Anastasia und die mysteriöse Reise des Großherzogs

Am 17. Februar 1920 versuchte eine junge Frau sich durch einen Sprung in den Berliner Landwehrkanal das Leben zu nehmen. Zunächst verweigerte sie jegliche Angaben zu ihrer Identität. Später nannte sie sich erst Anna Tschaikowsky und dann Anna Anderson. Ihr tatsächlicher Name war vermutlich Franziska Schanzkowska bzw. Francisca Czenstkowska. Ab 1922 kam allerdings das Gerücht auf, sie sei in Wahrheit Anastasia Romanowa, eine Tochter von Zar Nikolaus II., die auf  wundersame Weise die Nacht vom 16. auf den 17. Juli 1918, in der die gesamte Zarenfamilie ermordet wurde, überlebt hatte. Ob sie dieses Gerücht selbst in die Welt setzte oder ob es ihr andere Leute, vor allem eine Mitpatientin der Psychiatrie, in der sie  untergebracht war, solange einredeten, bis sie es selbst zu glauben begann, ist nicht ganz klar.

Anderson war nicht die Einzige, die von sich behauptete, eine verschollene Zarentochter zu sein, aber die bekannteste. Theaterstücke, Hollywoodfilme und unzählige Bücher wurden über ihr Leben und ihre angebliche Herkunft produziert. Die Boulevardpresse schlachtete  das Thema über Jahrzehnte hinweg aus. Erst seit einem DNA-Test von 1994 scheint endgültig geklärt zu sein, dass Anna Anderson nicht die Zarentochter Anastasia war und diese sehr wohl bereits 1918 ermordet wurde. Bis zu diesem Zeitpunkt jedoch gab es heftige Debatten und unzählige Gerichtsverhandlungen, die die Identität Anna Andersons klären sollten. Immerhin ging es um eine Menge Geld aus den ehemaligen Besitztümern des Zaren, die Anastasia zugestanden hätten, hätte sie tatsächlich als Einzige die Mordnacht  überlebt. In diesen Streit wurde am Ende auch Großherzog Ernst Ludwig hineingezogen – wenn auch sozusagen post mortem.

Anna Anderson hatte 1925 behauptet, sie hätte Großherzog Ernst Ludwig zuletzt 1916 in Zarskoje Selo, dem heutigen Puschkin, damals die bevorzugte Residenz des Zaren, gesehen. Ernst Ludwig war der Bruder der letzten Zarin und somit Anastasias Onkel. Was zu Anfang wohl nur eines von vielen pseudobiographischen Details im Anastasia-Konstrukt war, entwickelte sich Jahrzehnte später zu einer historischen Debatte. Der Großherzog, einer der Fürsten des Deutschen Reiches,  soll mitten im 1. Weltkrieg in der Residenz des feindlichen Russlands geweilt  haben?

Natürlich, der Zar war sein Schwager, man sprach sich gegenseitig vertraut mit Ernie und Nicki an, aber die diplomatischen Verwicklungen, die ein solcher Besuch zur Folge gehabt hätte, ließen eine solche Reise unmöglich erscheinen. Auf der anderen Seite war der Großherzog tatsächlich in diplomatische Bemühungen involviert gewesen, die einen Separatfrieden mit Russland zum Ziel hatten. Eine geheime diplomatische Mission war wegen seiner engen verwandschaftlichen Verhältnisse zur Zarenfamilie nicht allzu weit hergeholt. Aufgrund der politischen Lage, so die Idee jener, die Anna Anderson für Anastasia hielten, musste dieser Besuch daher mit allen Mitteln  geheim gehalten und geleugnet werden.

Man trat 1925 an den einstigen Großherzog, der da noch lebte, mit dieser Behauptung heran, doch dieser ließ nur lapidar mitteilen, dass er während des Krieges nicht in Russland gewesen wäre. Dennoch schien er von den Gerüchten beunruhigt zu sein und ließ daher Nachforschungen zu Anna Anderson anstellen, deren Ergebnis es war, dass es sich bei der angeblichen Anastasia um eine polnische Fabrikarbeiterin namens Franziska Schanzkowska handelte, die nach einem Unfall in einer Munitionsfabrik, bei der sie eine Kopfverletzung erlitten hatte, in psychiatrische Behandlung gekommen war. An sich also keine große Sache. Doch im Zuge eines spektakulären Prozesses, mit dem Anna Anderson ihre „Personengleichheit“ mit  Anastasia beweisen wollte, betätigte sich ihr Anwalt Kurt Vermehren als Hobbyhistoriker und präsentierte ein gewaltiges Konstrukt aus Lügen, Vertuschungen und verstrickter Zeugenaussagen aus 2. Hand.

Vermehren argumentierte gegen den Historiker Professor Dr. Egmont Zechlin, der als Sachverständiger zu dem Prozess geladen worden war. Dieser sollte feststellen, ob Andersons Aussage, sie hätte den Großherzog 1916 in Russland  getroffen, zutreffen kann. Zechlin kam anhand historischer Dokumente und der Privatkorrespondenz des Großherzogs und der Zarin zu dem Schluss, dass dies ausgeschlossen ist. Vermehren widersprach. Und, was ungewöhnlich ist, führte die Debatte mit dem Historiker nicht etwa im Gerichtssaal, sondern in der Öffentlichkeit. Über Monate hinweg trugen Vermehren und Zechlin einen regelrechten Kleinkrieg in der Wochenzeitung Die Zeit aus. Neben der klaren Parteilichkeit Vermehrens entzündete sich der Streit vor allem daran, dass zwei  Vorstellungswelten aufeinander trafen. Auf der einen Seite war der Historiker, der sich mühsam durch Archive wühlte, um sich anhand staubiger Dokumente ein stimmiges Bild zu machen. Auf der anderen Seite der Jurist, der sozusagen  investigativ gezielt eine konkrete Frage anhand von Zeugenaussagen zu klären versuchte.

Da war zunächst Georg von Leuchtenberg, der Anderson eine Zeitlang bei  sich aufgenommen hatte. Er soll auf Ernst Ludwigs Leugnung, während des Krieges in Russland gewesen zu sein, erwidert haben:

„Und er war da, ich weiß es!“

Das zumindest behauptete eine Miss Smith, die sich als Pensionsgast in Leuchtenbergs Schloss aufhielt und überzeugt davon war, dass es sich bei Anderson um Anastasia handelte. Der nächste Zeuge war Dimitri Kotzebue Pilar, während des 1. Weltkrieges kaiserlich-russischer Gesandtschaftsrat in Oslo. Er hätte dem Großherzog einen Pass für seine Russlandreise besorgt. Dies behauptete Pilars Schwester. Ein russischer Oberst namens Lar Larski will den Großherzog an der finnisch-russischen Grenze erkannt haben. Dies soll er mündlich dem Prinzen Friedrich Ernst von Sachsen-Altenburg berichtet haben. Arthur von Buxhoeveden, Zeremonienmeister am Zarenhof, berichtete Nina von der Osten-Sacken von einem vierundzwanzigstündigen Besuch des Großherzogs in Zarskoje Selo. Rupprecht von Bayern, letzter bayerische Kronprinz, soll ebenfalls einmal von einem nicht näher benannten deutschen Fürsten gesprochen haben, der inkognito beim Zaren gewesen sei. Cecilie von Preußen wiederum gab gar eine eidesstattliche Erklärung ab, dass in „ihren Kreisen“ schon damals der Besuch des Großherzogs bekannt gewesen sei. Als Quelle nannte sie keinen Geringeren als ihren Schwiegervater Kaiser Wilhelm II. Und wenn der es nicht gewusst hatte, wer  dann?

Doch was fällt auf bei all diesen Zeugenaussagen?

Sie stammen alle nur aus zweiter Hand. Immer will irgendwer von jemand anderem, der es angeblich wissen muss, gehört haben, dass der Großherzog in Russland war. Die jeweiligen Gewährsleute waren jedoch zum Zeitpunkt von Vermehrens Recherchen ausnahmslos bereits alle gestorben, so dass keine dieser Aussagen überprüft werden konnte. Prof. Zechlin führte gegen dieses Sammelsurium von Hörensagen und Gerüchten reichhaltiges Quellenmaterial an, Korrespondenz zwischen dem Großherzog und seiner Schwester, die in der Zeit, in der er sich angeblich in Russland aufhielt, stattfand oder dokumentarische Vermerke, dass sich der Großherzog in Wolfskehlen oder beim Truppenbesuch in Verdun befand. Vermehren tut diese Belege als „Tarnung“ ab, weil der Großherzog möglicherweise als Vaterlandsverräter angesehen worden wäre, hätte die  Öffentlichkeit erfahren, dass er mit den Russen verhandelt.

Ist es also doch möglich? Oder anders gesagt: wie kam es überhaupt zu dem Gerücht? Nun, es war – auch hier – Hörensagen. Maurice Paléologue, damals Botschafter Frankreichs in Russland, berichtete im Jahr 1915 von Unruhen in Russland, weil die Bevölkerung der Zarin misstraute, zum einen wegen des großen Einflusses, den Rasputin auf sie hatte, aber auch, weil sie eine Deutsche war. Die gemeinsame Schwester der Zarin und des Großherzogs, Großfürstin Elisabeth Feodorowna, die nach der Ermordung ihres Ehemannes ein Kloster gegründet hatte, wurde gar für eine Spionin gehalten, die – und jetzt kommt es – den „Großherzog  von Hessen in ihrem Kloster beherberge“.

Das freilich war eine in jedem Fall absurde Vorstellung und zeugt eher von einem gewissen Maß an Kriegsparanoia. Dass sich der Großherzog über Wochen hinweg unbemerkt in einem russischen Kloster aufgehalten haben könnte, ist schlicht ausgeschlossen. Gleichwohl erschien dieses Gerücht am 11. Juli 1915 in einer etwas plausibleren Fassung im „Journal de Genève“, einer Genfer Tageszeitung. Ein Pariser (!) Korrespondent behauptet darin (zitert nach Prof. Zechlin):

Ich kann Ihnen heute ausdrücklich bestätigen, daß der Großherzog von Hessen, Bruder der russischen Zarin, in Petersburg eingetroffen ist. Es ist mir natürlich nicht möglich zu bekräftigen (affirmer), daß seine Mission in   Verbidung steht mit einem Sonderfriedensprojekt.

Es dürfte recht wahrscheinlich sein, dass die Zeitungsmeldung bewusst lanciert worden war, um die bis dahin geheim verlaufenden Versuche, zu einem Frieden mit Russland zu kommen, zu torpedieren. Tatsächlich belegt ein privater Brief des Großherzogs an seine Frau, dass er exakt an dem Tag, als dieser Artikel im Journal dè Geneve erschien, in Moyencourt war, also an der Westfront. Auch ein ebenso privater Brief der Zarin an ihren Mann vom 12. September 1915 belegt, dass die Gerüchte nicht zutreffen. Sie geht darin zuerst auf ein anderes, weit verbreitetes Gerücht ein, nämlich, dass Fürst Orloff auf Weisung Rasputins „entfernt“ worden sei und fährt dann fort (zitert erneut nach Zechlin):

Andere sagen, er lebe in Zarskoje Selo, genau wie sie früher behauptet haben, Ernie sei hier.

Ernie ist Großherzog Ernst Ludwig. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass sowohl der Großherzog als auch die Zarin ihre private Korrespondenz bewusst gefälscht hätten. Wir wissen also, dass Ernst Ludwig 1915 definitiv nicht in Russland war, damals aber schon europaweit verbreitete Gerüchte existierten, er wäre es. Dass Anna Anderson das Jahr 1916 nennt, dürfte nichts daran  ändern, dass diese Gerüchte der Ursprung ihrer Aussage waren. Auch für das Jahr 1916 existiert kein Zeitraum, in dem die Aufenthaltsorte des Großherzogs lange genug unbekannt wären, um ihm Zeit für einen Reise nach Russland zu geben. Man muss also schon eine groß angelegte Fälschung von Dokumenten, die nie zur  Veröffentlichung gedacht waren, annehmen, um eine geheime Russlandreise Ernst Ludwigs für möglich zu halten.

Der Streit hielt dennoch noch viele Jahre an. 1967, Vermehren war  mittlerweile gestorben, verhöhnt der neuen Anwalt von Anderson, Karl August Wollmann, den Historiker Zechlin, indem er meinte, der Professor würde wohl, selbst wenn der Großherzog zur Tür hereintreten und “Die Reise hat stattgefunden“ sagen würde, immer noch antworten, das könne nicht sein, weil die Dokumente dagegen sprächen. Eine Geisterbeschwörung des verstorbenen Großherzogs fand aber nicht statt und so konnte er auch nicht mehr dazu Stellung nehmen. Er hatte dies im Laufe seines Lebens jedoch mehrfach getan, wenn auch nur über Mittelsmänner. Niemals wäre er während des Krieges in Russland gewesen.

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2 Responses to Anastasia und die mysteriöse Reise des Großherzogs

  1. Marc says:

    Eines meiner Lieblingsthemen. Aber eigentlich nur, um vom damaligen Ruhm was für Darmstadt abzustauben. Denn Rasputin oder die Anastasia-Geschichte kennt jeder, nur nicht, dass die Zarin aus Hessen-Darmstadt kam.

    Da fällt mir ein, dass ich glaube mal gelesen zu haben, dass die Polizei des Volksstaats schon in den 20er Jahren – durch Ohrmuschelvergleiche – bewiesen haben will, dass die angebliche Anastasia ebendiese nicht ist.

    • Kann gut sein, auch für den Volksstaat stand ja einiges auf dem Spiel, da der Zar in Hessen Vermögenswerte hatte, die dem Volksstaat zugefallen waren und auf die evtl. die angebliche Anastasia Ansprüche gehabt hätte.

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