Der Brief Simon Leisrings an Landgraf Georg II.

Einer der wenigen ungeschönten Augenzeugenberichte aus dem Darmstadt des 17. Jahrhunderts ist der verzweifelte Hilferuf des damaligen Superintendenten Simon Leisring, den dieser am 19. Februar 1635 an den damals regierenden Landgrafen Georg II. schickte, der sich aufgrund des 30-jährigen Krieges mit seinem Hof und seinem Verwaltungsapparat im deutlich besser geschützten Gießen verschanzt hatte.

Es ist ein bestürzend eindringliches Dokument, macht es doch die Schrecken des 30-jährigen Krieges deutlich, fernab der überhöhten Darstellungen von zentralen Figuren wie Wallenstein, wie sie immer wieder betrieben werden und dabei an der Wirklichkeit des Krieges weit vorbeigehen, da sie sich letztendlich nur mit den politischen Folgen beschäftigen.

Nach einigen Höflichkeitsfloskeln und einer Klage über den Nahrungsmangel beschreibt Leisring die Situation in der Stadt:

„Heute diesen Tag habe ich 41 Personen uf den Gottesacker tragen lassen, und läufet nun die Anzahl deren, die bishero vom 01. Januarii dieses 1635. Jahres allhier begraben worden, uf 600. Nicht gerechnet, was um die Stadt herum begraben oder aus der Stadt hinaus ufs Land ganz oder halb Tod getragen und geführet worden.“

An einem einzigen Tag sind also 41 Leute begraben worden, innerhalb der ersten 6 Wochen des Jahres gar 600, in einer Stadt mit etwa 2.000 Einwohnern! Dass sie nicht die Letzten sein werden, macht Leisring danach deutlich:

„Und scheinet, daß gleiches Prognostikon [etwa: Vorsehung/Vorzeichen] der gerechte Gott auch dieser Stadt gestellet habe, sintemal darinnen jetzo über 500 krank liegen, in manchem Hause 4, 5, 6 bis uf 10 und 12 Personen.“

Medikamente irgendeiner Art, und sei es nur zur Schmerzlinderung, seien in der Stadt nicht mehr vorhanden. Doch es ist nicht allein die Pest, die die Stadt heimgesucht hat, vor allem die durchziehenden Armeen sorgen für Unheil. Am 3. Januar hatten französische Regimente die Stadt besetzt und sich von den Bürgern versorgen lassen. Es gab daher nicht nur Pesttote, sondern viele verhungerten auch oder erfroren in dem bitterkalten Winter.

Leisring beschreibt seine Hoffnung, als die Franzosen am 14. Februar die Stadt endlich verließen, doch nur zwei Tage später erreichten kaiserliche Truppen die Stadt. Das waren eigentlich Verbündete! Doch die Sinnlosigkeit des Krieges wurde hier besonders deutlich, denn die Verbündeten führten sich noch viel schlimmer auf als die Feinde. In finsterster Nacht stürmten sie mit 1.000 Reitern und 120 Musketieren die Stadt, wo sie:

„…dann viel Häuser, sonderlich in der Vorstadt, mit Gewalt ufgeschlagen, geplündert, die Leute gepeinigt, verwundet, ranzionieret [d.h. als Geisel genommen, bis ein bestimmter Geldbetrag gezahlt wurde], der Bürger- und Bauerschaft die übrigen Pferde geraubet und unterschiedene eheliche Weibspersonen in Häusern und auf der Gassen geschändet worden.“

Man muss sich das klarmachen: die verbündete Armee überfällt bei Nacht und Nebel die Stadt, raubt und brandschatzt, stiehlt das letzte bisschen, was die Menschen noch zu ihrem Leben gebrauchen könnten, und vergewaltigt die Frauen, teils auf offener Straße. Der Geistliche Leisring beschwert sich über dieses Verhalten beim Kommandanten, der erwidert lapidar:

„es sei aus unterschiedenen Regimentern kommandiert Volk und unter denselben Spanier, Neapolitaner, Burgunder, Italiener etc., die man nicht also in Zaum halten könnte.“

Die Offiziere haben also ihre eigenen Leute nicht im Griff und haben auch kein Interesse daran sie zu disziplinieren. Hier kommt das ganze Grauen des Krieges zum Vorschein, denn das war kein Einzel- sondern der Normalfall. Um die Truppe bei Laune zu halten, durfte man sie nicht am Rauben und Vergewaltigen hindern. Offene Feldschlachten mit anderen Armeen gab es übrigens nur selten.

„Der Soldat aber ist sehr hungrig, und liegen zu 10 bis 20 in einem Hause. Und da gehet denn das Spiel an: die Bürger, so noch gesund sein, gehen aus den Häusern oder verraten, wo noch was übrig ist, da denn der Soldat drauf gedenket, entweder mit Gewalt oder mit List in solche vermeinte wohlhabende Häuser einzubrechen oder einzusteigen.“

Schließlich bittet Leisring den Landgraf flehend, dass er für Abhilfe sorge, doch Georg II. war von der Situation völlig überfordert. Gerade an diesem Brief sieht man, dass der Krieg längst komplett außer Kontrolle geraten war und nichts mit den schön geordneten Darstellungen zu tun hatte, die man in Geschichtsbüchern findet und Fernsehdokumentationen sieht. Es war kein Krieg, der mit Strategien und Taktiken auf Schlachtfeldern zwischen Armeen ausgefochten wurde, es war ein Überlebenskampf in einer Welt, in der es keine Regeln mehr gab.

Und das war erst der Anfang des Jahres 1635, dem wohl katastrophalsten Jahr der Geschichte Darmstadts. Die Einwohnerzahl halbierte sich und weil die Felder unbestellt blieben, folgte auf die Pest der Hunger. Den Winter 1635/36 versuchte man zu überstehen, indem man Brot aus Eicheln und Mispeln backte. Zur Deckung des Fleischbedarfs aß man Pferde, Hunde, Katzen und Ratten. All das nützte nichts. Ein Augenzeuge berichtet:

„Darob verschmachteten gar viele Leute dermaßen, daß nichts als Haut und Bein an ihnen blieb; die Haut hing ihnen am Leibe wie ein Sack, sie waren ganz schwarzgelb, mit weiten Augen, geplackten Zähnen, grindig, krätzig, gelbsichtig, dick geschwollen, fiebricht, daß einem grauete, einen Menschen anzusehen.“

Und all das ausgelöst, weil sich ein paar wohlfeile Adlige nicht einigen konnten, wie genau denn nun die Lehre eines Wanderpredigers, dem Barmherzigkeit besonders wichtig war, zu interpretieren ist.

Leisring endete übrigens auch tragisch. Er starb rund vier Monate nach seinem Brief an den Landgrafen am 24. Juni 1635 an der Pest.

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