Warum es hier dieses Jahr bislang nichts Richtiges zu lesen gab (und ein paar andere Dinge)

Ich hab mir mal ein paar Gedanken darüber gemacht, wie es jetzt hier weitergeht und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass ich wohl den ganzen Sommer hindurch noch nichts machen werde und dann so irgendwann ab September hoffentlich wieder regelmäßig zum bloggen komme. Ein paar Dinge, die mir dazu durch den Kopf gegangen sind und auch einige Gründe, weshalb ich in letzter Zeit hier nichts gemacht habe, will ich trotzdem jetzt schon mal in freier Assoziation erwähnen, ohne groß über eine sinnvolle Struktur nachgedacht zu haben. Anders gesagt, dieser Eintrag dürfte an verschiedenen Stellen etwas wirr und durcheinander wirken, was ich zu entschuldigen bitte, aber teilweise erklärt dieses Durcheinander auch, warum ich hier dieses Jahr praktisch noch nichts gemacht habe.

Echo-Online und die Dummbachs

Zunächst war ich und bin ich bis heute ziemlich genervt von den Leser-Kommentaren auf Echo-Online. Im Datterich gibt es nur einen Dummbach und selbst dessen skurrile Schlussfolgerungen aus allerlei Zeitungsmeldungen sind weniger bekloppt als das, was man beim Echo regelmäßig zu lesen bekommt. Immer dieselben 5 bis 10 Pfeifenköpfe bringen es fertig, zu beinahe jedem Thema dieselben verblödeten Meinungen zu wiederholen als wären sie großartige Erkenntnisse, die der Welt unbedingt mitgeteilt werden müssten. Besonders schlimm sind Meldungen, in denen es entweder um Muslime, Ausländer, Obdachlose oder Jugendliche geht. Sehr in Mode ist zurzeit völlig zusammenhangslos den Titel des ausländerfeindlichen und wissenschaftlich haarsträubend inkompetenten Buches von Thilo Sarrazin zu zitieren und dann zu meinen, man hätte damit etwas Großartiges gesagt.

Manch einer wird diesen Typus Mensch aus Kneipen, Familientreffen oder gelegentlich auch einfach von der Straße her kennen, jemand, der meint, der Welt mitteilen zu müssen, was seiner Meinung nach die Wahrheit ist, die man aber angeblich nicht aussprechen dürfte, obwohl man sie ständig und nahezu überall ungefragt und ungewünscht auf die Nase gebunden bekommt. Dabei ist die einzige Wahrheit, die man an diesem Tag erfährt, dass der laute Schreier ein unangenehm banaler Mensch ist, überfordert von einer Welt, die er verzweifelt zu begreifen versucht und immer wieder daran scheitert. Online scheinen sich solche Leute gerne zusammenzurotten.

Man könnte das von der humorigen Seite aus sehen, denn diesen Typus Mensch (oder Bürger?) hatte Niebergall mit Dummbach bereits im Datterich persifliert. Schon bei der Diskussion um Sarrazin hatte ich ja angemerkt, dass er viel mit Dummbach gemeinsam hat, so war doch auch Dummbach schon fest davon überzeugt: „in fufzig Johr sinn mer all Derke!“. Das Schlimme aber ist, dass diese Leute in Internetdiskussionen schnell die Wortführerschaft übernehmen, während sinnvolle und differenzierte Diskussionen dahinter verschwinden und gar nicht mehr stattfinden. Ich hab das tatsächlich mal versucht, aber jeder Versuch, eine sinnvolle Diskussion zu starten, wird von etwa einem Dutzend Schreihälsen überlagert, die einfach nur Plattitüden, Klischees, Vorurteile und nicht selten auch ganz konkrete Beleidigungen von sich geben.

Da hat man schnell keine Lust mehr und mittlerweile habe ich es aufgegeben, auch bei Themen, die mich interessieren, zu lesen, was da so in den Kommentaren auf Echo-Online geschrieben wird. Der Punkt aber ist, dass das immer Artikel und Themen waren, in denen es im engeren oder weiteren Sinn um Darmstadt ging und da hatte ich dann die Lust verloren, mich gedanklich mit dieser Stadt zu beschäftigen. Das war einer der Gründe, warum ich in letzter Zeit hier nichts mehr gemacht habe. Man hat bei so was schnell den Eindruck, dass man nur von Deppen umgeben ist (was natürlich nicht stimmt).

Zu viel Zirkus um den Zirkus

Viel ist ja in den letzten Monaten auch nicht geschehen. Am ehesten wäre da wohl der Zirkus um den Zirkus zu nennen, eine eher anachronistisch wirkende Diskussion, die in zu scharfem Ton und mit zu vielen Vorurteilen auf beiden Seiten geführt wird. Nicht, dass ich wieder falsch verstanden werde: ich halte es durchaus auch für unmöglich, dass Großwild in einem Zirkus artgerecht gehalten werden kann, aber die komplette Ignoranz, Selbstgefälligkeit und sich selbst über Rechte Anderer hinwegsetzen, wie es von einigen Stadtverordneten und sogar Magistratsmitgliedern in dieser Sache an den Tag gelegt wurde, war sicher wenig hilfreich und dürfte bei den Befürwortern solcher Tiershows schon allein aus Trotz die Meinung noch verfestigt haben.

Was mir am ehesten im Gedächtnis davon bleiben wird: wie auch an vielen anderen Stellen hatten in der Innenstadt Aktivisten auf eine Vorankündigung einen Aufkleber mit der Aufschrift: „Abgesagt. Wegen Tierquälerei“ geklebt. Das Plakat war aber hinter einer Glasscheibe geschützt und keiner der Mitarbeiter des Werbeflächenvermieters (keine Ahnung, ob das da die Stadt ist oder wer?) hatte es offenbar für notwendig gefunden, den Aufkleber zu entfernen. Statt dessen wechselte man in regelmäßigen Abständen das Plakat aus und so waren unzählige Veranstaltungen angeblich wegen Tierquälerei abgesagt worden, darunter unter anderem ein Auftritt des Rappers Moses Pelham. Das fand ich zum einen recht witzig, zum anderen aber auch sehr bezeichnend für die Leere und Austauschbarkeit solcher Diskussionen.

Eine Internet-Zeitung, deren Name nicht genannt wird

Was ist sonst noch erwähnenswert? Die Onlinezeitung, deren Name (hier) nicht genannt werden darf, gibt es auch noch, obwohl ich bis heute niemanden persönlich getroffen habe, der davon weiß. Schaut man sich mal so an, was die in den letzten Wochen und Monaten gemacht haben, findet man noch weniger Substanz als zu der Zeit, da es eine gewisse Diskussion um dieses Internetangebot gab. Dafür ist jetzt fast mehr Werbung als Inhalt zu finden. Einzig das Geschimpfe auf Gerhard Becker ist eine konsequente Konstante, bei der man ein bisschen den Eindruck hat, es wäre etwas Persönliches. Angesichts der Tatsache, dass Becker einer der wenigen ist, die sich juristisch gegen dieses Onlineangebot gewehrt haben (und offensichtlich Recht bekommen hat), dürfte das vielleicht auch wirklich so sein. Witzig nur, dass man immer noch gleich „Zensur“ schreit, wenn man eine Klage wegen einem veröffentlichten Artikel angedroht bekommt. Ich frage mich, ob die es wirklich nicht bemerken, dass sie sich ausgerechnet über das am lautesten beschweren, was sie selbst gemacht haben? Zumal ja das das einzige Mal war, dass sie wirklich Gesprächsthema in der Stadt waren. Ich wäre da ja lieber einfach mal still.

Ende November erhielt ich eine interessante Email von einer Frankfurter Journalistin, die gerade im Begriff war, neue Chefredakteurin bei besagter Zeitung zu werden. Nach einer Internetrecherche fühlte sie sich aber genötigt, bei mir anzufragen, was denn da genau gelaufen war. Ich habe dazu keinen Kommentar abgegeben, sondern lediglich auf das verwiesen, was an verschiedenen Stellen dazu im Internet zu lesen ist. Laut Impressum der Zeitung ist der Posten des Chefredakteurs seit November bis zum heutigen Tag vakant.

Frankenstein & Wikipedia

Eine andere Sache, die mich amüsiert hat, war, dass mein kleiner Blogeintrag über eine falsche Behauptung in zwei Wikipedia-Einträgen, den Weg in die Wikipedia selbst gefunden hat, wenn auch nur teilweise. Es ging dabei, um die schlichtweg falsche Behauptung der Literaturwissenschaftlerin Miranda Seymour, dass Mary Shelley kurz nach ihren Reisen durch die Region um Burg Frankenstein von „gods [making entirely] new men“ sprechen würde, was wiederum ein Hinweis darauf sein soll, dass Johann Konrad Dippel das historische Vorbild für Shelleys Frankenstein ist. Das Zitat ist zum einen vollkommen aus dem Zusammenhang gerissen und zum anderen ist die zeitliche Einordnung völlig falsch, was meiner Meinung nach Seymour nur sehr schwer entgangen sein kann, sofern sie Shelleys Tagebücher nicht nur willkürlich an einer Stelle aufgeschlagen und dann nur einen einzigen Halbsatz daraus gelesen hat.

Doch mal vom Inhaltlichen abgesehen, lustig finde ich, wie auf meinen Blogeintrag reagiert wurde. Irgendwer hatte nämlich in zwei Artikeln, den über Shelleys Roman und den über Johann Konrad Dippel, auf meinen Blogeintrag verwiesen und die Aussage Seymours relativiert. Nun ist es aber so, dass die Regeln von Wikipedia zur Qualitätssicherung unter anderem besagen, dass Blogs nicht als Quelle dienen dürfen, genauso wenig wie Book-on-Demand-Veröffentlichungen, sondern nur Bücher, die bei „richtigen“ Verlagen veröffentlicht wurden. Hintergrund ist, dass in einem Blog ja jeder Depp den größten Unsinn schreiben kann. Wie fehlerbelastet diese Vorgehensweise jedoch ist, zeigt dieses Beispiel, denn was in der „seriöseren“ Buchveröffentlichung steht, ist leicht widerlegbarer Unsinn. Und hierbei ist es besonders ungeschickt, weil die eigentliche Aussage nicht als Meinung Seymours gekennzeichnet ist, sondern als Tatsachenbehauptung.

Es ist eines der Kernproblematiken der Online-Enzyklopädie, doch was amüsant ist: in dem Artikel über Johann Konrad Dippel wurde der Verweis auf meinen Blog aus Qualitätssicherungsgründen wieder entfernt, im Artikel über den Roman ist er erhalten geblieben und zwar wortwörtlich, wie er zuvor auch beim Dippel-Eintrag stand. Im Zweifelsfall ist eben alles wahr. 😉

Cill Rialaig

Im Herbst war ich in Kerry gewesen, nebenbei bemerkt eine empfehlenswerte Jahreszeit, denn nicht nur die satten Herbstfarben auf der sonst so grünen Insel sind sehenswert, Kerry ist vor allem in dieser Jahreszeit nicht so hoffnungslos von Touristen überlaufen wie zur Hauptsaison. An manchen Stellen etwas abseits des berühmten Ring of Kerry kann man tatsächlich völlig allein sein.

Auf der Hinfahrt hatten wir einen eher unangenehmen Unfall. Nichts Schlimmes passiert, aber eines der Autos (wir waren mit zweien unterwegs) war nicht mehr fahrtüchtig, was dazu geführt hat, dass wir viel zu Fuß unterwegs waren, weil einfach nicht alle in ein Auto gepasst haben. An einem Tag hatten wir beschlossen nach Cill Rialaig hinaufzulaufen. Cill Rialaig ist ein uraltes Dorf auf einer Klippe über der Ballinskelligs Bay, das im späten 18. Jahrhundert aufgegeben wurde und danach zerfiel. Mitte der 1990er restaurierte man einige der Gebäude und machte sie wieder bewohnbar, andere blieben als Ruinen stehen. Seither dürfen in den bewohnbaren Gebäuden Künstler umsonst wohnen, um dort in Ruhe an ihren Werken zu arbeiten, sich untereinander auszutauschen oder einfach von dem Ort inspirieren zu lassen.

In einer der Ruinen befindet sich ein Kreis aus Steinplatten, auf denen ein Gedicht steht. Dadurch, dass das Ganze im Kreis angeordnet ist, kann man bei jeder Zeile beginnen und je nach dem, wo man beginnt, ergibt sich ein leicht anderer Sinn bzw. andere Interpretationsmöglichkeiten. Eine mögliche Interpretation ist, dass das Gedicht von den Menschen handelt, die dort gelebt haben, und die nun verschwunden sind, nicht einfach, weil sie gestorben sind, sondern weil niemand mehr Geschichten von ihnen erzählt.

Es hatte sicher etwas damit zu tun, dass wir den ganzen Tag durch die einsame Landschaft gelaufen sind, angefangen bei einem Sandstrand in einer kleinen Bucht, von dem aus man einen einmaligen Blick über die „far famed Kerry mountains“ hat, und ständig den Atlantik zur Linken, während man die Klippe hinaufsteigt, aber ich hatte, als ich das Gedicht in diesem Steinkreis las, einen seltenen Ausbruch der Irrationalität, einen kurzen Moment der Entrücktheit von der Welt und fühlte mich den Menschen, die dort in diesem Dorf vor Jahrhunderten (teilweise mehr als ein Jahrtausend) gelebt haben und gestorben sind, auf seltsame Weise nahe, fast wie eine geistige Verbindung.

Alles ist Geschichte

Das Ganze hielt natürlich nur ganz kurz an. Ich habe zu lange in unserer Zivilisation gelebt, um bei einem Fußmarsch durch karge Landschaft zum verrückten Einsiedler zu werden. Was aber von diesem Moment blieb, ist die feste Überzeugung, dass Menschen nicht durch Fakten existieren, sondern durch die Geschichten, die man über sie erzählt. Fakten sind ja nur verständlich, wenn man sie in einem geordneten Zusammenhang bringt, sonst sind sie – frei nach T.S. Eliot – Information ohne Wissen (es sei mir verziehen, korrekt und inhaltlich plausibler heißt das Zitat natürlich: „Where is the knowledge we have lost in Information„, eine im Internetzeitalter seltsam aktuell wirkende Aussage).

So sehr wir uns auch an Fakten halten, Geschichte wird erst verständlich und nachvollziehbar, wenn wir sie in Geschichten erzählen. Der Mensch muss Geschichten erzählen, um die Welt zu begreifen. Und je nach dem, wer diese Geschichten wie erzählt, verändert sich unser Bild von der Geschichte. Man denke nur an Nero. Obgleich die Vorstellung von dem Irren, der mit der Leier das brennende Rom besingt, längst als spätere Propaganda widerlegt ist, mit der man u.a. den Dynastiewechsel rechtfertigen wollte, ist das das Bild, das bis heute selbst in angeblich seriösen Geschichts-Dokumentationen vorherrscht. Richard III. erging es ähnlich. Auch er ist nachweislich ein Opfer der Propaganda geworden, um den Dynastiewechsel zu den Tudors zu rechtfertigen. Shakespeare orientierte sich an dieser Propaganda und manifestierte so das Bild von Richard, wie es bis heute vorherrscht. Die Geschichten, die Cäsar über die Kelten und Germanen erzählte, prägen bis heute unser Bild dieser Völker, trotzdem die Archäologie sie an vielen Stellen als falsch widerlegt hat.

So gesehen gibt es dann natürlich so etwas wie objektive Geschichte nicht. Mit der Art und Weise, wie wir Geschichten über die Geschichte erzählen, wollen wir immer auch ein Statement über die Gegenwart und über unsere heutige Gesellschaft machen. Und so wird sich mit jeder Generation die Geschichte verändern, obwohl sie doch nur auf eine Weise geschehen sein kann.

Die verlorenen Menschen

Warum ich das jetzt alles hier erwähne, und damit komme ich endlich wieder auf Darmstadt und diesen Blog zurück: ein weiterer der Gründe, weshalb ich hier in letzter Zeit nichts gemacht habe, ist auch, weil mir alles so nicht mehr gefallen hat. Wenn man sich mit der Geschichte Darmstadts beschäftigt, stößt man in den meisten Büchern auf die immer gleichen Geschichten, nicht wenige davon sind blanker Unsinn, andere sind feige dem landgräflichen/großherzoglichen Haus Honig ums Maul geschmiert (und das erschreckenderweise auch nach 1918 noch bis ins 21. Jahrhundert hinein). Kurios auch der in Darmstadt mit Inbrunst gepflegte, fast schon schizophrene Spagat, gleichzeitig die Großherzöge genauso zu verehren wie Georg Büchner. Was meistens – und je weiter man in der Geschichte zurückgeht – vergessen wird, sind die Geschichten der einfachen Menschen. Es sind aber diejenigen, über die keine Geschichten mehr erzählt werden, die mich interessieren. Das, was vergessen wurde.

Wenn man da ein wenig zu suchen beginnt, stellt sich die Geschichte oft anders dar. Nur ein Beispiel: man hat den Eindruck, dass die Hexenverfolgung eine ziemliche eindeutige Sache war. Hin und wieder soll es mal einige wenige Mutige gegeben haben, die sich dagegen ausgesprochen haben, aber im Großen und Ganzen war es ein Massenphänomen, das den Großteil der Bevölkerung erfasst hatte. Auch am Darmstädter Beispiel scheint das auf dem ersten Blick so, immerhin glaubte nicht nur der Landgraf und die Stadtoberen fest an die Existenz der Verschwörung einer Hexensekte, sondern auch die einfache Bevölkerung beschuldigte sich fleißig gegenseitig, Teil dieser Verschwörung zu sein.

Dann gibt es aber dieses eine, von einem damaligen Theologiestudenten verfasste Dokument, in dem er die Hexenverfolgungen Georgs I. lobt und rechtfertigt, und zwar ausdrücklich auch um ihm „ein gut Gewissen“ zu machen. Das kann nicht anders erklärt werden, als dass es massive Kritik an Georgs Vorgehen gab. Doch wo ist diese Kritik in den Dokumenten? Auf den hessischen Synoden wurde sich teilweise über den Darmstädter Superintendenten Johann Angelus lustig gemacht, weil dieser ständig irgendwelche obskure, angebliche Fälle der Hexerei zur Sprache brachte, aber ansonsten hat man den Eindruck, dass alle diesen Quatsch mehr oder minder unwidersprochen hingenommen haben. Das Traktat des Studenten lässt dagegen anderes vermuten, nämlich eine massive, auch öffentliche Kritik an Georgs Vorgehen. Überhaupt lassen verschiedene Dokumente und Verhaltensweisen darauf schließen, dass Landgraf Georg I., der Dynastiegründer der Linie Hessen-Darmstadt, nicht für ganz voll genommen wurde. Thema in der Geschichtsforschung war das jedoch nie, obwohl es seit Mitte des 19. Jahrhunderts bestimmt mehrere Dutzend umfangreiche Abhandlungen über Georg gegeben hat.

Um es nach all diesem wirren hin und her auf den Punkt zu bringen: die Frage, die mich seit Monaten beschäftigt ist: wie muss man mit den Menschen und ihren Einfluss auf die Geschichte umgehen, über die sich die Geschichtsbücher ausschweigen? Uns fehlt das komplette Bild. Wir haben nur den Ausschnitt dessen, was jene der Nachwelt hinterlassen wollten, die aus den politischen und gesellschaftlichen Konflikten als Sieger hervorgegangen sind. Es ist eine Variante des alten Spruchs, dass die Sieger die Geschichte schreiben. Es fällt mir mehr und mehr schwerer, guten Gewissens zu ignorieren, dass ich mich mit nahezu allem, was ich über Darmstadt hier schreibe, auf die Arbeiten von Leuten stützen muss, die entweder Propaganda betrieben haben oder zu dumm waren, diese zu erkennen.

Aber wie soll man damit praktisch umgehen? Es gibt nun mal keine Dokumente, die den Vergessenen der Geschichte eine Stimme geben könnten. Sonst hätte man sie ja nicht vergessen. Eine Idee – geboren aus der Erkenntnis heraus, dass am Ende alles nur Geschichten sind – ist, das Ganze von einer erzählerischeren Perspektive her anzugehen. Das heißt neben den typischen Abhandlung auf Basis von Dokumenten und den historischen Arbeiten anderer auch immer mal wieder Geschichten in einem erzählenden Stil einzustreuen, die dadurch als auf historischen Ereignissen basierend, aber eben doch als fiktiv gekennzeichnet werden. Um sich so den Vergessenen der Geschichte anzunähern. Praktisch würde das aber bedeuten, dass man neue Mythen schafft. Und Mythen wird man schwer wieder los, wenn sie erst einmal in der Welt sind.

So habe ich bislang noch keine Lösung gefunden und das ist einer der Hauptgründe, weshalb hier zurzeit nichts geschieht. Ich werde weiterhin über das Konzept nachdenken und vielleicht irgendwann zu einer Lösung gelangen. Oder ich komme an einen Punkt, wo es mir egal ist, und ich dann entweder so weitermache wie bisher oder ganz damit aufhöre.

Für diejenigen, die es näher interessieren sollte, hier ein paar Impressionen von Cill Rialaig, sorry, die Fotos sind nicht sehr gut gelungen, die Lichtverhältnisse waren an dem Tag nicht gerade ideal für meine Billig-Digi-Cam. Einen kleinen Eindruck gibt’s aber vielleicht trotzdem. Vor Ort war der Blick atemberaubend. (Außerdem fand ich das Lied Skellig von Loreena McKennitt recht passend dazu. Skellig ist eine Insel, praktisch nur ein steiler Felsen im Meer nicht weit von Cill Rialaig entfernt. Auf Skellig befinden sich die Überreste eines im 6. Jahrhundert errichteten Kloster, das heute zum Weltkulturerbe der UNESCO zählt).

Tevion DC-14  Tevion DC-14Tevion DC-14
Tevion DC-14Tevion DC-14Tevion DC-14

 

 

Advertisements

2 Responses to Warum es hier dieses Jahr bislang nichts Richtiges zu lesen gab (und ein paar andere Dinge)

  1. spbrunner says:

    Schön dass Du wieder mal schreibst. Und, wie von mir nicht anders erwartet, Bedenkenswertes. Deine Überlegungen zu den verstummtern Quellen ist wertvoll und wichtig; viel mehr, als bei Berichten grundsätzlich nach „altera pars“ zu suchen, fällt mir dazu auch nicht ein. Vielleicht noch, was Günter Barudio sagt: „Geschichtsschreibung ist schon deshalb immer nur werdend, weil sie immer wertend ist“.
    Ich habe allerdings seit Tagen darauf gehofft, dass Du Dich zum – in Darmstadt bisher ungewöhnlich leise – beklagten Sterbefall aus dem Hause Rumpelheim äußerst. Ist Dir das zu blöde? Hast Du schon mal überlegt, wo die Leiche bleiben wird?
    Lass nicht nach!

    • ja, das hatte ich mir tatsächlich kurzzeitig überlegt, ob ich was dazu schreiben soll, aber zum einen wollte ich nicht ausgerechnet nur dafür die Pause hier unterbrechen, um über jemanden herzuziehen, der gerade gestorben ist. So pietätlos bin ich dann doch nicht. Zum anderen hielt sich der Unsinn in den Nachrufen ja vergleichsweise in Grenzen, mal abgesehen davon, dass man ihm wieder den Adelstitel, der ihm nie zustand, verpasst hat. Gut, teilweise stand auch was von wegen, dass er es sich zur Lebensaufgabe gemacht hätte, die kulturellen Werte der hessischen Fürstenhäuser zu erhalten. So kurz nach dem Holbein-Verkauf wirkt das schon ziemlich schräg und haarscharf an der Realität vorbei. In einem Artikel hab ich was von seinem Humor gelesen und dass er auch in schwierigen Situationen die Komik des Augenblicks erkannt hätte. Wenn das wirklich stimmt, dann hätte er über diesen Nachruf wohl herzlich gelacht.

      Aber ausgerechnet bei seinem Tod jetzt über ihn herzuziehen, hätte ich nicht gewollt. Vor 10-15 Jahren hätt ich so was vielleicht noch gemacht, so mit Mitte 20 hatte ich mal versucht, den Schreibstil von Hunter Thompson zu kopieren und von dem gibt’s ja einen berühmten Nachruf auf Nixon, in dem er ihn im Großen und Ganzen einfach nur wüst beschimpft, aber Nixon war ein ganz anderes Kaliber und ich bin kein wütender junger Mann mehr. 😉

      Beigesitzt wird der Rumpelheimer wohl in Kronberg, da findet laut einigen Meldungen zumindest Morgen die Trauerfeier statt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: