen Hexerei, ein religiöser Fanatiker, ein Choleriker, der Menschen verprügelte, einschließlich der eigenen Kinder, der seine Untertanen so nachhaltig überwachte, dass landgräfliche Aufseher sogar überprüften, ob bei Hochzeiten nur das geschenkt und getanzt wurde, was dem Landgrafen genehm war.
  • Landgraf-Philipps-Anlage
    Landgraf Philipp der Großmütige, versuchte sowohl sogenannte Zigeuner als auch Juden aus der Landgrafschaft zu vertreiben, erließ mehrere antisemitische Verordnungen.
  • Max-Ratschow-Weg
    Max Ratschow, Mediziner und NSDAP-Mitglied, möglicherweise nicht aus Überzeugung, sondern bloß aus Karrieregründen.
  • Moserstraße
    Freiherr Friedrich Karl von Moser pflegte antisemitische Klischees und bezeichnete Juden als „Blutegel“.
  • Richard-Wagner-Weg
    Komponist und Antisemit
  • Robert-Schneider-Straße
    Mundartdichter, der 1933 schwärmerische Lobeshymnen auf Hindenburg und Hitler dichtete, nahm sich vermutlich im Eindruck des Zusammenbruchs des Deutschen Reich am Ende des 2. Weltkriegs das Leben.

Wie gesagt, keine Vollständigkeit…

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