Brandnacht

…angesichts der sich wieder einmal jährenden Brandnacht habe ich den Artikel, den ich dazu in meinem alten Blog geschrieben hatte, noch einmal herausgesucht, da er ja nicht mehr verfügbar war. Ich habe ihn leicht überarbeitet.  

Fliegeralarm gehörte seit 1941 zum Alltag in Darmstadt. Jugendliche mussten als Flakhelfer dienen. Und bereits am 23. September 1943, fast ein Jahr vor der so fatalen Brandnacht, wurde Darmstadt gezielt von einem großen Verband der britischen Royal Air Force (RAF) angegriffen. 149 Menschen starben und vor allem in der Altstadt gab es große Schäden. Die Häufung identischer Nachnamen der vollständig bekannten Toten dieses Angriffs zeigt, dass schon damals vor allem zivile Opfer getroffen wurden.

In der Nacht vom 25. auf den 26. August 1944, nur etwas mehr als 2 Wochen vor der Brandnacht, scheiterte ein Großangriff der RAF auf Darmstadt. Wenn daher später immer wieder behauptet wurde, die Katastrophe vom 11./12. September 1944 wäre für die Darmstädter völlig unerwartet, „aus heiterem Himmel“ (wie es angesichts des Wetters am 11. September 1944 manchmal formuliert wurde) gekommen, so entspricht dies kaum den Tatsachen. Ganz im Gegenteil gab es so viele Warnzeichen, dass es fahrlässig war, sich nicht auf die absehbare Katastrophe vorzubereiten. Das Ausmaß der Zerstörung mag nicht vorhersehbar gewesen sein, dass es zu diesem Angriff kommen würde, aber sehr wohl. Und es stand ebenso außer Frage, dass die Altstadt in so einem Fall wie Zunder brennen würde.

Die Idee hinter der sogenannten Dehousing-Taktik war zynisch. Innerhalb von 15 Monaten sollten die Einwohner der größten deutschen Städte so gezielt getroffen werden, dass etwa ein Drittel der Bevölkerung obdachlos werden würde. Damit sollte die Moral der Deutschen gebrochen werden. Ausgerechnet durch Beobachtungen an der britischen Bevölkerung nach „The Blitz„, den deutschen Luftangriffen auf England, wollte man nämlich herausgefunden haben, dass die Zerstörung des eigenen Hauses die größte Auswirkung auf die Moral der Bevölkerung hat, mehr noch als der Tod naher Verwandter.

Für Darmstadt war die Entscheidung für diese bis heute umstrittene Taktik von besonders grausamer Ironie, denn eines der Kriterien, um als Zielobjekt ausgesucht zu werden, war eine Einwohnerzahl von mindestens 100.000. Darmstadt hatte diese kritische Schwelle erst 1937 überschritten und das auch nur aufgrund der Zwangseingemeindung von Arheilgen und Eberstadt. In gewisser Weise war die Dehousing-Taktik ein grandioser Fehlschlag. Die Annahme, ein solch gezielter Akt der Zerstörung würde die Moral der Bevölkerung brechen, war ein Irrtum. Im Gegenteil: es schürte den Hass auf die Angreifer und führte so eher zu einer Solidarisierung mit der Wehrmacht und dem Nazi-Regime, eine Solidarisierung, die man von älteren Darmstädtern noch Jahrzehnte nach dem Krieg hören konnte, immer wieder begründet mit der Brandnacht.

Etwa um 23.25 Uhr wurde an jenem 11. September 1944 Fliegeralarm ausgelöst. Der Angriff selbst begann eine halbe Stunde später. Weitere 25 Minuten später war er schon wieder vorbei. Die Folgen für die Menschen am Boden überfordern jedoch die Vorstellungskraft. In der Stille der Nacht erklang ein ganz sanft lauter werdendes Dröhnen, das Maschinengeräusch der nahenden Flugzeuge. Sie kreisten über der Stadt und in dem Moment, als den Menschen klar geworden sein muss, dass dieser Angriff anders sein würde als die bisherigen, wurde es plötzlich taghell: die Markierungs- und Zielleuchten der Angreifer erleuchteten die ganze Stadt. Es war das Leuchten, das dem Donner vorausgeht.

Dann fielen die Bomben, insgesamt rund 700 Luftmienen und Sprengbomben und die unvorstellbare Zahl von ca. 285.000 Brandbomben, die gezielt die ganze Stadt in Flammen setzten. Und das war noch die ungefährlichere Phase, denn noch befanden sich alle Bewohner in ihren Kellern, die den meisten Einschlägen standhielten. Nur etwa 15% der Opfer starben direkt an den Folgen eines Bombentreffers. Das Feuer aber verzehrte den Sauerstoff in den Häusern, so dass die Menschen die Keller verlassen mussten, wenn sie nicht ersticken wollten. Wenn der Weg nach draußen durch eingestürzte Gebäudeteile versperrt war, war man verloren.

Als besonders fatal erwieß sich ein Munitionszug am Bahnhof (laut anderen Quellen eine Munitionskolonne in der Rheinstraße), der als Folge des Feuers immer wieder Explosionen erzeugte und den Menschen so vorgaukelte, es würden noch Bomben fallen. Auch der Feuersturm, der durch die Straßen peitschte, missdeuteten einige als das Dröhnen von Flugzeugen. So nahmen viele Menschen an, der Luftangriff würde immer noch andauern und trauten sich nicht aus ihren Kellern, obwohl sie diese Möglichkeit noch gehabt hätten.

Da die Rauchentwicklung immer größer wurde, mehr und mehr Flächenbrände tobten und immer mehr Gebäude einstürzten, bedeutete auch das für viele den Tod. Der Fall eines Apothekers macht die Ausweglosigkeit dieser Situation besonders eindringlich deutlich: eingesperrt in einem Keller, um ihn herum bereits Verstorbene, schnitt er sich mit einem Rasiermesser selbst die Kehle durch.

Doch auch wer es nach draußen schaffte, war keineswegs in Sicherheit. Die ganze Stadt brannte. Heruntergefallene Holzbalken loderten wie Scheiterhaufen auf den Straßen und versperrten die Fluchtwege. Noch begehbare Wege und Straßen waren oft so dicht von Rauch durchzogen, dass ein Durchkommen unmöglich war. Selbst auf offenen Plätzen konnte man kaum noch atmen. Die Menschen starben auch im Freien reihenweise an Rauchvergiftungen. Der Feuersturm war so kräftig, dass die Glocken der St.-Elisabethkirche am Herrngarten ganz von alleine und seltsam, unwirklich und dumpf zu läuten begannen. Im Brunnen des Bismarckdenkmals hatten sich etwa 50 Menschen gedrängt, um sich vor den Flammen und der Hitze zu schützen. Nur 12 von ihnen lebten am Morgen noch.

Der Teer der Straßen brannte und schmilzte in der Hitze und wer unachtsam hineintrat, blieb darin stecken. Es gibt einen Augenzeugenbericht, nach dem ein Vater verzweifelt versuchte, seine Tochter, die an dem Teer festklebte, herauszuziehen, während sie langsam starb. An anderer Stelle stürzte eine schwangere Frau ohnmächtig zusammen, starb und brachte dennoch in diesem Moment ihr Kind zur Welt, das ebenfalls dort auf der Straße verbrannte.

Damit ist bei Weitem noch nicht alles Grauen erzählt, das in dieser Nacht geschah, doch es sollte genügen, um sich klarmachen zu können, dass diese Nacht in ihren Grausamkeiten jegliche Schreckensvision übertraf. Und das alles für nichts. Den Krieg hatten die Deutschen zu diesem Zeitpunkt längst verloren. Es ist kaum denkbar, dass die Darmstädter beim Einmarsch von US-Truppen einige Monate später größeren Widerstand geleistet hätten, hätte es diesen Luftangriff nicht gegeben und selbst wenn, hätte es wohl nicht einmal annähernd solch ein Ausmaß an Horror gegeben.

Die Opferzahl ist schwer abzuschätzen. Die amtliche Zählung am nächsten Tag ergab 6.049 Tote und 4.502 Vermisste. Manche hat das dazu veranlasst, alle Vermissten ebenfalls als Tote zu zählen und außerdem noch eine gewaltige Dunkelziffer draufzupacken, da nicht Ortsansässige, Soldaten ortsfremder Truppenverbände und Zwangsarbeiter vermutlich nicht in dieser amtlichen Zählung aufgenommen worden sind. Oft liest man die Zahl 12.300. Sie dürfte jedoch deutlich zu hoch angesetzt sein. Im Laufe der Aufräumarbeiten in den nächsten Wochen fand man weitere Tote, so dass sich die gesicherte Zahl von 6.049 auf 8.433 erhöhte, darunter – nebenbei bemerkt – auch 368 russische Kriegsgefangene und 492 Zwangsarbeiter, ein Beleg mehr für die Fragwürdigkeit des Flächenbombardements. Natürlich tauchten aber auch viele Vermisste wieder auf. Eine realistische Schätzung der Opferzahlen dürfte eher bei ca. 10.000 liegen, beinahe jeder zehnte Darmstädter starb also in dieser Nacht.

Das Leben nach dem Angriff war das in einer Trümmerwüste von apokalyptischem Ausmaß. Das ohnehin eher ruhige Darmstadt war entvölkert, 10.000 tot, je nach Quelle weitere 50.000 bis 65.000 evakuiert. Die Einwohnerzahl war damit um mehr als die Hälfte zurückgegangen. Doch vor allem das, was nicht dem Angriff zum Opfer fiel, sorgte für Gesprächsstoffs: der lange Lui und das Gefängnis an der Rundeturmstraße. Das eine als letztes Symbol des untergegangenen Glanzes der einstigen Hauptstadt eines Großherzogtums, mit Großherzog Ludwig auf der Spitze, der seinen Blick nach Westen auf die zerstörte Mollerstadt richtete, die unter seiner Herrschaft erbaut worden war. Das andere als zynisches Mahnmal des Angriffs: ausgerechnet die Straftäter hatten die Attacke, die sonst keinen Unterschied zwischen Männern, Frauen und Kindern machte, verschont.

Rational betrachtet war es zwar Glück, dass diese beiden Bauten nicht von einer Bombe zerstört wurden, aber auch kein Wunder. Die meiste Zerstörung wurde nicht durch direkte Bombentreffer verursacht, sondern durch den Brand, der in der Folge entstand. Der Lange Ludwig aber steht isoliert mitten auf dem Luisenplatz und so konnten die Flammen auf die ohnehin nur schwer brennbare Säule nicht übergreifen. Die Bomben selbst waren aber zu ungenau, um das Denkmal trotz seiner Größe sicher treffen zu können. Absurd und symbolisch zugleich muss es den Darmstädtern aber dennoch erschienen sein, dass ausgerechnet dieses riesige Symbol einer längst untergegangenen Monarchie den Angriff überlebt hatte. Das Gefängnis war sicher gefährdeter, aber da es nahe der Stadtmauer stand und solider gebaut war als die vielen Holzbauten der Altstadt (eben nicht zu großen Teilen aus dem leicht brennbaren Material Holz bestand), waren die Chancen, den Angriff zu überstehen, deutlich höher als bei den meisten anderen Gebäuden.

Die in der Stadt zurückblieben, kämpften ums nackte Überleben. Die Nazi-Obrigkeit, die nicht einmal den Anstand besaß, wenigstens bei der Trauerfeier für die Toten ihre unsägliche Propaganda zu unterlassen, versuchte mit hartem Durchgreifen Plünderungen zu verhindern. Wer aus reiner Not Essen stahl oder auch nur tatsächlich herrenlose Ware in den Kellern der ausgebombten Häusern an sich nahm, wurde mit dem Tod bestraft. Von oben warfen Briten und später auch die US-Amerikaner Bomben, unten verhungerte man oder wurde, wenn man, um das zu verhindern, Brot stahl, von den Nazis getötet.

Fliegeralarme gehörten trotz der eigentlichen Vernichtung der Stadt weiterhin zum Alltag, ein Großangriff am 12. Dezember 1944 durch die Amerikaner war vom materiellen Aufwand noch gewaltiger als der Angriff der Royal Air Force am 11./12. September: fast doppelt so viele Bomber kamen an diesem Tag zum Einsatz. Der Angriff zielte jedoch in erster Linie auf die Industriegebiete Darmstadts, vor allem das Gelände von Merck. Dennoch kamen noch einmal mehr als 300 Menschen ums Leben. Danach gingen die Fliegeralarme immer mehr zurück, bis Darmstadt am 25. März 1945 schließlich kampflos den Amerikanern übergeben wurde.

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3 Responses to Brandnacht

  1. Pingback: „Fliegeralarm gehörte seit 1941 zum Alltag in Darmstadt.“ | Verwickeltes

  2. Marc says:

    Schön, das der Artikel wieder da ist. Auf den wollte ich doch verlinken. 😉

  3. Pingback: Archäonews 11.09.2012 Brandnacht, Depot und Geschenke | Tribur.de

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