Straßenverlauf in grauer Vorzeit und erstes Stadttor

Ein kleiner Nachtrag noch zum letzten Beitrag und die umstrittene Frage, ob die alte Bergstraße durch das Frankfurter Tor am Schlossgraben oder durch das Arheilger Tor östlich des heutigen Darmstadtiums führte.

Schauen wir uns zunächst an, was für den Verlauf der alten Bergstraße entlang des ehemaligen Frankfurter Tors spricht. Die alte Verbindung zwischen Darmstadt und Arheilgen verlief über die Arheilger Straße (deswegen heißt die ja auch so). Verlängert man die Arheilger Straße gerade nach Süden, so kommt man exakt an der Stelle an, an der das Frankfurter Tor stand. Da die Bergstraße von den Römern ausgebaut wurde und die Römer dafür bekannt sind, schnurgerade Wege gebaut zu haben, scheint es plausibel, dass das der Verlauf der Straße war. Doch ganz so einfach ist es natürlich nicht.

Das Problem ist, dass es keine Karte gibt, die den weiteren Verlauf der Arheilger Straße nach Süden vor dem Bau der Alten Vorstadt und damit vor der Verlegung der Straße nach Osten (die heutige Magdalenenstraße) zeigt. Durch die Bauten der TU wurde sogar der Abschnitt bis zum Kantplatz unterbrochen. Ein Vergleich mit alten Karten führt jedoch zu dem Ergebnis, dass der kleine Weg südlich der TU Bauten immer noch dem alten Verlauf der Arheilger Straße entspricht. Man beachte die kleine trapezartige Fläche am Kantplatz. Diese war schon in den frühesten Darstellungen der Pankratius-Vorstadt vorhanden. Bei der geraden Verlängerung der Arheilger Straße verfehlt man diesen Punkt aber deutlich. Verlängert man den Weg jedoch erst von diesem Punkt am Kantplatz aus, landet man nicht mehr am Frankfurter Tor, sondern irgendwo mitten in der Stadtmauer. Zu diesem Ergebnis kommt man auch, wenn man alte Stadtpläne dahingehend untersucht.

Die Verlängerung der Arheilger Straße trifft genau auf den ehemaligen Standort des Frankfurter Tors
Bildquelle: Google Earth

Vergrößerung des Ausschnitts am Kantplatz.
Bildquelle: Google Earth

Verlängerung der Arheilger Straße ausgehend von dem kleineren Weg südlich der TU Gebäude
Bildquelle: Google Earth

Das zeigt zweierlei: zum einen, dass schon kleinste Veränderungen zu völlig anderen Ergebnissen führen können, und zum anderen, dass die Arheilger Straße eben doch nicht so schnurgerade verlief. Tatsächlich kann man aus den alten Stadtplänen ersehen, dass die Arheilger Straße nur dort gerade war, wo bereits Gebäude standen. Verließ man die Bebauungsgrenze schlängelte sich der Weg fröhlich durch die Landschaft, ähnlich wie er es südlich der Stadt nach Bessungen tat und wie es heute noch an der Karlstraße erkennbar ist. Und selbst wenn die Arheilger Straße auf das Frankfurter Tor getroffen wäre, hätte sie spätestens dort ihre Richtung ändern müssen, um auf den Weg nach Bessungen zu treffen.

Kurz gesagt: Rückschlüsse über den Verlauf der alten Landstraße anhand der Ausrichtung der Arheilger Straße sind nicht stichhaltig, da diese Straße nicht gerade verlief und keine bildlichen Aufzeichnungen aus der Zeit, bevor die Straße nördlich der Stadtmauer versetzt wurde, existieren.

Warum aber war die Straße nicht gerade? Waren die Leute damals alle besoffen? Oder zu doof, gerade Straßen zu bauen? Es dürfte wohl so gewesen sein, dass die Schlangenlinien der Straße dem Gelände geschuldet waren. Und da soll man dann die Straße ausgerechnet durch eine Senke des Darmbachs hinabgeführt haben? Der Darmbach mag uns heute wie ein laues Bächlein erscheinen, doch seine Wassermenge reichte aus, um mehrere Mühlen zu betreiben, den Schlossgraben mit Wasser zu füllen und den Großen und Kleinen Woog anzulegen. Den Weg hier durch eine Senke zu führen, wäre reichlich dumm gewesen. Warum hätte man den Weg ausgerechnet dort entlang führen sollen, wo er bei jedem stärkeren Regen unter Wasser gestanden hätte?

Die Ursprünge dieses Weges dürften noch vor den Römern liegen. Damit war es kein „von Staats wegen“ angelegter Verkehrsweg, sondern einfach durch den Gebrauch entstanden und sicher nicht überall gepflastert. Man lief oder fuhr eben dort, wo man zum einen nicht zu hoch auf den Berg hinauf musste und zum anderen aber auch nicht so tief hinabsteigen, um durch Sumpf zu waten. Von daher ist es plausibel, dass die Straße in Darmstadt einen der vielen Schlenker machte, wie sie am Verlauf der Karlstraße noch zu erkennen sind. Der Altstadtstraßenzug Bessunger Straße, Holzgasse, Langegasse, Obergasse machte genau so einen Schlenker um die Darmbachsenke herum und trat dann am Arheilger Tor aus der Stadt heraus.

Wäre der alte Verkehrsweg am Schlossgraben entlang gelaufen, hätte das Arheilger Tor überhaupt keinen Sinn gemacht. Denn dann wäre das erste Stadttor natürlich auch am (heutigen) Schlossgraben gestanden. Warum aber hätte man dann noch ein weiteres Tor einige Meter nach Osten in die Mauer brechen sollen? Es macht nur umgekehrt Sinn, nämlich dass das Frankfurter Tor am Schlossgraben nach der Anlage der Alten Vorstadt zur Anbindung dieser an den Marktplatz entstand.

Die ältesten bildlichen Darstellungen Darmstadts stammen aus dem späten 16. und frühen 17. Jahrhundert. Wie der Zufall so spielt, sind sie alle von einem nördlichen Blickwinkel aus entstanden. Auf diesen Stichen ist das Arheilger Tor immer gut zu erkennen. Das Frankfurter Tor ist zumindest nicht identifizierbar. Entweder war es zu klein, der Blickwinkel zufällig immer so schlecht, dass es von den Schlossbauten verdeckt wurde, oder es war schlicht und ergreifend noch nicht vorhanden. Ohne dieses Tor gab es aber auch zwangsläufig keinen Überlandweg an dieser Stelle.

Auch der Verlauf der Straßen innerhalb der Altstadt widerspricht der These von dem Verlauf der Straße entlang des Schlossgrabens. Während die Alternative über das Arheilger Tor noch bis ins späte 17./frühe 18. Jahrhundert ein durchgängiger Straßenzug war, war der Weg über das Frankfurter Tor ein echter Zick-Zack-Kurs. Ständig musste man Gebäuden ausweichen. Es ist absolut undenkbar, dass eine Straße, die noch bis mindestens 1571 eine Durchgangsstraße für den Verkehr von Heidelberg nach Frankfurt war, einen dermaßen unkomfortablen Verlauf gehabt hätte.

Obwohl die Ochsengasse die Hauptverkehrsstraße war, die die Oberstadt mit dem Markt verband, sind die Straßen der Oberstadt an der Langegasse ausgerichtet gewesen. Ein weiteres Indiz für die große Bedeutung der Langegasse in der Frühzeit der Stadt bzw. des Dorfes. Die Langegasse selbst wurde irgendwann Ende des 17. oder Anfang des 18. Jahrhunderts an ihrem unteren Ende umgebaut und nach der mittlerweile wichtiger gewordenen Holzstraße ausgerichtet, weshalb die Straße auf alten Stadtplänen an dieser Stelle einen so unnatürlichen Knick hat. Dass sie ursprünglich gerade durch zum Bessunger Tor verlief, ist aber keineswegs nur eine hypothethische Schlussfolgerung, sondern auf dem Plan von Ludwig VI. aus dem Jahr 1663 noch gut zu erkennen.

Schon 1450 scheint den Bürgern bewusst gewesen zu sein, dass das Arheilger Tor an einer ungünstigen Stelle stand. Da bittet man nämlich (erfolglos) die Grafen von Katzenelnbogen die Straße nach Arheilgen zu einem einfachen Feldweg umzuwandeln und eine neue Straße zwischen den Fluren zu der Kirche anzulegen. Es ist nicht ganz klar, was das heißen sollte. Am ehesten dürfte eine Straße gemeint gewesen sein, die westlich des Schlosses über den Marktplatz zur Kirche führte, also durch das Neue Tor. In jedem Fall aber ging es um die bessere Anbindung an den Markt, was nur bedeuten kann, dass die alte Straße östlich durch die gesamte Oberstadt führte. Wäre sie am Schlossgraben vorbeigegangen, wäre die Anbindung an den Markt ja schon vorhanden gewesen.

Fazit: die Meinung, dass die alte Überlandstraße von Bessungen über Darmstadt nach Arheilgen entlang des Schlossgrabens führte, ist aus verschiedenen Gründen unwahrscheinlich. Sie muss über den Straßenzug Bessunger Straße, Holzstraße, Langegasse, Obergasse geführt haben. Damit legte sie den Standort des ältestens Nordtors der Stadt fest, dem Arheilger Tor.

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