Kelten in Südhessen

Da ich zurzeit nicht so sehr den Antrieb für fundierte, aufwendigere Beiträge habe, mal ein paar lose Gedanken, die mir so durch den Kopf gegangen sind, ohne Anspruch auf vollständig historische Stichhaltigkeit.

Markus hatte die Tage einen interessanten Beitrag zu einem keltischen Goldring, der nahe Trebur gefunden worden war: http://www.tribur.de/blog/?p=22768. Das dort zu sehende Symbol, eine sogenannte Triskele, taucht nahezu überall im keltischen Siedlungsgebiet auf und ist auch heute noch eines der wichtigsten Symbole der neukeltischen Subkultur, die vor allem in Irland, Wales, Schottland und England in den vergangenen Jahrzehnten eine Art Renaissance erlebt hat. Leider wird die Triskele auch in der rechten Szene gerne verwendet, weshalb ich mich nie dazu durchringen konnte, dieses Symbol zu verwenden. Statt dessen trage ich – als Ausdruck meiner Verbundenheit mit Irland – eine historisch so nicht vorkommende Kombination aus Triqueta (die auch John Paul Jones verwendet) und keltischen Knoten, aber eigentlich sollte man den rechten Spacken nicht die Deutungshoheit über uralte Symbole überlassen.

Als ich anfing, mich näher mit dem Namen Darmstadt zu beschäftigen und aufhörte, den Quatsch vom Wildhübner Darimund hinzunehmen, der unreflektiert in allen Büchern über die Geschichte Darmstadts zu finden ist, stieß ich zunächst auf Sabais‘ etymologischen Erklärungsversuch des Namens Darmundestat als „Stätte am befestigten Durchgang“, den ich da als sehr plausibel empfand, der aber bei naher Betrachtung auch ziemlicher Quark ist. Irgendwann stieß ich auf den Deutungsversuch von Heinrich Tischner. Er leitete den Namen aus keltischen Sprachen ab: die Stätte am Eichenberg. Da dachte ich zuerst: was für’n Quatsch! und heute muss alles irgendwie von den Kelten sein, so wie bis ca. 1800 alles römisch sein musste (bis dahin glaubte man, Darmstadt sei eine römische Gründung, benannt nach Kaiser Trajan) und danach alles germanisch (wie der Franke Darimund).

Je mehr Zeit vergeht, desto verlockender erscheint mir die keltische Erklärung jedoch. Nicht, dass Darmstadt von den Kelten gegründet wurde, das wäre sicher ein Schritt zu weit, aber dass der Name keltische Wurzeln hat als Bezeichnung für die Erhebung östlich des ursprünglichen Siedlungskerns, sprich die heutige Mathildenhöhe/Rosenhöhe und ihre Ausläufer. Dort fand man im 19. Jahrhundert das reich ausgestattete Grab eines keltischen Kriegers.

Alles, was vor den Römern war, wird bei der Darstellung der Frühgeschichte Südhessens gerne ignoriert. Es gibt zwar massig keltische Funde, aber immer noch wirkt Cäsars politisch motivierte, ethnologisch aber schwachsinnige Unterteilung nach: westlich des Rheins siedelten die Kelten, östlich die Germanen. Dieser Unsinn wurde schon früh widerlegt, trotzdem sind historische Darstellungen über die Kelten östlich des Rheins aber selbst bis heute häufig auffällig oberflächig. Die Siedlungsgeschichte noch älterer Kulturen wurde sogar noch weniger beachtet. Dass es nahe Roßdorf einen bedeutenden Fund der Megalithkultur gibt, blieb erst lange unbemerkt und seit seiner Entdeckung bis heute weitestgehend ignoriert. Man muss sich das schon klar machen: der Steinkreis auf der Scheftheimer Wiese wirft das etablierte Bild der Megalithkultur teilweise über den Haufen! Lange Zeit ging man davon aus, dass diese sich gar nicht bis in unsere Gegend verbreitet hatte, weshalb man auch den Darmstädter Hinkelstein ohne Beleg zum natürlichen Objekt ohne kultische Bedeutung erklärt hat, mit allerlei unfreiwillig komischer Erklärungsversuche für die Indizien, die da nicht ins Bild passten.

Die Megalithkultur aber ist weit weg für uns. Wir kennen von ihnen nichts außer den großen Monumenten, die kaum mehr als ein in Stein gehauenes „I was here“ sind. Es wird zwar allgemein bestritten, dass es sich dabei um eine einheitliche Kultur gehandelt hat, der Fund des sogenannten Bogenschützen von Amesbury in Stonehenge, ein vermutlich aus der heutigen Schweiz stammender Mann, der bis nach England gereist sein muss, möglicherweise weil er auf eine religiös begründete heilende Wirkung des Ortes hoffte, legt dagegen einen zumindest grob einheitlichen kulturellen Überbau nahe, vergleichbar mit den viel späteren Kelten, die ja auch keineswegs ein Volk waren, sondern eigenständige Stämme mit einem grob einheitlichen kulturellen Überbau.

Der Einfluss der Kelten auf Südhessen wird üblicherweise als minimal angesehen, man nimmt eine nur sehr dünn besiedelte Landschaft an, die wie eine große Lücke zwischen dem traditionell als keltisch angesehenem Siedlungsgebiet westlich des Rheins und dem keltischen Siedlungsgebiet am Glauberg klafft, obwohl schon damals wichtige Verbindungsstraßen (oder zumindest Wege) in Südhessen vorhanden gewesen sein müssen.

Seit einiger Zeit kommt man endlich von diesem starrsinnigen Bild los, das die alten Kulturen von Kelten, Germanen und wie sie alle hießen immer als Quasi- oder Proto-Nationen darstellte, denen lediglich eine zentrale Regierungsgewalt fehlte. Die Erkenntnis, dass Kultur dynamischer und komplexer ist, als dass man strikt zwischen Völkern oder gar Nationen unterscheiden könnte, wird man früher oder später akzeptieren müssen. Auch Völker bestehen aus Individuen, die nicht abgeschottet von ihren „Nachbarn“ leben, sondern einen kulturellen Austausch betreiben. Vielleicht muss man dann auch den keltischen Einfluss auf Südhessen neu bewerten.

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One Response to Kelten in Südhessen

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