Halloween und die Burg Frankenstein

Ist ja grad wieder das Halloween-Festival auf Burg Frankenstein…

In Zeitungsartikeln und Selbstdarstellungen wird Halloween auf der Burg Frankenstein meist mit dem US-Soldaten Brian Hill begonnen, der 1976 die erste Halloween-Feier auf der Burg veranstaltet hatte und dies daraufhin über viele Jahre hinweg wiederholte. Tatsächlich beginnt die Geschichte aber schon sehr viel früher, nämlich 1952.

Zu einer Zeit, als Brian Hill noch nicht einmal geboren war, organisierte der Journalist John A. Keel, der später mit Büchern über paranormale Phänomene berühmt wurde, für das American Forces Network eine Halloween-Sondersendung Live von Burg Frankenstein. Laut einer Meldung in der europäischen Ausgabe von Stars & Stripes wollte man in der Halloweennacht beweisen oder widerlegen, ob etwas dran ist an der Legende, dass alle 100 Jahre die Burg von einem Monster auf der Suche nach seinem Mörder heimgesucht wird.

Kurioserweise gab es so eine Legende jedoch gar nicht. Sie taucht das erste Mal in eben dieser Zeitungsmeldung von 1952 auf und noch ein zweites Mal in erweiterter Form 1953, danach nie wieder. Der Grund dafür ist ganz einfach: John A. Keel hatte die Geschichte erfunden. Konzeptionelles Vorbild war Orson Welles berühmtes Hörspiel Krieg der Welten von 1938 und in kleinem Rahmen hatte Keel einen ähnlichen Erfolg. Auch Welles sah sein Hörspiel übrigens als Halloween-Streich.

Keel hatte nicht dieselben Produktionsmittel wie Welles, also produzierte er kein Hörspiel, sondern schickte einfach drei Journalisten auf die Burg Frankenstein, in deren Nähe er als Reporter für AFN stationiert war, denen er die von ihm erfundene Geschichte erzählt hatte, und ließ sie dort im Dunkeln mit einem Mikro herumschleichen, das Live über den Sender ging. Das Ganze hatte ein bisschen was vom Blair Witch Project. Der Witz daran war, dass die drei Reporter nicht eingeweiht waren, dass die Burg speziell für Halloween präpariert worden war.

Einen von ihnen, ein gewisser Carl Nelson, traf es besonders hart. Ihn steckte man mit einer schwachen Taschenlampe in die Burgkapelle (die man, um es dramatischer zu machen, Gruft nannte), ließ über einen Lautsprecher seltsame Geräusche abspielen und hatte ihm allerlei Gerümpel in den Weg gelegt, so dass er darüber stolpern musste. Nelson wird nervös und desorientiert, je länger die Sendung dauert, und als er schließlich auf einen als Frankensteinmonster verkleideten US-Soldaten in der Kapelle stößt, bekommt er Panik und versucht aus der Kapelle zu fliehen. Die jedoch hatte Keels Team von außen verschlossen. Daraufhin steigert sich Nelson so sehr in die Sache hinein, dass er kurzzeitig sogar das Bewusstsein verliert. Erst dann bricht Keel die Aktion ab.

Die Reaktionen auf die Sendung waren heftig. Noch in der Nacht riefen unzählige Hörer beim Sender an, um sich nach dem Gesundheitszustand Nelsons zu erkundigen. Die amerikanische Militärpolizei erschien auf der Burg und die englische Tageszeitung Daily Express berichtete bereits tags darauf prominent von den Ereignissen auf der Burg Frankenstein, die von nun an einem breiten englischsprachigen Publikum als die echte Burg Frankenstein, Heimat von Dr. Frankenstein und seinem Monster, galt.

Ein Jahr später taucht in Stars & Stripes noch einmal eine kuriose Meldung auf. Demnach wollten sich in der Halloween-Nacht mehrere Soldaten mit drei Bernhardiner-Suchhunden und zwei Affen auf die Suche nach dem Monster begeben, das sich in Tunneln unterhalb der Burg versteckt halten und alle 50 Jahre zu Halloween erscheinen soll. Mehr als diese eine Meldung konnte ich darüber nicht in Erfahrung bringen, aber klar ist, dass die Burg Frankenstein über die US-Soldaten in den USA viel früher als home of the monster Folklore geworden war, als üblicherweise angenommen wird.

Lange bevor man sich in Deutschland für die Ruine in dieser Weise zu interessieren begann, schlachtete man sie in den USA bereits touristisch aus. Regelmäßig erschienen Zeitungsartikel, die immer neue Legenden präsentierten, die vor Ort bei uns nie bekannt waren. Vor allem eine von der British Overseas Airways Corporation (BOAC) verbreitete Geschichte über den Kampf eines Ritters mit einem Monster, eine mit den filmischen Stilmitteln der frühen Frankenstein-Filme bis zur Unkenntlichkeit entstellten Version der Sage vom Ritter Georg und dem Lindwurm, fand weite Verbreitung. Hintergrund der Geschichte war einzig die touristische Vermarktung: die BOAC bot Interkontinentalflüge von den USA nach Frankfurt an.

Laut dieser Geschichte sollen im 16. Jahrhundert rund um die Burg Frankenstein Menschen, die sich nachts ins Freie trauten, am nächsten Morgen tot aufgefunden worden sein, ihre Leichen furchtbar verstümmelt. Die Bauern der Gegend beschlossen daher, Jagd auf den Mörder zu machen. Eines Nachts kamen sie auf ein Feld nahe des Waldes, als sich plötzlich der Mond verdunkelte. Sie
wandten sich um und sahen ein fürchterliches Monster, das seinen Schatten auf sie warf. Nach einer wilden Flucht baten sie Baron Frankenstein um Hilfe, der seinen Sohn, einen Ritter, losschickte, das Monster zu jagen.

Am nächsten Morgen fand man den enthaupteten Körper des Ritters in einem Teil des Waldes, der aussah, als hätte ein Sturm ihn verwüstet. Das Monster aber war verschwunden. In der Kapelle der Burg könnte man heute noch Überreste des Kampfes ausgestellt sehen, zusammen mit einer Büste des jungen Ritters, die jemand angefertigt haben soll, der ihn persönlich kannte.

Wenn man sich diese Geschichte genau ansieht, sieht man sehr deutlich, dass es der Versuch ist, die Sage vom Ritter Georg krampfhaft in ein Korsett zu pressen, das an einen Frankenstein-Film erinnert. In Deutschland kannte man diese Geschichte in dieser Version nie und kennt sie bis heute nicht. In den USA jedoch hatte sie einen nachhaltigen Erfolg. Schon lange bevor Brian Hill 1976 Halloween in Deutschland bekannt machte, stürmten amerikanische Touristen die Burg und fragten – sehr zur Verwunderung der einheimischen Bevölkerung – immer nach dem Monster. Von einem einzelnen Zeitungsartikel im Darmstädter Echo am 22. August 1970 abgesehen war das Monster für die deutsche Bevölkerung jedoch nie ein Thema. Anders als heute manchmal kolportiert wird, erzählte man sich keine Monstersagen.

Dies änderte sich erst mit dem Halloween-Festival von 1976. Schon 1979 war die Mehrzahl der Besucher Deutsche.

Hier kann man sich einen Ausschnitt aus der Halloween-Livesendung von 1952 anhören. Der Moderator behauptet allerdings fälschlicherweise, der Vorfall hätte es auf die Titelseite der London Times geschafft. Die Times hat sich für so einen Quatsch natürlich nicht interessiert, schon gar nicht auf Seite 1. Tatsächlich erschien die Meldung auf Seite 3 des Daily Express.

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2 Responses to Halloween und die Burg Frankenstein

  1. Pingback: FRankenstein – was dran ist und wie es begann | Verwickeltes

  2. Der Maestro says:

    Bei AFN selbst gibt es übrigens mittlerweile eine Version mit besserer Tonqualität, zumindest was den Moderator angeht:
    http://www.afneurope.net/Home/ArticleDisplayDD/tabid/649/Default.aspx?aid=29307

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