Darmstadt und die Revolution

Darmstadt galt im Vormärz und während der 1848/49er Revolution als eine Hochburg der Reaktion. Hier herrschte das „System du Thil“, benannt nach Karl du Thil, dem Regierungschef des Großherzogtums, der mit seinem autoritärem Führungsstil zum Hassobjekt der liberalen und demokratischen Bewegung wurde, mehr noch als das Staatsoberhaupt Großherzog Ludwig II.

Letzterer war eine politisch blasse Erscheinung, der es sich gleich zu Beginn seiner Herrschaft 1830 mit dem Landtag verscherzte bei dem dreisten Versuch seine in seiner Zeit als Erbprinz angehäuften Privatschulden in Millionenhöhe auf den Landeshaushalt zu übertragen. Die zweite Kammer des Landtags lehnte diesen Antrag mit der überwältigenden Mehrheit von 41 zu 7 Stimmen ab. Der Antrag der Regierung, das Schloss für mehr als eine halbe Million Gulden auszubauen, wurde daraufhin kleinlaut zurückgezogen. Der Großherzog war demontiert und die liberalen Kräfte gestärkt. Da nützte es auch nichts, dass man versuchte schlechte Stimmung zu erzeugen, indem man das Gerücht streute, der Großherzog erwäge es mitsamt seinem Hof nach Gießen umzuziehen. Noch 1830 konnte der Landtag eine Lockerung der staatlichen Zensur durchsetzen, so dass erstmals auch kritische politische Zeitungen im Land erlaubt wurden.

Nach dem Hambacher Fest 1832 sah sich du Thil jedoch veranlasst alle liberalen und demokratischen Entwicklungen zurückzudrehen. Die liberale Presse wurde wieder verboten und der Landtag so oft aufgelöst, bis die Wahlen endlich nach du Thils Vorstellungen ausgingen. „Kommt ja ein ehrlicher Mann in den Staatsrat, so wird er ausgestoßen“, heißt es im Hessischen Landboten 1834. Zwar saßen nach wie vor auch liberal und demokratisch gesinnte Abgeordnete in der zweiten Kammer des Landtags, doch ihre Anzahl und Einfluss sank stark.

Das Hambacher Fest war dabei natürlich nur ein Vorwand für die reaktionäre Politik. Das lässt sich z.B. an der Darmstädter Bürgermeisterwahl 1831 zeigen, da diese ja noch vor dem Hambacher Fest stattfand. In diesem Jahr war Ernst Emil Hoffmann mit deutlicher Mehrheit gewählt worden. Dieser war aber auch der Wortführer der Abgeordneten, die erst die Schuldenübernahme des Großherzogs ablehnten und dann die Liberalisierung der Presse durchsetzten. Nach dem Motto „Man sieht sich immer zweimal im Leben“ erwies sich du Thil als schlechter Verlierer und weigerte sich Hoffmann zum Bürgermeister zu ernennen. Statt dessen wurde der bei der Wahl deutlich abgeschlagene bisherige Bürgermeister Michael Hofmann ernannt, weil er der Regierung deutlich näher stand.

Juristisch war dieses Vorgehen in Ordnung, denn die Regierung hatte keine Verpflichtung den Wahlsieger zum Bürgermeister zu ernennen. Allerdings war sie verpflichtet einen der drei Erstplatzierten zu ernennen und das wurde bei der nächsten Wahl 1836 zu einem echten Problem für du Thil. Denn nicht nur, dass Hoffmann erneut die Wahl gewann, auch dem zweitplatzierten Andreas Darmstädter wurden Kontakte zu liberalen Kreisen nachgesagt, speziell zu Hoffmann. Nun musste man den Drittplatzierten, Georg Brust, ernennen, obwohl dessen fachliche Eignung von der Regierung selbst bezweifelt wurde. Du Thil nannte ihn „ein notwendiges Übel“. Lieber wollte man Unfähige auf dem Posten haben als Fähige mit eigener Meinung.

Auch durch diese Willkür der Regierung stieg die revolutionäre Stimmung in der Bevölkerung an. An die Stelle der erneut verbotenen Zeitungen traten illegale Flugblätter und Druckblätter, von denen der Hessische Landbote nur das berühmteste ist. Die radikalen Positionen unter der liberalen-demokratischen Bewegung bekamen mehr und mehr Anhänger. Georg Büchners früher Tod im Exil und der nur wenige Tage spätere Tod Friedrich Ludwig Weidigs in einem Darmstädter Gefängnis sowie die wenig fairen Hochverratsprozesse gegenüber ihren Unterstützern waren der notwendige Katalysator für die Bewegung, der den Konflikt weiter anheizte, bis er zwangsläufig eskalierte.

Ebenfalls in diese Zeit fällt übrigens der Datterich, den Ernst Elias Niebergall 1841 schrieb. Anders als heute gerne kolportiert wird, bildet die Lokalposse die Lebensrealität des Darmstadts dieser Zeit nur sehr bedingt ab. Wer das Stück einmal gesehen oder gelesen hat, dem ist vielleicht aufgefallen, dass die einzigen Figuren, die kein Dialekt sprechen, die beiden Polizeidiener sind, die kurz im Sechsten Bild/Siebte Szene auftreten. Das war keineswegs Niebergalls ursprüngliche Absicht, sondern wurde von der Zensur so verlangt. Man sieht also, welch absurde Stimmung der Unterdrückung freier Sprache und freier Gedanken geherrscht haben muss, wenn die Staatsmacht glaubte schon bei solchen vollkommenen Harmlosigkeiten einschreiten zu müssen.

Die Februarrevolution 1848 in Frankreich löste letztendlich auch in Deutschland die Revolution aus. Im März kam es zu ersten Ausschreitungen auf den Straßen von Darmstadt, kurz darauf zu Massendemonstrationen. Der Großherzog machte schnell weitreichende Zugeständnisse, um die Wogen zu glätten. Am 5. März entließ er erst den von den Liberalen verhassten Karl du Thil und ernannte im Gegenzug seinen Sohn Ludwig III. zum Mitregenten. Dieser war bis dato beim Volk sehr beliebt. Vor allem aber hatte er durchaus Sympathien für liberale Ideen und war deshalb der große Hoffnungsträger der Aufständischen. In einer seltsam widersinnigen Begeisterung wurde er schon König aller Hessen genannt.

Die Darmstädter Bevölkerung war aber keineswegs durchweg begeistert von den politischen Veränderungen. Im Gegenteil: viele bevorzugten die alte Ordnung der konstitutionellen Monarchie. Dieser recht große und einflussreiche Teil der Darmstädter, die am alten Status Quo festhalten wollten, sorgte in der liberalen Presse für ätzenden Spott, der den Ruf Darmstadts unter Demokraten dauerhaft ruinierte. Von „Untertanentreue“, „Staatsdienerkolonie“, „deutschem Gehorsam“ , „Demokraten-Fressern“ und einem Ort, wo „drei Leute eine gefährliche Zusammenrottung“ darstellen, ist da die Rede, aber auch von „bleierner Langeweile“ und „öden Plätzen“, wo man „das Gras wachsen hören“ könnte. Trotz aller Veränderungen im Landtag, der Regierung und selbst beim Staatsoberhaupt muss Darmstadt gewirkt haben, als würde man dort die Revolution einfach ignorieren. Während 30 km entfernt in der Paulskirche die Frankfurter Nationalversammlung tagte, ging das ruhige, langweilige Leben mehrheitlich ausgedienter Staatsdiener in der großherzoglichen Residenzstadt nahezu ungestört weiter wie bisher. Dass man du Thil einmal die Scheiben einschmiss, war da schon eines der radikalsten Ereignisse.

Darmstadt blieb eine Bastion der Reaktion. Bei der Stadtratswahl im Februar 1849 gewannen die Kandidaten der Monarchieanhänger eine knappe Mehrheit. Als Ende 1849 bei der Wahl zum Landtag auch aufgrund eines nach demokratischen Prinzipien reformierten Wahlgesetzes eine Zweidrittelmehrheit für die Demokraten zustande kam, hatte Darmstadt sich für reaktionäre Kandidaten entschieden.

Ein letzter Lichtblick für die demokratische Bewegung war der Sommer 1850. Die Regierung hatte mal wieder den Landtag willkürlich aufgelöst, weil ihr das Wahlergebnis nicht gepasst hatte und begann die durch die Revolution erlangten Rechte einzuschränken. Wohl als Trotzreaktion darauf wählten die Hessen fast nur demokratische Abgeordnete in den Landtag, auch Darmstadt. Doch damit war ein Machtanspruch verbunden, der nach der mittlerweile gescheiterten Revolution nicht mehr durchsetzbar war. Ende September wurde der Landtag erneut aufgelöst, politische Vereine und Verbindungen verboten und die Pressefreiheit weitgehend eingeschränkt. Damit es auch im Landtag wieder so zuging, wie es der Großherzog wollte, führte man ein Dreiklassen-Wahlrecht nach preußischem Vorbild ein.

Überhaupt: der Großherzog. Ludwig II. überlebte die kurze Zeit der Doppelregentschaft mit seinem Sohn nicht lange. Er starb noch 1848. In Ludwig III. hatten gerade die Demokraten große Hoffnung. Er schien nicht so starrsinnig an vergangenen Zeiten festhalten zu wollen wie sein Vater. Am Ende seiner Regierungszeit stand das Großherzogtum dagegen reaktionärer da als bei Einführung der Verfassung 1820.

Auch der Darmstädter Stadtrat wurde fortan per Dreiklassenwahlrecht gewählt. Zudem wurde der Bürgermeister nun gar nicht mehr von den Bürgern gewählt. Die Staatsregierung wählte ihn ganz nach eigenem Gutdünken aus den Ratsmitgliedern aus. Folge dieses neuen Systems war nicht nur ein äußerst reaktionär besetzter Stadtrat, sondern auch eine dramatisch gesunkene Wahlbeteiligung. Wer keine Wahl hat, wählt eben erst gar nicht.

Und das sollte uns gerade jetzt, wo Bundes- und Landtagswahlen unmittelbar bevorstehen, zu denken geben. Oft wird die sinkende Wahlbeteiligung beklagt. Hauptsächlich, weil es jedem Politiker klar ist, dass das ein Legitimationsverlust ist, ganz egal, wie deutlich sein Wahlsieg auch ausfällt. Man macht es sich dann aber gerne zu leicht, wenn man sagt, dass man sich ja selbst politisch betätigen kann und sollte. Das mag dann zutreffen, wenn es um ein einzelnes Individuum geht oder wenn man selbst vor der Frage steht, ob man sich engagieren will oder nicht. Gesamtgesellschaftlich überwiegt aber eine Art „Gesetz der großen Zahlen“, das vorgegebene System bedingt die Wahlbeteiligung viel mehr als die Entscheidung einzelner Individuen.

Statt immer nur darüber zu jammern, wäre ein erster Schritt vielleicht die Angst auf zu viel Diskussion und Meinungen abzulegen und sich von den fadenscheinigen Argumenten zu verabschieden, die gegen Parlamente mit wechselnden Mehrheiten oder für die mit der repräsentativen Demokratie eigentlich unvereinbaren 5%-Hürde sprechen. Auch wenn dann zweifelsfrei so mancher Idiot leichter ins Parlament kommt, gerade an Darmstadt kann man sehen, dass der Fall der 5%-Hürde auf kommunaler Ebene keineswegs der politischen Kultur geschadet oder gar ins Chaos geführt hat. Nur ist es damit alleine eben noch nicht getan. Hätten beispielsweise die Grünen bei der letzten Wahl den Mut gehabt auf wechselnde Mehrheiten zu setzen, wäre der katastrophale „jetzt halt dasselbe bloß in Grün“-Eindruck nie entstanden. So aber dürfte die Wahlbeteiligung weiter sinken, weil der Eindruck, dass es offenbar egal ist, wen man wählt, gar nicht so falsch ist. Und wer keine Wahl hat, der wählt eben nicht.

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One Response to Darmstadt und die Revolution

  1. Danke schön! Auf Ernst-Emil Hoffmanns Spuren bin ich auch grade in Sachen Büchner: er war ein entfernter Verwandter (der Reinheimer Großvater Büchner war in dritter Ehe mit einer Hoffmann verheiratet) und der Vermieter der Büchners in Darmstadt. Sein Haus in der damals Oberen Baustraße habe ich kürzlich erst identifizieren können; dazu folgt in Kürze eine Veröffentlichung.

    Vater Ernst Büchner, Obermedizinalrat in Darmstadt, hat sich, offenbar genötigt durch die oben beschriebenen Verhältnisse, in der Zeitung öffentlich gegen die Unterstellung verwehrt, seine Söhne Ludwig und Alexander wiegelten in Oberhessen die Bauern auf – was sie taten: beide waren eifrige Autoren in August Beckers „Jüngstem Tag“ und betrieben eine Art Wählerinitiative für Carl Vogt, der dann auch in die Paulskirche einzog.

    Und in den oben beschriebenen „Revolutionslandtagen“ 1849/50 sassen August Becker und Wilhelm Büchner zusammen. Becker blieb auch danach Abgeordneter, bis er in die USA auswanderte, Büchner wurde nach den neuen, alten Regeln erst mal nicht wieder gewählt.

    Auf dem Alten Friedhof steht gleich rechts in der Haupteingangsallee Hoffmanns Grab mit seiner Büste.

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