Aus dem Theaterleben 1927/28

Neulich hatte ich mir einmal Paul Kornfelds Text „Forschungsreise ins innerste Darmstadt“ zu Gemüte geführt. Kornfeld verarbeitete darin auf satirische Art seine Zeit als Dramaturg am Darmstädter Theater in den Jahren 1927/28, indem er es wie eine Expedition in eine ferne Kolonie weitab jeglicher Zivilisation darstellte.

Das Verhältnis der Darmstädter zu Kornfeld und umgekehrt war von Anfang an gespannt. Schließlich gipfelte es in einem Eklat um die jüdische Theatergruppe Habimah, die Kornfeld für ein Gastspiel engagiert hatte. Die Kritiken der örtlichen Zeitungen waren vernichtend und in vielen Fällen bereits völkisch-rassistisch begründet. Kornfeld konterte die Kritiken mit einer Generalabrechnung der Presse und musste letztendlich seine Stelle in Darmstadt räumen.

Kornfeld starb 1942 im Ghetto Litzmannstadt.

Den folgenden Ausschnitt aus dem Text habe ich auch deshalb ausgewählt, weil ich der Meinung bin, dass jeder „Typus“, der hier zum Vorschein kommt, auch heute noch in Darmstadt zu finden ist.

[…]
Von Berlin fährt man acht Stunden nach Frankfurt, und dieser Entfernung entspricht etwa das Anderssein der beiden Städte; von Frankfurt nach Darmstadt aber braucht der D-Zug nur eine halbe Stunde, und das ist sehr wunderbar, denn eigentlich müßte man tagelang fliegen: über Länder und Länder, über Wüsten, in denen der Sturm den Sand zu Wolken ballt, über Urwälder, aus denen Schakal, Tiger und Riesenschlange erstaunt zum Flugzeug emporblinzeln, über Steppen und Einöden, ehe man, fern von der Heimat, niedergeht im fremden Erdteil. Aber das Leben ist märchenhaft, ich bin ein Phantast, und es war nur meine unbesiegbare Abenteuerlust, daß ich in diese entlegene Gegend und Stadt für ein Jahr verschlagen wurde; ich hatte nämlich den Antrag bekommen, Dramaturg am dortigen Theater zu werden, und hatte ihn angenommen.

Es gibt Leute, die, von einer Reise zurückgekehrt, flunkern  und von Abenteuern vor sich hertragen. Ich aber gehöre nicht zu dieser Art von Leuten, ich bin ein seriöser Forschungsreisender, und, so wunderbar auch vieles klingen mag, es ist wirklich alles wahr, was hier erzählt ist!

Nun denn, zuerst mußte ich mich ganz der Arbeit widmen: Das Repertoire war zu bilden, und gleich zu Beginn hatte ich viele Unterredungen darüber mit den Vertretern der städtischen und ländlichen Besucherorganisationen. Zu meiner Freude betonten sie immer wieder: ich sollte ja nicht denken, sie seien rückschrittlich, nein, sie wollen auch die moderne Dichtung kennenlernen. Auf meine erstaunte Frage, woran sie dabei denken, kam meistens die gleiche Antwort: Gerhart Hauptmann. Nun, der Intendant stürzte sich in dieses Wagnis und den Zeitungen wurde bald mitgeteilt, daß „Und Pippa tanzt“ vorbereitet wird. Und um diese Zeit hatte ich wieder ein telephonisches Gespräch mit dem recht energischen und selbstherrlichen Oberhaupt einer solchen Organisation, die sich vor allem die Bildung ihrer Mitglieder zur Aufgabe setzt. Es wurde beratschlagt, welche Stücke die Mitglieder in nächster Zeit zu sehen bekommen sollten; und da rief er mitten ins Gespräch: „Aber dieses ‚Und Pippa tanzt‘ wollen wir nicht!“ – Und warum? – „Wir brauchen ernste, seriöse Stücke für unsere Mitglieder!“ – Und – ? – „Nun. man kann sich schon nach dem Titel vorstellen – ! Und Pippa tanzt!“

Kurz zur Erklärung, da das Stück heute vermutlich nicht mehr allzu bekannt ist (ich selbst habe es auch nie gesehen): Der Witz an diesem Absatz besteht vor allem darin, dass die Einen das Stück als furchtbar modern und neu ansahen, obwohl die Uraufführung zu diesem Zeitpunkt bereits über 20 Jahre zurücklag, und die Anderen es allein wegen des Titels für ein unseriöses, lustiges Stück hielten. Worum es wirklich geht, mag man der Beschreibung auf Amazon entnehmen (hier klicken). Nicht nur, dass es sehr wohl ein seriöses, ernstes Stück ist, auch der Bezug zum Jugendstil macht die Ablehnung in diesem Zusammenhang und mit dieser Begründung besonders absurd.

In meiner freien Zeit war ich bemüht, das Land kennenzulernen. Die Bevölkerung schließt sich in Gewohnheiten, Sitten und Formen durchaus der europäischen Zivilisation an und spricht Deutsch; ja, mehr noch, bald war mir bewiesen, wie sehr ihr das Deutschtum am Herzen liegt, denn kurze Zeit nach Beginn der Saison traf vom Deutschen Sprach- und Schriftverein (Sektion Darmstadt) ein langer Brief ein, in dem donnernde Vorwürfe dagegen erhoben wurden, daß die Publikationen des Theaters sich der lateinischen statt der deutschen Schrift bedienen. Und es verging nicht lange Zeit, da kam ein Brief des ersten Bürgermeisters: er hätte vom Deutschen Sprach- und Schriftverein beiliegendes Beschwerdeschreiben erhalten – und die Intendanz möchte sich doch äußern. Bald kam ein gleicher Brief des Ministers, und nur ein wenig später schrieb uns der Staatspräsident dasselbe. Damit sich der Verein nicht am Ende auch noch an die bewaffnete Kolonialtruppe wende, befaßte ich mich auf Wunsch des Intendanten mit den Akten: auf jedem Briefbogen des Vereins steht oben in der Ecke ein Motto gedruckt: „Die Wichtigkeit der deutschen Schrift zeigt sich darin, daß sie von den fremden Regierungen in den besetzten Gebieten unterdrückt wird.“

Was in all den Briefen stand, braucht nicht gesagt zu werden, auch nicht die Selbstverständlichkeiten, die von uns als Erwiderung ausgesprochen werden mußten; unser Brief endete, indem wir zwar Antiqua schrieben, aber Fraktur sprachen, mit der Bitte, der Verein möchte sich – seinem Namen entsprechend – außer der Schrift auch die deutsche Sprache angelegen sein lassen; denn der erste Vorsitzende – er hatte immer unterzeichnet – schien sich nicht nur der Fraktur, das ist in der Übersetzung: der gebrochenen Schrift zu bedienen, sondern auch gebrochen Deutsch zu sprechen. Seine Briefe waren nicht allein dem Stil nach wie vom Laufburschen einer kleinen Kolonialwarenhandlung verfaßt, der aushilfsweise die Korrespondenz des kleinen Geschäftes erledigt, wir belehrten ihn auch über die vielen groben grammatikalischen und syntaktischen Fehler. Aber unser Angriff war ein Schlag in den Wüstensand: mit gewaltigem Sprung ging der Verein von der Form zur Sache über, von Sprache und Schrift zum Inhalt des Geschriebenem, und griff die ganze Angelegenheit beim innersten Kern an: überhaupt, überhaupt, rief er, ob denn überhaupt das, was wir bieten, deutsche Kunst sei? und ob das ein deutsches Theater sei, das ein Stück eines Autors aufführt, in dessen einem Gedicht das Wort pissen vorkommt? Da behielten wir zwar die Antiqua bei, sanken aber im übrigen in uns zusammen und gaben die Korrespondenz auf.

[…]

Vorerst aber lebte ich ahnungslos und friedlich mit den Einwohnern und der Kontakt war schnell gefunden. Hohe Würdenträger schickten mir ihre rührend-naiven oder, wie sie sie schmunzelnd sagten: pikanten Stücke ein, ihre Frauen sprachen Gretchens Gebet vor, und es kamen über entscheidende Dinge viele Bitten, Ratschläge und Klagen ins Bureau. So beschwerte sich ein anonymer Briefschreiber darüber, daß in derselben Loge, in der er zwei gekaufte Plätze innehatte, neben ihm ein Sänger und seine Frau mit Freikarten gesessen waren und daß „auf diese Weise auch die teuren Plätze fürs vornehme Sitzen nicht mehr in Betracht kommen“. Diese Angelegenheit mußte natürlich durch Veröffentlichung zur Diskussion gestellt werden, und es kamen dem ersten Briefschreiber viele andere zu Hilfe; besonders des einen erinnere ich mich mit viel Vergnügen, der nur mit den schlichten Worten unterschrieb: Auch ein Hochzahler.

[…]

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2 Responses to Aus dem Theaterleben 1927/28

  1. Alvi Singer says:

    Guten Abend,
    mich würde ja interessieren, wo ich den gesamten Text lesen kann?

    mfg

    • Ursprünglich wurde der Text 1928 in der Zeitschrift „Das Tage-Buch“ veröffentlicht, kann man beispielsweise hier noch bekommen: http://www.abebooks.de/Tagebuch/5762316641/bd

      Andere Abdrucke in „Revolution mit Flötenmusik und andere kritische Prosa“, eine Sammlung von Texten Kornfelds oder in „Darmstädter Geschichte(n)“: http://www.amazon.de/Darmst%C3%A4dter-Geschichte-n-Fritz-Deppert/dp/3877040101

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