Ein wunderlicher Bibliothekar

… aus Mangel an Zeit mal wieder ein aus dem alten Blog recycelter, leicht überarbeiteter Beitrag…

Karl Wunderlich (1769-1841) kam nach seinem Studium in Gießen und Heidelberg 1789 nach Darmstadt und arbeitete dort als Finanzbeamter in der landgräflichen Rentkammer. Schon 1804, also gerade 35-jährig, wurde er wegen einer Augenkrankheit pensioniert. Dies gab ihm die Zeit sich einem obskuren Hobby zu widmen: dem Sammeln von Zauberbüchern und magischen Gegenständen.

Das Leben des Frührentners war, wenn er finanziell gut abgesichert war, schon im 19. Jahrhundert gerne mal von zu viel Langeweile geprägt und so begann Wunderlich mit der Herstellung von Barometern und Thermometern, die offenbar von sehr guter Qualität waren, denn sie waren bald weit verbreitet in der Stadt. Und da Wunderlich darauf bestand, auf jedes der von ihm hergestellten Barometern seinen Namen zu setzen, sein Werk sozusagen signierte, wurde der Name Wunderlich zur Marke. Jeder wollte ein wunderliches Gerät besitzen.

Schon damals machte man gerne Wortspiele mit Wunderlichs Namen. Der Kunsthistoriker und Journalist Ferdinand Dieffenbach (1835-1887), der in frühster Kindheit den da schon betagten Karl Wunderlich kennengelernt hatte, überliefert eine Anekdote, in der ein Kanzleidiener eines Morgens mit Blick auf eines der Barometer die Meldung machte: „Exzellenz, der Barometer steht auf Wunderlich“. Offenbar war das Quecksilber in dem Gerät so tief gefallen, dass es so aussah, als zeigte es auf die Signatur des Herstellers und würde wunderliches Wetter ankündigen.

Auch sonst stellte Wunderlich allerlei mehr oder weniger brauchbare Gerätschaften her und hatte den Ruf eines verrückten Erfinders, der Daniel Düsentrieb von Darmstadt. Nicht alle seine Erfindungen waren dabei wunderlich, manche sogar ihrer Zeit voraus. 1821 beispielsweise beschrieb er einen von ihm entworfenen Stubenofen, der sich durch besonders sparsamen Verbrauch auszeichnete. Diese Erfindung machte er einzig aus dem Bewusstsein heraus, dass die Ressource Holz begrenzt ist und ein zu schamloser Verbrauch in die Katastrophe führt.

Wunderlichs Sorge um die Zukunft erklärt dann auch ein wenig sein Interesse an magischen Gegenständen und sogenannten Grimoires, Zauberbüchern. Er glaubte, damit auch die Zukunft voraussagen und darauf Einfluss nehmen zu können. So obskur uns das heute erscheint, aus Sicht Wunderlichs war der Schritt gar nicht so weit. Immerhin hatte er mit seinen Barometern großen Erfolg gehabt und was ist ein Barometer anderes als ein Gerät, das verwertbare Aussagen über die Zukunft macht, wenn auch nur auf das unmittelbar bevorstehende Wetter beschränkt? Auf die Idee zu kommen, dass andere Gerätschaften ebenso konkrete Aussagen über andere in der Zukunft liegende Ereignisse machen könnten, erschien nicht abwegig.

Und so verbrachte Wunderlich große Zeit seines Lebens damit, mit einem großen, grünen Augenschirm auf dem Kopf in seinem Arbeitszimmer zu sitzen, alte Handschriften von Zauberbüchern zu kopieren, zu katalogisieren und mit deren Inhalt zu experimentieren. So ist es auch nicht überraschend, dass neben dieser riesigen Bibliothek (manche Quellen sprechen von einem Bestand von 3.000 Büchern, als sicher gelten rund 1.700 Bände) auch die seltsamsten, als magisch angesehene Gegenstände in seinem Besitz waren: Wünschelruten, Nägel von Särgen, zerbrochenes Glas von Kirchenfenstern, das Auge eines Luchses, sogenannte Erdspiegel, die der Weissagung dienten, und vieles mehr.

Dabei stand er noch ganz in der Tradition der Alchemisten, deren Zeit eigentlich bereits vorbei war, und versuchte zu ergründen, was die prima materia ist, die Ursubstanz, die am Anfang der Herstellung des Steins der Weisen stehen muss, mit dessen Hilfe man glaubte, unedle Metalle in Gold verwandeln zu können. Minerale, Gifte, homöopathische Substanzen, alles probierte er aus und schreckte offenbar auch vor Experimenten mit Eigenurin nicht zurück (zumindest lässt sich das aus einer Anmerkungen Dieffenbachs schließen, demnach Wunderlich zuletzt mit einer Materie arbeitete, die er „nicht genauer bezeichnen mag“).

Die abgeschiedene Arbeit in seiner Bibliothek, die ständige Beschäftigung mit magischen Weltbildern und vielleicht auch seine Experimente griffen schließlich Wunderlichs Psyche an, so dass er sich zum Ende seines Lebens hin mehr und mehr vom Teufel verfolgt sah, der sich ihm einmal in der Gestalt eines großen, wütenden, schwarzen Hundes zu offenbaren schien, schließlich aber auch in einem einfachen Wollsack, der ihm auf dem Heimweg den Weg versperrte.

– Warum gehn Se denn net weider, Herr Wunnerlich?
– Ei, Sehn Se denn net? De Deiwel versperrt uns de Weg!
– De Deiwel? Ei, wo dann?
– Ei, da!
– Was? Hinder dem alt Sack?

Kurz gesagt: Herr Wunderlich wurde immer wunderlicher.

Wunderlichs Bedeutung ist dennoch nicht zu unterschätzen. Trotzdem vor allem im 2. Weltkrieg große Teile seiner Sammlung verloren gingen, sind die erhaltenen Handschriften nach wie vor eine der umfangreichsten Sammlungen von magischen Büchern, darunter eine der ältesten Ausgaben des Sechsten und Siebenten Buch Mosis, das nicht nur eines der bekanntesten Grimoires ist, sondern auch eine frühe Form erfolgreichen Marketings. Denn inhaltlich hat das Buch nichts mit Moses zu tun. Es ist kaum mehr als eine Sammlung von Hausmitteln gegen Warzen, Trunksucht oder Fußschweiß, deren Anwendung in magischen Zusammenhang gestellt wird. Durch den geschickt gewählten Titel, der nicht nur auf die biblische Figur des Moses anspielt, sondern auch auf das weitverbreitete Klischee, die Katholische Kirche hätte geheimes Wissen unterdrückt, wurde das Buch zu einem großen Verkaufsschlager, der selbst heute in Esoterikkreisen immer noch guten Absatz findet.

Wunderlichs Sammlung scheint in so krassem Widerspruch zu unseren Vorstellungen vom 19. Jahrhundert, eine von der Aufklärung bestimmten Zeit, zu stehen, dass er selbst deplatziert und anachronistisch wirkt. Es genügt aber, einmal nach dem erwähnten Sechsten und Siebenten Buch Mosis zu googlen, um festzustellen, dass die Aufklärung bis heute nur bedingt das Weltbild der Menschen prägt. Und das war auch im 19. Jahrhundert nicht anders. Großherzog Ludwig I., der als aufgeklärter Fürst gilt, ließ sich 1823 höchstpersönlich von Karl Wunderlich einen Zauberspiegel besorgen, und selbst der Intellektuelle Ferdinand Dieffenbach zeigt sich trotz seines triefenden Spotts gegenüber Wunderlich gleichwohl empfänglich für dessen magisches Weltbild. Lang und breit macht sich Dieffenbach über Wunderlichs Mitgliedschaft in einer sich der Alchemie widmenden Gesellschaft lustig, beschwört Kepler, Newton und Laplace als geistige Leitbilder der Zeit. Später im selben Aufsatz offenbart er aber selbst ein erhebliches Unbehagen gegenüber der angeblichen Macht der Magie.

Wunderlich hatte ihm einen kleinen Zettel mit einer aufgemalten Sonne und einem kurzen, rätselhaften Gedicht geschenkt, das ihn auch Jahrzehnte nach Wunderlichs Tod immer noch so sehr beschäftigte, dass er es sogar veröffentlichte in der Hoffnung, jemand könnte ihm eine Antwort auf die Bedeutung geben:

Der Schlüssel aller Heimlichkeit
An mir allein gänzlich nur leit,
Der mir durch Gottes Gnadgewalt
Vom Engel Michael zugestellt;
Mein Kunst gehört zur Grammatika – –
Lies recht darin, so find’st Du’s da!

Tatsächlich handelt es sich bei dem Gedicht um ein Zitat aus einem alchemistischen Werk, das Anfang des 17. Jahrhunderts unter dem Pseudonym Basilius Valentinus erschienen war. Die aufgemalte Sonne erklärt sich schlicht daraus, dass das Originalwerk von den damals bekannten Planeten handelt, zu denen auch die Sonne gezählt wurde. Dieffenbach hatte reichlich wenig Ahnung davon, worüber er sich so herablassend lustig machte.

Und Wunderlich war es nicht nur gelungen bei dem angeblich so aufgeklärten Dieffenbach ein nachhaltiges Interesse für eine alchemistische Spielerei zu wecken, es gelang ihm auch bei Dieffenbach regelrechte Angst vor Magie zu erzeugen. So warnte Dieffenbach am Ende seines Aufsatzes über Wunderlich vor den Gefahren für jene, die sich mit dessen Zauberbüchern beschäftigen wollen, behauptete, dass, wer ihr Geheimnis erforsche, verrückt werden würde. Er nannte sogar – vermutlich frei erfundene – Beispiele von Menschen, bei denen dies gerüchteweise bereits geschehen sein sollte. Außerdem würden die Behörden den Zugang zu gewissen Büchern Wunderlichs verhindern. Da wird Dieffenbach dann gar zum Verschwörungstheoretiker, obwohl Wunderlichs Sammlung kein Geheimnis und mit keinen größeren Schwierigkeiten als andere im Besitz des Großherzogtums befindliche Sammlungen zugänglich war.

Besonders interessant ist, dass Dieffenbach die Einschränkung macht, dass die Gefahr, die von diesen Büchern ausgeht, natürlich nicht bei ihm, sondern nur bei Ungebildeten vorhanden wäre. Obwohl er sich also vom alchemistischen Denken so deutlich distanziert, legt er hier noch ein durch und durch hermetisches Weltbild an den Tag: aus dem Eingeweihten ist lediglich der Gelehrte geworden, dieser kann sich gefahrlos mit diesen Büchern beschäftigen, der Ungebildete dagegen, der – vor allem heimlich – seine Neugier nicht zügeln kann, der wird bei der Lektüre seinen Verstand verlieren, die Geister, die er ruft, nicht mehr loswerden. Dass die Heimlichkeit die Gefahr erhöht, hat natürlich nichts mehr mit einem aufgeklärten Weltbild zu tun, Dieffenbach ist hier ganz der Schüler derer, über die er gerade noch spottete.

Advertisements

One Response to Ein wunderlicher Bibliothekar

  1. B.ee says:

    Wunderbarer Beitrag!
    Ich habe ihn gerade voll Spannung gelesen.

    Die Geschichte kann man fast als Grusel-/Gute-Nacht-Geschichte am Abend erzählen. 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: